Die Kindle-Jäger formieren sich

Anita Offel-Grohmann (Geschäftsleitung Programm, Club Bertelsmann), Michael Busch (Thalia), Nina Hugendubel, Thomas Kiessling (Innovationsschef Telekom), Carel Halff (Weltbild)

Nicht einmal zwei Jahre ist Amazon hierzulande mit einem eigenen E-Book-Programm unterwegs (hier die Meldung zum Start). 680 Tage, in denen der es der Münchner Dependance des E-Commerce-Giganten gelungen ist, den zeitlichen Vorsprung deutscher Buchhändler – Thalia, Libri und Libreka starteten im Frühjahr 2009 – einzuholen und den gesamten Markt aufzurollen. Und so weit davonzueilen, dass den Verfolgern klargeworden ist, dass sie nur noch im Schulterschluss an der E-Book-Marktmacht von Amazon kratzen können. „Tolino“ heißt das gemeinsame Angebot von Weltbild, Hugendubel, Thalia, Bertelsmann Club und Telekom. Und ist der größte Angriff auf die digtale Vorherrschaft von Amazon. 

Die Grundzüge der Partnerschaft im Überblick:
Was ist „Tolino“?
Unter der Marke „Tolino“ firmiert die strategische Partnerschaft der beiden größten stationären Buchhändler, des größten deutschen Medienkonzerns und der Telekom. Im Zentrum des Bündnis steht die Vermarktung des Readers „Tolino shine“, der in den Filialen von Thalia, Weltbild, Hugendubel, Club Bertelsmann, den Telekom-Shops sowie über die Online-Shops der Partner vertrieben wird. Die Zahl der stationären Verkaufsstellen liegt laut Tolino-Partner bei 1500. Hinzu kommen 11.000 HotSpots der Telekom, die von den Tolino-Kunden zum Download von E-Books genutzt werden können. 
Wer macht in der Partnerschaft was?
Die Buchhändler übernehmen hauptsächlich den stationären Vertrieb (mit Beratung), bieten über ihre individuellen Shops aber auch Inhalte an (die Zahl der verfügbaren E-Books wird auf 300.000 Titel taxiert). Die Telekom stellt die Lesegeräte (der zum Start angebotene „Tolino shine“ ist erst der Anfang einer geplanten Produktpalette) und die Cloud-Technologie – die Bonner sehen sich als „führender Cloud-Anbieter“ in Deutschland. Diese soll ermöglichen, dass die Nutzer ihre dezentral (in einem der Shops) gekauften E-Books zentral im Internet speichern können, um diese auf verschiedenen Geräten nutzen zu können. Das Speichern soll für den Kunden kostenlos und dauerhaft erfolgen – offenbar eine Anspielung darauf, dass die Anbindung an die Cloud bei Amazon nur solange möglich ist, wie der Leser Kunde bei Amazon bleibt.
Was kann der „Tolino shine“?
Das Gerät verfügt über ein E-Ink Display, 6 Zoll großes Touch-Display, Auflösung: 1024 mal 758 Pixel. Ähnlich wie der Kindle Paperwhite, der Kobo Glo und Bookeen HD Frontlight hat der Tolino shine eine (wie der Name andeutet) integrierte Beleuchtung. Der Akku hält, wie die T-Partner erklären, bis zu sieben Wochen. Der Gerätespeicher biete Platz für bis zu 2000 E-Books und sei mit einer SD-Karte erweiterbar. Der Reader wird ab 7. März zu einem Einführungspreis von 99,99 Euro angeboten.
Ist der „Tolino shine“ besser als der Kindle?
Das kann erst nach einem ausführlichen Test verifiziert werden. Zumindest ist dies der Anspruch der Allianz. Anita Offel-Grohmann, Geschäftsleitung Programm beim Club Bertelsmann, versichert, das Gerät spiele „technisch und in der Handhabung in der Champions League“. Und ergänzt: „Selbst für Leute, die heute schon digital lesen, erreicht der Tolino eine neue Qualitätsstufe.“
Welche Vorteile soll „Tolino“ sonst haben?
Die Allianz verweist besonders auf die Offenheit des Systems. Anders als bei Amazon, wo die Kindle-E-Books nur auf den Amazon-Geräten bzw. in den Kindle-Apps gelesen werden können, sollen die bei den Tolino-Partnern gekauften Inhalte in der Telekom-Cloud kostenlos und dauerhaft gespeichert werden können. Der Zugriff soll von beliebigen Endgeräten aus möglich sein.  
Wie weit reicht die Partnerschaft?
Die beteiligten Firmen betonen, dass sie Wettbewerber bleiben, und zwar im digitalen wie auch stationären Geschäft. Konkret heißt das: Die jeweiligen Shops von Thalia und Co. bleiben bestehen, es werden keine Daten ausgetauscht. Die Tolino-Truppe schließt nicht im Kollektiv Verträge mit Verlagen ab – aus kartellrechtlichen Gründen, heißt es. Hugendubel bezieht also die Inhalte weiterhin u.a. über den Digitalkiosk Pubbles, während Weltbild verstärkt dazu übergeht, selbst Verträge mit Verlagen abzuschließen. Dennoch betont Thalia-Chef Michael Busch, dass es eine solche Kooperation aus führenden Buchhändlern eines Sprachraums mit einem Technologieunternehmen noch nie gegeben habe. „Wir brechen damit zu völlig neuen Ufern auf.“ Er sehe in der gemeinsamen Entwicklung „tragfähiger nationaler Lösungen“ gerade im digitalen Bereich „riesen Chancen für jeden von uns“.
Ist die Partnerschaft offen?
Das Tolino-Programm stehe weiteren interessierten Buchhändlern offen, heißt es, allerdings sind die Partner aktuell technisch noch nicht so weit, um unmittelbar Partner anzudocken. Dies ist aber geplant. Auch kleinere Buchhändler sollen zum Netzwerk zustoßen können.
Welches Ziel verfolgen die T-Partner?
Wie eingangs erwähnt, zielt die Allianz eindeutig darauf ab, der Marktmacht von Amazon etwas entgegenzusetzen. Entsprechend erklärt Weltbild-Chef Carel Halff: „Die Zukunft der deutschen Buchbranche soll auch weiterhin bei uns liegen und nicht in den Händen börsennotierter amerikanischer Konzerne.“ Im Interview mit buchreport.de erklärt Halff: „Halff: Keine Frage, Amazon ist der größte Player. Aber wenn wir die von der GfK ausgewiesenen Anteile von Hugendubel, Weltbild, Thalia addieren würden, dann liegen wir auf Augenhöhe, wir  bleiben im Markt aber weiter Wettbewerber. Das Spiel ist also offen.“ Thalia-Chef Michael Busch sagt bei der Präsentation des Tolino, der gemeinsame Marktanteil liege aktuell bei 40%.

