Siege und Niederlagen

buchreport hat bei Autoren angeklopft und gibt Einblicke in ihre Kreativitätsstätten. Die Schriftsteller verraten, wie ihre Geschichten entstehen, welche Umgebung sie schätzen und wie diszipliniert sie an ihren Schreibtischen sitzen. Heute zu Gast bei Axel Hacke:

© Thomas Dashuber

Ich habe 20 Jahre als Reporter gearbeitet, da ist man nicht sonderlich verwöhnt, was Arbeitsplätze angeht. Nicht selten sitzt man in gigantischen Pressezentren unter Hunderten von telefonierenden, sich besprechenden, fernsehenden und essenden Kollegen. In Sarajevo habe ich mich bei den Olympischen Spielen 1984 mit der Schreibmaschine in eine Kabine der Herrentoilette verzogen, weil nirgendwo sonst ein Sitzplatz zu finden war. In Schottland hatte ich nachts in einem Spukschloss die erste und hoffentlich letzte Schreibblockade meines Lebens, als ich ein Porträt des Golfspielers Bernhard Langer schreiben musste. Und eine Reportage über die ersten freien Wahlen in der DDR habe ich 1990 auf dem Beifahrersitz eines Trabbis verfasst.

Noch heute, lange nachdem ich diese Arbeit aufgegeben habe, arbeite ich oft in Hotelzimmern, auch im Zug. Bin ja viel unterwegs zu meinen Lesungen.

© Thomas Dashuber

Aber am liebsten schreibe ich hier: Ein kleines Apartment in der Nähe unserer Wohnung, vierter Stock, mitten in München, sehr ruhig. Manchmal nisten Tauben zwischen den Blumentöpfen auf dem Balkon, das dulde ich nicht. Dann wieder kommt auch eine Elster durchs offene Badfenster und klaut Tabletten gegen Sodbrennen, die sind in so einer Glitzerfolie verpackt. Haben Els­tern Sodbrennen? Das sind die Fragen in so einem Büro.

Gegenüber dem Schreibtisch steht ein Kühlschrank, er heißt Bosch, aber es ist nicht der Bosch, bloß ein Bosch, der Bosch lebt woanders, ich sage nicht wo, er will es nicht. In den Regalen: Bücher, Material, Marzipan-Kühlschränke, die mir Leser geschenkt haben, Buchstaben, ausgestopfte Piranhas, Nashornkäfer unter Glas, Schweine, kleine Elefanten und Eisbären aus Holz, ein Engelsflügel, die Junghans-Uhr, die mein Vater jeden Abend aufgezogen hat. Solche Sachen.

An den Wänden hängen Bilder von Michael Sowa, mit dem ich so viele Bücher zusammen gemacht habe, auch etwas von Dirk Schmidt, der meine Kolumne im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ illustriert und jetzt die Zeichnungen für „Oberst von Huhn bittet zu Tisch“ geliefert hat. Oder von Patsy Backx, die hat die holländische Ausgabe des „Kleinen Erziehungsberaters“ gestaltet. Auch Bilder von Edward B. Gordon aus Berlin. Und eines von Christopher Lehmpfuhl, mein Freund und Lieblingsmaler.

Ehrlich, ich freue mich jeden Tag, wenn ich hier reinkomme, voller Furcht und Tatendrang, ein kleines Zimmer voller Siege und auch Niederlagen, voller Dinge, die ich mag. Mein Zimmer.

Wenn ich links am Bildschirm vorbeischaue, sehe ich ein Foto meiner Kinder, daneben die goldene Krone des kleinen Königs Dezember unter einem Glassturz. Und rechts? Eine kleine Zeichnung von Sowa. Da sitzt ein Mann im Sessel, neben ihm steht eine Eule mit einem Löffel Medizin. Das hat er mir geschenkt, als ich krank war. Er hat druntergeschrieben: „Lieber Axel, wenn Du Dich nicht schonst, schimpft die Eule.“ Eule heißt übrigens auf Polnisch Sowa.

Mittags esse ich, was ich in einem der kleinen Lokale in der Straße, bei schönem Wetter auf dem Viktualienmarkt, finde. Abends gehe ich nach Hause.
Zur Person: Axel Hacke 

war Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“, bevor er seine nächtlichen Gespräche mit seinem Kühlschrank „Bosch“ 1991 in einem Buch festhielt. Aber erst seine „Wumbaba“-Bücher machten ihn zum berühmten Verhörspezialisten. In seinem neuen Buch „Oberst von Huhn bittet zu Tisch“ (Kunstmann) hat er sich die verdeutschten Speisekarten aus aller Welt vorgenommen. 

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