Daniel Lenz: Das große Schweigen der Autoren

Wenn Margaret Atwood sich mit einer Videospiel-Autorin zusammenschließt, um eine literarische Zombie-Serie zu schreiben, ergeben sich mindestens zwei Folgefragen: Was fasziniert das Lese- und Film-Publikum eigentlich genau an Zombies? Und, für dieses Forum eher relevant, warum interessieren sich die deutschen Literaten so wenig fürs Netz?

Es ist kein Wunder, dass eine hochdekorierte kanadische Autorin und kein deutscher Literat von ähnlich hohem Renommee auf diesem Weg Social Reading und Social Writing testet und damit in die Schlagzeilen kommt. Ein Befund, der ins größere Bild passt: Während im englischsprachige Ausland die einzelnen Schritte der massiven Umwälzung der Buch- oder besser: Lesebranche (Stichworte: Digitalisierung der Verlage, Sterben von Teilen des stationären Handels, Amazonisierung der Welt, Sozialisierung des Lesens und Schreibens, Reform des Urheberrechts) in vorderster Front von den Autoren und Schriftstellerverbänden öffentlich reflektiert werden, herrscht hierzulande das große Schweigen.

Damit sei nicht behauptet, dass es keine Autoren gibt, die sich über die digitale Revolution Gedanken machen, denn gerade im Selfpublishing-Bereich herrscht eine hohe Affinität zu Internet-Themen und deren Folgen für die Branche.

Aber wo sind die Hochkaräter der vergangenen Jahre, die rund ums Jahr 2000 (oder sogar davor) mit Neugierde und Engagement ins Netz gestürmt sind und vor zehn Jahren die Debatten dominiert haben?

  • Aus heutiger Sicht kaum zu glauben, dass ein Rainald Goetz 1999 mit „Abfall für alle“ eine Frühform des Blogs konzipierte und ein Jahr lang ein Netztagebuch führte (hier ein Reflex aus der FAZ). Heute geriert sich Goetz als Papier-Fetischist und Sperrfrist-Mahner, wie bei der Presse-Vorführung seines Romans „Johann Holtrop“ zu sehen war – und dabei nicht einmal erwähnt, dass es auch ein E-Book seines Romans gibt.
  • Thomas Hettche, der 1999 mit „NULL“ eine der ersten literarischen Anthologien im Netz publizierte (mit Kiepenheuer & Witsch), geht heute davon aus, dass sich Literatur im Netz verfängt. Keine Erzählung, kein Roman, kein Twitter-Vers, so Hettche 2010 in der „FAZ“, sei entstanden, „dessen literarische Halbwertszeit länger gewesen wäre als das Staunen über die medialen Möglichkeiten.“ Und: Das Revival „des romantischen Fragments in Gestalt von Blog und Tweet“ führten zum Vergessen und dem Verschwinden der Werke.
  • Matthias Politycki: vermeldet auf seiner Webseite unter „Vermischtes“, dass er 1999 mit „Novel in Progress“ einen interaktiven Fortsetzungsroman testete und diesen mit Hilfe des ZDF multimedial anreicherte. Jener Politycki, der Pionier des Social Writing, der vor Jahren seine Generation und seine Schriftstellerkollegen zur Selbstreflexion („Ästhetik der 78er-Generation“) animierte, derjenige, der, wie bei Lesungen zu erleben, den Kontakt zum Publikum wie kaum ein anderer Autor genießt – macht sich rar im Netz, bleibt Facebook und Twitter fern und interessiert sich offenbar nicht besonders für den Wandel der Autorenrolle im Social-Media-Zeitalter.

Das Gros der Literaten mit großen Namen scheint das Interesse am Internet verloren zu haben. Die Rolle der Reflexion übernehmen Leute wie Sascha Lobo (Netzvordenker, Vorträge-Vielverdiener, neuerdings Verleger), Dirk von Gehlen („SZ“-Journalist, aktuell Autor in einer Crowdfunding-Testphase) und Kathrin Passig (Bachmann-Preisträgerin, stets eine Bereicherung aller Podien rund ums Netz). Ja, und es gibt auch gottseidank noch Autorinnen wie Cora Stephan, die viel zum E-Book und zu den Herausforderungen der Verlage zu sagen hat. Aber das sind zu wenige.