Kommentare

12 Kommentare zu "Die Kindle-Jäger formieren sich"

  1. Thalia, Weltbild, Hugendubel, Bertelsmann – warum nochmal soll ich ausgerechnet bei denen kaufen? Ach so, weil sie DEUTSCH sind. Genau, das muss es sein.

    Andere Gründe fallen mir nicht ein. Dass die kleine Verlage unterstützen beispielsweise, ist mir in den letzten Jahren nicht aufgefallen (war vor längerer Zeit, als die Jahre noch mit 19 anfingen, in großen Hugendubel-Filialen mal anders).

    Fachliche Beratung? Nun ja, zwischen den Tischen mit den bunten Taschenbüchern und Playmobil können sie die Kunden sicher hin- und herlotsen, und einen gesuchten Titel, der natürlich nicht im Laden vorrätig ist, können sie auch in den Computer eintippen und bestellen. Wer das fachliche Beratung nennen mag, bitte schön.

    Die großen Filialisten haben den deutschen Buchmarkt nivelliert (auf niedriger Stufe), und nun soll man ihnen gegen den noch größeren Angreifer als Kunde beistehen? Thanks, but no thanks.

  2. Hans Paulsen | 3. März 2013 um 0:08 | Antworten

    Den ersten Satz habe ich nicht ganz verstanden. Ja, Amazon kam vor 2 Jahren mit Ebooks nach Deutschland, aber was hatte er „aufzuholen“? Amazon hat doch erstmal einen Ebook Markt in Deutschland geschaffen.

  3. Hat das Gerät Silbentrennung?

    Nennt mir mal einen wirklich objektiven Vorteil gegenüber dem Kindle.

  4. Raphael König | 1. März 2013 um 23:56 | Antworten

    Ich glaube, die Partner haben nicht gemerkt, dass es, zumindest in Deutschland, nie einen Trend für Ereader gab. Was ist denn wohl Ihrer Meinung nach der Grund, weshalb Amazon die eigenen „reinen“ Ereader „verramscht“? Kostete damals beispielsweise ein Kindle DX ca. 400 USD in der Grundausstattung, so ist heute das Topmodell des Kindle Paperwhite 3G für ca. 245 USD zu haben. Den günstigsten Kindle gibt es schon für ca. 100 USD. Der Grund liegt doch auf der Hand: Durch die enormen Absatzzahlen im Tabletmarkt versucht Amazon die Kunden zu locken, um sie an ihr .azw-Format zu binden und somit ihre Sparte zu retten. Deshalb auch die Entwicklung eines „Ereaders-mit-Tablet-Funktion“. Die Leute möchten unterwegs unterhalten werden. In Deutschland gehen ca. 75% der Leute nicht ohne ihr Mobiltelephon außer Haus. Und wieso? Um auf verschiedenem Wege erreichbar zu sein und um an der Welt teilzuhaben. Das bietet kein normaler Ereader, nur die Tablets schaffen die Kombination aus lesen und kommunikationsfähig zu bleiben.

