Wir müssen unseren Beruf neu erfinden

„Ein toller Beruf“, sagen viele, aber einer mit unsicheren Perspektiven: Buchhändlerinnen im Buchlokal Berlin  © buchreport

Das Paradies habe er sich immer als eine Art Bibliothek vorgestellt, hat der Schriftsteller Jorge Luis Borges formuliert. Auch das Arbeiten in einer Buchhandlung galt vielen als etwas Besonderes. Aber vom kleinen Paradies oder Traumberuf ist nicht viel geblieben.

Nicht nur Medien, Schulen und Berufsberater raten derzeit eher davon ab, Buchhändler zu werden. Auch die Sortimenter selbst schütteln ernüchtert mit dem Kopf, wenn sie gefragt werden, ob ihr Job gute Perspektiven bietet. Die Branche stehe vor dem Eintritt in ein neues Zeitalter, erklären die Teilnehmer einer buchreport-Umfrage und fragen sich: Stirbt der Buchhändler aus? Oder erfährt der Beruf eine Renaissance? 

Ergebnisse einer Online-Umfrage auf buchreport.de, an der 183 buchreport-Leser teilgenommen haben (62% aus dem Handel, 13% aus dem Verlagswesen):
  • 64% der Umfrageteilnehmer sind der Auffassung, dass man junge Menschen nicht mehr guten Gewissens ermutigen kann, Buchhändler zu werden. 
  • Knapp 80% glauben, dass der Beruf des Sortimenters aus Sicht von Schulabgängern (eher) unattraktiv ist.
  • Entsprechend meinen knapp zwei Drittel, dass die Branche ein Imageproblem hat.
  • Die Buchhändler bilden nach eigenen Angaben vor allem deshalb weniger aus, weil das Geld dafür fehlt (sagen 78%) und die Flächen und das Personal immer weiter zurückgebaut werden (66%).
  • Oft fehle es auch an geeigneten Bewerbern (meinen 30%) oder an Zeit (18%).
  • „Eine Ausbildung macht einen Haufen Arbeit und kostet auch Geld“, erklärt die Buchhändlerin Anne von Bestenbostel aus Nordenham und ergänzt: „Wenn man keinen Bewerber findet, der für die Arbeit brennt oder viel Wissensdurst mitbringt, fehlt vielleicht auch die Lust.“
  • Der These von Bildungsdirektorin Monika Kolb-Klausch, dass der Rückgang der Ausbildungsverträge auch auf den demografischen Wandel zurückzuführen sei, widersprechen 64% der Umfrageteilnehmer. Der Absturz der Ausbildungszahlen stehe in keinem Verhältnis zum demografischen Wandel.
  • „Früher hatten wir einen Überhang an Jugendlichen die eine Ausbildungsstelle suchten, jetzt ist es umgekehrt“, heißt es. Für die meisten Bewerber sei die Buchhändlerausbildung eine Notlösung, häufig nach gescheiterten Versuchen in Studiengängen oder anderen Berufen. 

Auch die Personalpolitik der Filialisten stößt den Umfrageteilnehmern bitter auf: 