PS: Hat irgendjemand nochmal etwas vom Verband deutscher Schriftsteller gehört?

Kommentare

16 Kommentare zu "Daniel Lenz: Das große Schweigen der Autoren"

  1. Ich glaube, das Problem ist nicht autoren-spezifisch. Es gibt allgemein relativ wenig Erfolgsleute in Deutschland, die netz- oder technik-affin sind.

    • Das stimmt natürlich. Aber Autoren setzen sich nunmal schon immer intensiv mit ihrer Umwelt auseinander, sei es Politik oder Wirtschaft, und reflektieren dies in Romanen oder (als die Zeitungen noch mächtig waren) auf einer Metaebene im Feuilleton. Das ist quasi ihre Aufgabe (wenn man an Funktionen in der Gesellschaftstheorie denkt, Luhmann, Kunst der Gesellschaft). Und auch das Internet wurde von Autoren reflektiert, aber eben vor zehn Jahren, heute machen sich eben m.E. zu wenig Autoren Gedanken darüber, wie das Netz auch ihre Arbeitsgrundlage verändert.

  2. Warum bloggt man. Warum schreibt man. Weil man etwas zu sagen hat, weil ein Weblog die perfekte Plattform ist, um es loszuwerden. Ein Blog ist ein riesiger Freiraum, ist ein Luxusgut. Niemand quatscht dir rein, wenn du es nicht willst, es gibt keine Vorgaben, kein Lektorat, nichts, was einen hindert, die eigene Stimme zu schulen und zu entwickeln. Warum so wenig Gute mitmachen? Weil es wenig Gute gibt.

  3. judas thomas kuhl | 6. November 2012 um 16:40 | Antworten

    bin keiner von den sehr bekannten

    und bin auch erst seit zwei jahren im netz

    kuhls kolumne

    judas-kulturmagazin

    beides nur dann wenn ich auch wirklich was zu sagen hab

    mein kulturmagazin mit inzwischen 10tausend lesern wäre mit druckkosten gar nicht möglich

    insofern ist das netz ne chance

    man muß ja nicht jeden müll lesen

    wobei mich die filterarbeit oft unnötig quält

    hab so meine sachen die ich lese

    und anderes lesen die anderen

  4. Vermutlich sind die Literaten klüger. Literarische Blogs und Experimente im Netz funktionieren nur sehr begrenzt und ziehen kaum Leser, gerade dann nicht, wenn man nicht schon einen großen Namen hat. Marketing ist außerdem dringend notwendig (vulgo: Sich permanent selbst verkaufen und dem Dauerzuleser präsentieren), was verständlicherweise auch nicht jeder Schriftsteller unbedingt will.

    Was dagegen funktioniert, sind eben jene genannten „Reflektionen“ (soll heißen: Im Internet über das Internet schreiben geht halt immer und zieht Publikum in Masse, deswegen machen die bekannten Blogs und Menschen aus der Netzszene auch fast ausschließlich das) und Plattformen, auf denen Bücher gelesen, diskutiert, kommentiert werden als Erweiterungen der klassischen Texte. Mit den beiden Dingen hat der klassische Schriftsteller aber selten etwas am Hut.

  5. Vielleicht sind die Autoren weitsichtiger, die schweigen und schreiben, als die, die mit Geschnatter ihre Zeit vertreiben. Ich jedenfalls ärgere mich schon oft, wie viel Zeit ich für meine „PR“ verwende – zwei Themenblogs, Webseite, Twitter, Facebook, Youtube… Literarisch bringt mir das überhaupt nichts (denn dafür brauche ich nur Zeit und Ruhe) und mit charmantem Marketing will ich potentielle Leser auch nicht überstrapzieren.

    • Ich meine auch nicht, dass alle Autoren beim „Geschnatter“ mitmachen sollen – auch wenn ich es toll finde, dass einige große Autoren im Ausland den Dialog mit den Lesern pflegen. Aber: Social Media, Social Reading, Selfpublishing usw. verändern die Branche gerade radikal, man findet aber eben kaum jemanden, der das hinterfragt oder weiterdenkt unter den Autoren, also auf einer Metaebene über der (für viele) nervigen Schnatter-Ebene.