    Aber nicht nur die Anbieter von Ereadern sind in der Pflicht, um diese und das Ebook für den Kunden interessant zu machen. Hand auf’s Herz, wenn Sie in eine Buchhandlung kommen, fällt Ihnen da auf, dass es dort Ereader und/oder Ebooks zu kaufen gibt? Neben meinem Studium arbeite ich in einer Buchhandlung, die jedes physische Buch mit einem Hinweis versieht, dass dieses auch als Ebook zu kaufen ist. Der Lohn für diese Mühen, zwei Verkäufe innerhalb von zwei Jahren (es wurde auch nie nach Ebooks gefragt). Bei Hugendubel in Leipzigs Innenstadt ist nicht ersichtlich, dass es überhaupt Ebooks gibt. Außer der Lehmanns Buchhandlung in Leipzig ist mir noch keine Buchhandlung aufgefallen, die zumindest im Kassenbereich Ereader in einer Vitrine präsentiert, um somit auf Ebooks aufmerksam zu machen…daher wahrscheinlich auch die allseits hochgelobte Verdopplung des Ebookanteils am Umsatz um 0,5 auf 1%.

    Ein weiterer Kritikpunkt, bei dem ich mich anschließen möchte, ist der Name. Muss etwas kleines auch noch eine verniedlichende Bezeichnung bekommen? Gut, die männlichen Käufer stellen nicht gerade die Hauptkäufergruppe, um somit dieses Gerät „booxter“ oder „paperxut“ zu nennen (diese Namen und ihre Schreibweisen sind nun von mir geschützt 😉 ). Aber selbst der Frau Offel-Grohmann muss doch aufgefallen sein, dass der Name „tolino“ doch gewisse Ähnlichkeit zum Kinderprogramm „toggolino“ auf SuperRTL (ebenfalls Bertelsmann Konzern) hat.
    Also von einer Partnerschaft der „Supermächte“ in der deutschen Buchlandschaft kann man doch etwas treffenderes und dem Ereader-/Ebookmarkt förderndes erwarten.

  5. Und was ist mit den eBook-Angeboten? in weit ist das wie in der Kindle-Welt offen für alle Autoren? Wie ich das sehe, sollen via Tolino analog zu den Book-Shops der Buch-Discounter Thalia & Co. vorzugsweise die Produkte der großen Verlage vermarktet werden. Ein Witz!

  6. Also ganz ehrlich, ich finde wir sollten den deutschen Buchhändlern an dieser Stelle ein wenig den Rücken stärken… Es ist genau der richtige Schritt, dass sie nicht mehr zusehen wollen wie Amazon die Marktmacht an sich reißt – besser spät als nie. Die Idee ist hervorragend und das Design doch wohl weitaus interessanter als der Kindle…

  7. Wird bei dem „deutschen“ Produkt möglicherweise auch ein abgewandeltes Android verwendet? Das ginge mal gar nicht.

  8. Traumtänzer …
    Wieso soll ich mich in einem Wust von Shops verstricken, wenn ich alles unter einem Dach kriegen kann?

    Und zwar wirklich überall, nicht nur mit Wlan?

    Die fangen jetzt an, wo Amazon vor 5 Jahren war.

    ‚versichert, das Gerät spiele „technisch und in der Handhabung in der Champions League“. Und ergänzt: „Selbst für Leute, die heute schon digital lesen, erreicht der Tolino eine neue Qualitätsstufe.“‘

    Peinlich. Facts bitte.

  9. Habe mir das gerät zum Testen bestellt. Erwarte aber keine Überraschungen.
    Es wurde Zeit, dass Amazon wirkliche Konkurrenz erhält.
    Aber die Blätterntasten vermisse ich jetzt schon. E-Book-Reader OHNE Blätterntasten sind eine ergonomische Zumutung. An der falschen Ecke gespart.

  10. Naja man hat das eBook bei ebook.de, libri usw. gekauft und hats doch nur teuer geliehen.
    Bei DRM ist man halt auf Adobe angewiesen. Ich sehe keinen großen Unterschied zu Amazon.

    Ansonsten finde ich den Namen albern, das Design sehr schwach, aber wenn sich der Hersteller nicht zu dumm anstellt, das heißt wenn die Hardware und Software in Ordnung sind, dann ist der Preis wirklich sehr heiß.

    99€ für HD Bildschirm und Beleuchtung sind super. Aktuelle Technologie zu einem Top-Preis. Ob Amazon mitzieht?

  11. Was bietet denn die Konkurrenz seit Jahren? Das System von Amazon ist nicht offen, man glaubt man habe ein Buch gekauft und hat es sich doch nur teuer geliehen.

  12. Bisher werden Funktionen als Innovation verkauft, die „die Konkurrenz“ schon seit zwei oder drei Jahren bietet…

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