Die 10 wichtigsten Messe-Themen

Die Frankfurter Buchmesse bedeutet viele individuelle Gespräche und Geschäfte. Die Folie bilden 10 große Themen, die die Buchbranche zurzeit bewegen. 
1. Urheberrecht: Das Rütteln an der Säule
Das Urheberrecht ist Geschäftsgrundlage der Branche. Was im Druckformat funktioniert, stößt digital auf große Interessengegensätze, von der Bibliotheksnutzung bis zum Pirateriethema. Der Börsenverein kämpft an mehreren Fronten: Außen attackiert er die Bundesregierung als reformträge (hier mehr), innen versucht er, Grä­ben zu überbrücken. Hatte bei den Buchtagen noch die konservative Fraktion das Sagen, diskutieren jetzt Peter Kraus vom Cleff (Rowohlt), Internet-Erklärer Sa­scha Lobo, Verbandskritiker Matthias Spielkamp und Autor Moritz Rinke („Wir sind die Urheber“) am Donnerstag, 11.10., 17.30 Uhr, Halle 4.2, B (hier mehr).

buchreport zeichnet die Entwicklung in einem Themen-Dossier nach.

2. Verlage: Die Frage nach der Funktion
„Verlage bereiten geistigen Schöpfungen einen Markt, sie sind Kulturvermittler …“ Das ist die 2006 formulierte PR-Antwort (was-verlage-leisten.de) auf die Urheberrechts- und Verwertungsdiskussion und die Fragen zum „partnerschaftlichen Verhältnis“ von Autor und Verlag. Inzwischen ist der Ton rauer („Content Mafia“) und die Fragestellung „Was Verlage leisten“ hat einen neuen Akzent bekommen: Es gibt für Autoren immer mehr Optionen, sich selbst zu vermarkten, vor allem in Digitalformaten mit willigen Vertriebsdienstleistern. Das ist zwar noch weit weg von einer Massenbewegung, aber prominente Beispiele und fette Erlösanteile für die Autoren zwingen zu spezifischerer Funktionsbeschreibung der Verlage und einem stärkeren Selbstverständnis als Dienstleister.
3. Handel: Die Verteidigung des Stationären
Als reichten der Druck durch Online-Shops und Medienwandel (E-Books) nicht aus, hat der stationäre Buchhandel in der 1. Jahreshälfte noch eine Buchrezession durchlitten. Das unterstreicht den Handlungsdruck, quantitativ in Form eines Flächenrückbaus, der allein in Deutschland eine sechsstellige Quadratmeterzahl Buchpräsentation kostet. Qualitativ wird mit latenter Skepsis an Konzepten im Zeichen des anglizistischen Dreiklangs gewerkelt:
  • Nonbooks: Verebbt die Euphorie der Sortimentsergänzungen (s. Punkt 10)?
  • Multichannel: Können Tausende kleine Online-Shops mit Ortsanschluss einen Gegenpol zu Amazon bilden?
  • Buylocal: Verfängt lokalpatriotisches Marketing im Globalisierungskontext? (hier mehr zum Thema)
Der neu gegründete Verein „buylocal“ präsentiert sich mehrfach auf der Buchmesse u.a. täglich 14–16 Uhr in der SoA-Sprechstunde (4.0 D1339). 
4. Logistik: Die Kosten der Bücherwagen
Bücher über Nacht: Das gilt für viele Päckchen der Online-Shops wie für den Buchhandel dank traditionell gut geölter Logistik. Hinter vorgehaltener Hand wird aber schon gefragt, ob in einem schrumpfenden Markt mit kleineren Volumina die täglichen Bücherwagen immer munter weiter rollen, wenn die Kosten weiter steigen. Noch ölt der starke Wettbewerb die Maschine und die neue KNV-Logistik in Erfurt öffnet Rationalisierungspotenziale.
5. Bestseller: Die Sortierung der Formate
Im 1. Halbjahr haben die Verlage sie versteckt und damit die Nachfrageschwäche verstärkt, jetzt sorgen zahlreiche Toptitel für Frequenz und bessere Stimmung. Seit Ende September werden die Belletristik- und Sachbuch-Bestseller neu sortiert: Hardcover, Taschenbuch und Paperback. Für diese dritte, von den Kunden gut angenommene Kategorie hatten sich nach intensiver Branchendiskussion Buchhändler- und Verleger-Ausschüsse ins Zeug gelegt (hier mehr).

