Wie Verlage mit Daten bessere Bücher machen

Früher hatten Publikumsverlage – anders als Fachzeitschriften oder Verlage mit Loseblattwerken – meist keinen direkten Kontakt zum Leser, sondern waren auf die teils spärlichen Rückmeldungen aus dem Handel und Zwischenhandel angewiesen. Heute können Verlage nicht nur aus dem einst verpönten Direktvertrieb ihrer E-Books, sondern insbesondere durch Beobachtung der Social Media, Auswertung von häufigen Suchbegriffen auf ihrer Webseite oder sogar durch die Analyse des Leseverhaltens innerhalb einzelner Titel wertvolles Feedback erhalten – „Big Data“ verändert über kurz oder lang die Arbeit im gesamten Verlagswesen. 

Mit dem Thema „Big Data“ beschäftigt sich eine Analyse im buchreport.magazin 10/2012, das am heutigen Freitag, 29.9.2012 erscheint (hier zu bestellen).

Als vorbildlich bei der Auswertung und Verarbeitung von „Big Data“ gilt in den USA Sourcebooks, ein in der Nähe von Chicago angesiedelter, unabhängiger Verlag, dessen Portfolio von Kinder- und Liebesromanen bis hin zu Ratgebern für Studenten reicht. Strippenzieherin ist Dominique Raccah, die den Verlag 1987 mit 17.000 Dollar an Rücklagen für die Rente gründete und schon 2000 das erste verlagseigene E-Book auf den Markt brachte. Zwölf Jahre später tragen elektronische Bücher schon ein Drittel zum gesamten Umsatz bei. Die datengetriebenen Werkzeuge des Verlags, der 300 Novitäten im Jahr bringt und über 70 Personen beschäftigt, erscheinen aus deutscher Sicht elaboriert:
  • Im Frühjahr kündigte Raccah an, künftig Bücher mit einem „agile publishing“-Modell zu konzipieren. Eine spezielle Software ermöglicht dem Autor, während des Schreibens an seinem Buch in den Dialog mit Lesern zu treten. Der Autor erhält also schon während der Genese des Buchs Feedback und kann dieses einarbeiten. 
  • Schon im vergangenen Jahr ging der Verlag mit „Discover New Love“ an den Start, eine Community plus Shop für Liebesroman-Fans. Diese bezahlen 9,99 Dollar für eine sechsmonatige Mitgliedschaft, können jeden Monat einen von vier vorgeschlagenen Titeln herunterladen (ohne Kopierschutz), werden zu exklusiven Veranstaltungen eingeladen und dürfen in den Dialog mit den Autoren treten. Aus dem Feedback der User konzipiert der Verlag gezielt neue Produkte.
„Bücher schneller und effizienter erstellen“

Warum werden datengestützte Entscheidungen wichtiger für Verlage?
Nicht alle Bücher sind naturgemäß erfolgreich. Daher fragen wir uns, ob es eine Methodologie gibt, mit der wir bessere Bücher schneller und effizienter konzipieren können. 

Zu welchen Fragen sammeln Sie gezielt Daten ein?
Es gibt zahlreiche interessante Kategorien: Welches Format soll das Buch haben? Wie hoch kann der Preis ausfallen? Zu welchem Termin erscheint es? Diese Fragen sind entscheidend für den Erfolg eines Buchs. Ganz aktuell: Wir haben Leser über drei verschiedene Cover-Motive abstimmen lassen. Wir könnten sogar noch einen Schritt weitergehen und ein E-Book mit verschiedenen Cover-Motiven zum Kauf anbieten.
Die Zeiten der Bauchentscheidungen sind für Verlage also vorbei?
Nein, denn für diese Fragen benötigen die Verlagsmitarbeiter einen Kontext, in dem der Instinkt eine große Rolle spielt.
In diesem Jahr haben Sie das Buch „Entering the Shift Age“ von David Houle per „agile publishing“ konzipiert, ein Modell, bei dem die Community schon in den Entstehungsprozess des Buchs einbezogen wird. Welche Rolle spielen Daten dabei? 
Eine entscheidende. Das Ziel besteht darin, Daten zu erheben, um am Ende das bestmögliche Buch zu machen. Davon profitiert der Handel, der Leser, und dadurch werden wir als Verlag auch wertvoller für den Autor. Diese Strategie, Bücher mithilfe von User-Daten zu verlegen, zahlt sich aus. Wir wachsen seit fast zehn Jahren im digitalen Bereich zweistellig. E-Books machen rund ein Drittel unseres Umsatzes aus.
Für welche Genres bietet sich das datengetriebene Verlegen an?
Für alle Genres, seien es Kinder-, Erotik- oder Fachbücher. Daten können jedes Buchprojekt besser ma­chen.
Sie agieren nicht nur als Verlag, sondern mit Ihrer Community „Discover a New Love“ auch als Shop …
Wir wollen nicht den großen Online-Anbietern Konkurrenz machen, wohl aber der beste Verlag für unsere Autoren werden…
…indem Sie auf DRM verzichten?
Ich bin nicht davon überzeugt, dass harter Kopierschutz die Piraterie eindämmt. Ich bin aber davon überzeugt, dass DRM nur die Leser frustriert. Noch ist das ein Test, aber der fällt für mich im Moment eindeutig aus. Wir benötigen jedoch noch viel mehr Daten, um Agenten und Autoren davon zu überzeugen, uns zu folgen.
Text/Interview: Daniel Lenz

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