Buchhändler ermutigen, auf Amazon zu reagieren

Auch in Frankreich ist der stationäre Buchhandel unter Druck. Die Regierung greift traditionell stärker regulierend in den Buchmarkt ein – Präsident François Hollande hat sich in dieser Woche für den Erhalt des stationären Buchhandels ausgesprochen und die zügige Umsetzung eines Pakets zur Unterstützung des Buchhandels angekündigt. Die Kulturministerin Aurélie Filippetti benennt im Interview Ziele und Handlungsspielräume.
Filippetti ist seit Mitte Mai 2012 die Kulturministerin Frankreichs, eine  Position, die traditionell mit einem Engagement für den Buchhandel verbunden ist. Filippetti hat seit ihrem Amtsantritt unter anderem die Rückkehr zum verminderten Mehrwertsteuersatz von 5,5% zum Januar 2013 verantwortet. Dieser gilt auch für E-Books und wird 2014 sogar noch weiter auf 5% sinken. Außerdem vermittelt sie in den Verhandlungen zwischen Autoren und Verlagen über die Urheberrechte im digitalen Zeitalter und macht sich für die Digitalisierung verwaister Werke stark.

Derzeit beschäftigt Filippetti insbesondere die Krise des stationären Buchhandels, die sich in Frankreich zuletzt im laufenden Insolvenzverfahren des Medienhändlers Virgin manifestierte. Die Minsterin sieht Virgin neben Managementfehlern auch als Opfer einer „unlauteren Konkurrenz durch Unternehmen wie Amazon, die die steuerlichen Regeln nicht respektieren“. 

buchreport bringt Auszüge aus einem Interview, das das Branchenmagazin „Livres Hebdo“ mit der Ministerin geführt hat. 
Inwiefern kann das Ministerium den Fachleuten in den Unternehmen helfen, die mit den Umwälzungen der digitalen Revolution zu kämpfen haben?
Ich habe mehrere Arbeitsgruppen eingerichtet, die mir Berichte vorlegen. Insbesondere habe ich einen internen Bericht über das Scheitern des Portals 1001Libraires.com angefordert, das leider keinen Webshop der unabhängigen Buchhändler in Konkurrenz zu Amazon etablieren konnte. Zudem wird Ende Februar ein Bericht über die mög­lichen Hilfen für Buchhandlungen abgeschlossen. Wir müssen ein Verteilen nach dem Gießkannenprinzip vermeiden. Mein Ziel bleibt, dem Handel zwei Prozentpunkte zusätzlicher Marge zu verschaffen. Ende März werde ich auf dem Pariser Salon du livre meinen Plan zur Unterstützung der Buchhändler bekanntgeben.
Sie haben die Mehrwertsteuer für E-Books gesenkt. Haben die Verlage Ihrer Absicht entsprechend die Ersparnis an den Kunden weitergegeben?
Nicht alle. Aber sie müssen es tun. Das ist einer der Schlüssel zum Erfolg dieser Maßnahme – und des ausstehenden Verfahrens mit der EU-Kommission. 
Wie ist der Stand beim Streit mit Brüssel?
Ich habe letztens José Manuel Barroso, den Präsidenten der EU-Kommission, getroffen. Wir haben lange diskutiert. Barroso ist ein Mann mit einer hohen Sensibilität für Fragen der Kultur. Ich habe ihm unsere Argumente erklärt: Europa darf nicht sagen, dass es die Entwicklung einer digitalen Gesellschaft unterstützen will, und Frankreich dann dafür bestrafen, dass es in diesem Sinne handelt. Die Senkung des Mehrwertsteuersatzes ist ein Wachstumshebel für die gesamte Branche.
Wie schätzen Sie die Entwicklung des E-Book-Marktes ein?
Er wird wachsen, aber wir sehen durchaus, dass die Leser noch im­mer am Papier hängen. Das hängt auch mit der Ge­wohnheit der Franzosen zusammen, Buchhandlungen zu frequentieren – über die ich mich freue. Die Hauptsache ist, dass die Leser die Wahl haben: Das E-Book darf nicht das System zerdrücken, das wir mit Mühe aufgebaut haben und das die verlegerische Diversität und damit auch die Diversität der Werke garantiert.
Welche sind die großen Weichen, die Sie mit Ihren kommenden Plänen für den Buchhandel stellen wollen?
Es gibt mehrere Ansatzpunkte: Wir haben die Idee eines speziellen Unterstützungsfonds für den Buchhandel. Ich würde gern die Zahl der Buchhandlungen, die von dem Label LIR für ausgezeichnete unabhängige Buchhandlungen profitieren, auf etwa 2000 erhöhen. Ich habe auch den Wunsch ausgesprochen, dass Unternehmen wie Virgin oder Fnac der Arbeitsgruppe zur Zukunft des Buchhandels beitreten. Auch wenn für den unabhängigen Buchhandel besondere Bedingungen bestehen, richte ich meine Aufmerksamkeit auch auf solche größeren Gruppen. Wenn noch vor 20 Jahren der Interessensgegensatz zwischen den stationären Buchhandlungen unterschiedlicher Größe akzentuiert wurde, verbinden sie heute gemeinsame Probleme, die angesprochen und in An­griff genommen werden müssen. Wir untersuchen unter anderem die Frage der Portokosten, weil Amazon den Buchhändlern besonders durch seine guten Lieferkonditionen Konkurrenz macht. Ich will die Buchhändler ermutigen, mit deutlichen Schritten auf Amazon zu reagieren. Der Zugang aller Händler zu öffentlichen Aufträgen erscheint mir ebenfalls sehr wichtig. Wir interessieren uns dafür, in Fragen der Ausbildung, Einrichtung und Ausstattung zu helfen. Die Buchhändler müssen die Möglichkeit haben, Bücher in ge­druckter und elektronischer Form anzubieten. Und ich unterstütze hierzu jeden Schritt in Richtung einer weiteren Vernetzung.
Muss die im Rahmen der französischen Buchpreisbindung bislang gewährte Rabattoption von 5% entsprechend der aktuellen Forderung des Buchhändlerverbandes SLF ab­geschafft werden?
Die Diskussionen darüber dauern an. Das Problem ist, dass von ei­nem Rabattierungsverbot alle profitieren würden, einschließlich Amazon. Natürlich möchte ich den Buchhändlern eine höhere Marge ermöglichen, unter anderem durch die Mehrwertsteuersenkung. Wir wollen aber nicht, dass das Buch durch seinen Preis schlechter ge­stellt wird: Den Kunden gegenüber wäre es kein sehr gutes Signal, den 5%-Rabatt zu streichen. Und letztlich würde mich dieser Schritt auf politischer Ebene zwingen, eine Preisbindungsdiskussion zu eröffnen. Darauf würde ich gern verzichten, das könnte gefährlich sein.
Es scheint, als gehe die Buchlektüre zurück. Teilen Sie diese Einschätzung? Welche Initiativen können Sie ergreifen?
Die Praxis des Lesens an sich ist keineswegs bedroht. Es wird anders und anderes gelesen. Was ab­nimmt, ist die lineare Lektüre eines Buches. Selbst die Vielleser lesen weniger. Wenn sich die Definition eines Viellesers von 25 auf 16 gelesene Bü­cher pro Jahr ändert, ist das beunruhigend.
Mit freundlicher Genehmigung von „Livres Hebdo“. Aus dem Französischen von Lisa Neis. 

aus: buchreport.magazin 3/2013

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