Die Frage nach dem „richtigen“ Druckformat für einen Stoff stellt sich für Autoren, Verlage und rückmeldende Händler jetzt noch expliziter. Es ist auch eine Frage des Preises: Die Titel auf der aktuellen SPIEGEL-Hardcoverliste kosten im Schnitt 21 Euro, die Paperbacks 15 und die Titel der Taschenbuchliste knapp 10 Euro (mehr dazu im aktuellen buchreport.express 41/2012, erhältlich am buchreport-Stand 4.1 A142).

6. E-Books: Die Höhe des Preises
Ein Dauerthema: E-Reader und Tablets werden immer preisgünstiger und die E-Books? In den großen englischsprachigen Märkten geraten die Preise aktuell nach der Aussetzung der Quasipreisbindung Agency-Modell wieder unter Druck. Auch selbst publizierende Autoren versuchen, über niedrige Preise ins Geschäft zu kommen. Die deutschen Verlage scheuen die Abkoppelung vom Preis für gedruckte Bücher, die bis auf Weiteres immer noch über Wohl und Wehe des wirtschaftlichen Erfolgs eines Titels entscheiden. Andererseits fördern hohe E-Book-Preise den Pirateriereiz.
7. Inhalte: Die Form des Digitalen
Auf die Phase der Konvertierung gedruckter Buchinhalte ins E-Book- und Anreicherung bis hin zum App-Format folgt die grundsätzliche Suche nach digital­affinen Inhalten, die kein Printderivat sind. Erste Etappen sind kürzere Formen, die besonders im Serienformat für regelmäßige Erlöse und hohe Kundenbindung sorgen. Bastei Lübbe geht noch einen Schritt weiter und koppelt die eigenen gestaffelten Webnovels gleich in anderen Sprachen aus (z.B. Englisch und Mandarin) und sucht auf eigene Faust das internationale Glück nach dem Vorbild von US- und britischen Verlagen, denen weltweit riesige Märkte offenstehen.
8. Bibliotheken: Der neue Konflikt
Weil das Besitzen von E-Books vergleichsweise wenig Charme hat und die Weitergabe und der Gebrauchtbuchverkauf unerwünscht sind, ist der (befristete) Zugang zum E-Book eine interessante Angebotsvariante. Die Verlage arbeiten an verschiedenen Abo- und Mietmodellen. Diese Modelle stehen in Konkurrenz zum E-Book-Verleih von Bibliotheken. Öffentliche Büchereien bieten zunehmend etwa die „Onleihe“ an, die für Nutzer bis auf den jährlichen Mitgliedsbeitrag kostenlos ist, was den Geschäftsmodellen der Verlage zuwiderläuft. Der Konflikt droht zu eskalieren (ausführlich nachzulesen im buchreport.express 31/2012, hier ein Interview zum Thema).
9. Bildungsmedien: Die große Dynamik
Als 27 Schulbuch-Verlage im Januar die Plattform „Digitale Schulbücher“ ankündigten, war dies auch eine Reaktion auf eine Apple-Initiative, Schulbücher digital neu erfinden zu wollen. Das von den Verlagen selbst gesteckte Ziel, bereits zum aktuellen Schuljahr mit einer Angebotsplattform und digitalen Schulregalen zu starten, war zu vollmundig, aber die Tür zur Revolution der Bildungsmedien ist aufgestoßen.

Das Thema gewinnt an Tempo, setzt zunächst auf klassische PC/Laptop-Lösungen, avisiert aber auch bereits Tablet-Versionen. Die Frankfurter Buchmesse zeigt dazu in der Halle 4.2 exemplarisch ein „Klassenzimmer der Zukunft“ und veranstaltet die Konferenz „Neue Technologien im Klassenzimmer“ (Mittwoch, 10.10., 13-17 Uhr, Saal Europa, Halle 4.0). 

10. Nonbooks: Die schrumpfende Hoffnung
In Zeiten der Digitalisierung ihrer Kernprodukte und der wachsenden Konkurrenz durch Online-Shops setzen stationäre Händler verstärkt auf ergänzende Waren aller Art. Die Palette reicht von Teddys über Osterschmuck bis hin zu hochwertiger Fotokunst. Doch viele Experimente enden für die Sortimenter ernüchternd. Am Ende könnte die Flächenverkleinerung, Fokussierung aufs Buch und thematische Spezialisierung die Tugend der Krise sein.

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