  6. Vielleicht ist das sogar ein gutes Zeichen:
    Die Autoren nutzen das Netz nicht mehr als avantgardistisches Element, weil es als solches nicht mehr funktioniert.
    Es ist „ein Kanal von vielen“ und nach und nach wird alles immer digitaler werden, ohne dass es noch der prominenten Wegbereiter bedarf.
    Wenn heute ein großer Schriftsteller erstmals einen Blog eröffnen würde, würden die meisten doch nur müde lächeln, dass er/sie es erst jetzt macht.

    Trotzdem gibt es immernoch experimentelle Vorreiter in diesem Bereich, die ihre Geschichten kollaborativ erzählen wollen, als Wiki, in Versionen über Github, mit neuen Vertriebswegen spielen. Herr von Gehlen ist ein gutes Beispiel. Aber hier ist das Verkaufsargument eben „Helfen Sie mit, dass das Experiment gelingt“. In vielen Bereichen sind Experimente nicht mehr nötig – die Kanäle werden dann nach und nach von allen übernommen.

    Ein Problem ist vielleicht auch, dass heute eher als Experiment gilt, sich dem Fortschritt zu verweigern. Wenn Stephen King 2000 ein Buch ausschließlich als Ebook rausbrachte ist es 2012 mutig, es eben nicht als Ebook rauszubringen … nun denn.

    • Klar sind Blogs heute alte Hüte. Aber es gibt doch auch neue Entwicklungen wie Social Reading (zumindest in der Form, die Readmill, Wattpad & Co. pflegen). Also ist die Zeit der Experimente nicht vorbei. Verlage suchen den direkten Weg zu den Lesern. Wäre nur konsequent, wenn Autoren dies auch täten.

      • Aber wenn die Motivation „künstlerisches Experiment“ nicht da ist, genügt es vielen Autoren vermutlich nicht. Denn der Nutzen dieser Leserbindung (marketingtechnisch?) ist für viele Autoren vermutlich nicht ersichtlich. Und eine Leserbindung nur der Leserbindung willen erscheint mir auch nicht sinnvoll (s. Antwort von Annakaleri).

        • Ja, da stimme ich zu, die Vorteile der Leserbindung (für Marketing, für die eigene Arbeit) sind vielen Autoren nicht klar.

  7. Liebe Autoren, Euer Verhalten ist enttäuschend! Jetzt habt Ihr so vielversprechend und neugierig angefangen, habt Euch im Internet getummelt und allerlei ausprobiert und wendet Euch wieder ab. Werdet gar Papier-Fetischisten, haltet, obwohl das Netz nichts vergisst, vieles dort für belanglos. Schickt als subversive Geste Euren Verlegern vielleicht wieder mit Tinte gekritzelte Texte in braunem Packpapier, damit die Lektoren das nicht auf ihrem E-Reader mit ins Wochenende nehmen können…
    Sicher ist nur: Wie Ihr es macht, macht Ihr es falsch. Entweder Ihr betreibt die Digitalisierung, das Sterben des stationären Handels und die Amazonisierung der Welt oder Ihr werdet im Netz abgekanzelt, weil Ihr kein Blog befüllt und das E-Book nicht hochhaltet. Und wenn Ihr Euch wie im Frühjahr („Wir sind Urheber“) tausendfach fürs Urheberrecht stark macht, habt Ihr Eure Interessen nicht richtig verstanden und es wird Euch ein paar Wochen später „Das große Schweigen der Autoren“ vorgeworfen.
    Man stelle sich vor: In den 1960er Jahren entdeckten bildende Künstler die Videokunst, die entschieden neu und modern ist und neue technische Möglichkeiten nutzt. Gleichwohl schmieren weiterhin viele, womöglich die meisten bildenden Künstler vergleichsweise klassisch Farbe auf Papier, Leinwand usw. oder komponieren Plastiken aus Holz, Metall usw. Was sagt eigentlich der Deutsche Künstlerbund dazu?

  8. Thomas Niederberger | 3. November 2012 um 11:22 | Antworten

    Die Platzhirsche der Kulturbeilagen sind nicht unbedingt die Platzhirsche im Netz. Das stimmt bitter.

  9. Es gibt einen Schriftstellerverband?

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