  • Bei den großen Buchhandlungen würden – ähnlich wie im gesamten Einzelhandel – unqualifizierte 400-Euro-Kräfte eingestellt, um Kosten zu sparen. 
  • Der Rückgang der Ausbildungsverträge könnte auch damit zusammenhängen, dass Großfilialisten auch Einzelhandelskaufleute (also für einen verwandten Beruf) ausbildeten, kommentiert ein Umfrageteilnehmer.
Es fehlt an Perspektiven 
Den Rückgang der Bewerber habe die Branche zum großen Teil selbst zu verantworten, lautet der allgemeine Tenor. Stellschrauben aus Sicht der Befragten:
  • Buchhändler müssten ihren Angestellten eine höhere (tarifgerechte) Bezahlung anbieten, meinen 75%. Der Beruf fordere großen (persönlichen) Einsatz, doch „leider lässt sich mit Leidenschaft und Engagement keine Miete zahlen“, heißt es. 
  • Auch neue Aufstiegsmöglichkeiten und Perspektiven müssten geschaffen werden, damit sich mehr Schulabgänger für eine Ausbildung entscheiden, sagen drei Viertel der Umfrageteilnehmer. Ein Jungbuchhändler habe in Zeiten von massivem Flächenschwund kaum Chancen, übernommen zu haben, kommentiert ein Teilnehmer. 
  • Es sei nicht ersichtlich, ob der Weg der Verlage mit oder ohne Sortiment stattfindet, heißt es von anderer Seite. Für Sortimentsbuchhändler sei es daher zumindest fraglich, ob er in anderen Bereichen der Branche unterkommen könne. 
  • Auch die unattraktiven und familienunfreundlichen Arbeitszeiten am Abend und am Wochenende spielten eine Rolle (meinen 34%).
  • Auf der anderen Seite betonen viele Teilnehmer, dass Buchhändler ein toller Beruf sei, auch sei die Ausbildung eine gute Grundlage, um später zu studieren oder sich auf anderer Ebene weiterzuentwickeln. Und: Gute Buchhändler würden nach wie vor gebraucht, wenn auch für andere Tätigkeitsfelder. 
Börsenverein darf den Beruf nicht „schönreden“
Während einige Buchhändler betonen, dass nicht der Verband, sondern der Handel selbst Lösungen finden müsse, haben andere klare Vorstellungen von den Stellschrauben, an denen der Börsenverein drehen kann. Zusammengefasst: 
  • Der Verband könnte Bilder in die Öffentlichkeit bringen, die die moderneren Aspekte des Buchhändler-Alltags beschreiben, fordert der Berliner Versandbuchhändler René Kohl: „Es sind ja nicht überall nur Buchhändler damit beschäftigt, Ramschkörbe vor die Ladentür zu tragen.“
  • Viele wünschen sich Werbeaktionen für den Beruf, Werbung in den Schulen und eine bessere Unterstützung für Auszubildende und Jungbuchhändler. Der Verband könnte Kampagnen für das Buch entwickeln, die die gegenwärtige Berichterstattung in den Medien korrigieren. „Ich glaube, wir sind eher unbekannt, als unbeliebt“, erklärt Buchhändlerin Anne von Bestenbostel.
  • Ein anderer Händler merkt an, dass es nicht damit getan sei, den Beruf „durch Werbekampagnen schönzureden, sondern eine branchenweite Lösung zur Attraktivitätssteigerung“ gefunden werden müsse. 
  • Auch die Wahl des neuen Börsenvereins-Vorstehers auf den Buchtagen im Juni könnte dem Buchhandel zugute kommen, hofft ein Teilnehmer: Er wünscht sich „einen Vorsitzenden, der nicht nur Verlagsaugen hat“.
  • Der Börsenverein sollte eine „eine offene, ehrliche, selbstkritische Diskussion unter den Buchhändlern anstoßen, sinnvolle und bezahlbare Qualifikationen bzw. Fortbildungen anbieten und anregen sowie eine Diskussion um Lohndrückerei und Leiharbeit beginnen.“
  • Eine Unterstützung ausbildender Betriebe durch pragmatische Hilfen und Beitragsreduktion wird empfohlen. 
  • Die Ausbildungsgänge müssen dringend reformiert und den neuen Bedingungen angepasst werden.
Den Wandel aktiv gestalten
Insgesamt wird deutlich, dass aus Sicht der Befragten vor allem der Strukturwandel der Branche schuld ist am Rückgang der Ausbildungsverträge. Einerseits würden durch die negativen Schlagzeilen in den Medien viele junge Bewerber abgeschreckt. „Es herrscht viel Unsicherheit aufgrund der zunehmenden Digitalisierung, viele haben Angst, dass sie in 20 Jahren auf der Straße sitzen“, klagt ein Händler. 
Das Problem liege in der Branche selbst, kommentiert ein anderer: „Es hat jahrelang kein Innovationsdruck auf ihr gelastet und jetzt da dieser da ist, hat die Branche keine Ideen und Bestrebungen dies zu ändern.“ Der Buchhandel erwecke den Eindruck, er habe sich selbst aufgegeben. „Die Branche stirbt“, heißt es entsprechend – in variierenden Formulierungen – in vielen Kommentaren.

Doch auf der anderen Seite ist ersichtlich, dass sich viele Händler aktiv dem Wandel stellen und ein modernes, attraktives Berufsbild schaffen wollen, das der Digitalisierung und den veränderten Kundenbedürfnissen gerecht wird. 

Die Branche sei am Anfang eines Umbruchs, dessen Ausgang ungewiss sei, heißt es: „Es kann durchaus sein, dass der alte Buchhändlerberuf eine Renaissance erfährt, vielleicht braucht man ihn aber auch nicht mehr.“

Und: Die schulische Ausbildung bilde dem Berufsbildwandel vom „reinen Einzelhändler zum „Informationsbroker“ nicht mehr adäquat ab. Der Umbruch erfordere eine neue, eine ehrliche Definition des Berufs – und diese könne nur die Branche selbst leisten – möglichst gemeinsam mit dem Verband. 

Mehr zum Thema im aktuellen buchreport.express 9/2013 (hier zu bestellen). 

Kommentare

2 Kommentare zu "Wir müssen unseren Beruf neu erfinden"

  1. Gravitaetlichkeit | 4. März 2013 um 14:39 | Antworten

    Spätestens beim Kernprodukt „Buch“ weichen die meisten Kunden immer noch Richtung Papier aus – dumm nur, wenn die Kernkompetenz des Buchhandels inzwischen in der Bewältigung von Bergen von Nonbook zu bestehen scheint. Oftmals von Zentraleinkäufern nach dem Prinzip „hauptsache die Prozente stimmen“ eingekauft.

    Natürlich kann sich der Buchhandel nicht gänzlich den digitalen Neuerungen verschließen und muss auf den Wandel reagieren. Mitunter wird das aber in der buchhandelseigenen Geschwindigkeit getan, also eher im Zeitlupentempo. Zum anderen sind vor allem die „Großen“ der Branche offensichtlich nur an Azubis interessiert, wenn jene günstig, flexibel sowie selbstständig sind. D. h. keine Azubis unter 25 Jahren, am liebsten Studienabbrecher, schnell einsetzbar und willig für 400-500 Euro im Monat 40+ Stundenwochen abzureißen (Überstunden mit Vertragsunterschrift garantiert). Und nach der Ausbildung heißt es „Adios“, da keine Vollzeitstellen für Mitarbeiter vorgesehen sind. Jetzt verkauft das mal einem Schulabgänger…

  2. Es wird immer einen Handel mit Inhalten geben – egal ob diese zwischen 2 Pappdeckeln oder auf einem Screen gebannt sind. So wie auch weiterhin mit Musik – mittlerweile eher digital – gehandelt wird. Wer 2013 dafür brennt, den Kunden die passenden Geschichten / Informationen zu verkaufen, der sollte das auch lernen. Der Unterschied zu früher ist nur, das dies jetzt Expertise in Community-Management, App-Entwicklung, Coding für Plattformen, Mobile Commercer etc. bedeutet.

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