Buchmesse-Blog: Mit Daten Geschichten besser erzählen

Buchmesse-Blog: Mit Daten Geschichten besser erzählen

Ist die Fähigkeit jenseits der traditionell linearen Geschichten zu denken, essentiell für künftige Journalisten?

Aron Pilhofer von der New York Times

Sie ist jetzt essentiell, und zwar schon seit geraumer Zeit. Die meisten Journalisten möchten gerne neue Dinge ausprobieren und mit neuen Formen des Storytelling experimentieren. Die Frage ist nur: Wie sollen sie damit beginnen? An wen können Sie sich wenden, wenn sie Hilfe brauchen bei diesem Wirrwarr neuer Werkzeuge, Plattformen und Technologien, die uns heute zur Verfügung stehen. In den meisten Fällen heißt die Antwort: niemand. Deshalb passiert dann auch nicht viel. Ich weiß, dass ich das riesige Glück habe, in einer Redaktion zu arbeiten, die alle Resourcen hat, die man sich jemals wünschen könnte, um mit allen möglichen neuen Formen des Storytelling zu experimentieren – von animierten Grafiken über interaktive Games und tiefgründigen datengetriebenen interaktiven Anwendungen bis hin zu nutzergenierten Inhalten. Dafür sind wir momentan mit 16 Redakteuren zuständig. Bis zum Jahresende 2012 soll unser Ressort auf 20 klassische Journalisten und Datenjournalisten mit Programmierkenntnissen anwachsen.

Was können Redaktionen leisten, die solche Ressourcen nicht haben?

Man braucht keine Redaktion mit hunderten von Mitarbeitern, um großartige datenjournalistische Projekte zu betreiben. Für viele Anwendungen braucht man nur drei Mitarbeiter – einen Journalisten, einen Grafiker und einen Programmierer. Aber viele Medienhäuser sind nicht einmal bereit, sich diese Minimalinvestition zu leisten. Sie möchten alle diese coolen neuen Dinge gerne haben, aber sie wollen sie möglichst billig bekommen. Aber das funktioniert so nicht.

Sollte Datenjournalismus im Mittelpunkt journalistischer Ausbildung und Fördermaßnahmen stehen?

Ich glaube, dass „data literacy“, also die Fähigkeit, die journalistische Bedeutung von Datensätzen zu erkennen und sich mit Programmierern verständigen zu können, zu den Grundfähigkeiten gehören sollte, die man lernt. Von da an aufwärts hängt es von den einzelnen Journalisten ab. Ich glaube nicht, dass jeder Journalist Infografiken erstellen oder die Programmiersprache D3 beherrschen sollte. Ich glaube aber sehr wohl, dass Journalisten ein breiteres Verständnis davon haben sollten, wie man Daten als Recherchequelle nutzt und was das alles impliziert – von einfachen Computer-gestützten Reportagetechniken bis hin zu den ausgefeiltesten datengetriebenen Visualisierungen und interkativen Anwendungen. In diesem Zeitalter allgegenwärtiger Daten können sich Journalisten die Einstellung nicht mehr leisten, diese Fähigkeiten als zusätzlichen Luxus zu betrachten.

Verändert der Zugang zu großen Datensätzen den Journalismus?

Er erlaubt uns, Geschichten zu erzählen, die wir ansonsten nicht erzählen könnten und Werkzeuge zu nutzen, die wir früher nicht hatten. Wir können große Datensätze visualisieren und diese Visualisierungen im Netz präsentieren. Und zwar in einer Weise, wie das noch vor fünf oder zehn Jahren undenkbar war. Ich glaube aber nicht, er das Storytelling an sich verändert. Es ist immer noch der Journalist, der eine Geschichte erzählt.

 

Die interaktive Anwendung illustriert olympische Zeiten im 100-Meter-Lauf

Mit welchen datenjournalistischen Projekten hat die „New York Times“ zuletzt von sich reden gemacht?

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Die Antwort hängt davon ab, wie eng oder weit man den Begriff Datenjournalismus definiert, aber ich finde, dass unsere interaktiven Anwendungen zu den Olympischen Spielen in London unglaublich gut waren. Unsere Anwendung zum 100-Meter-Lauf der Männer war eine der populärsten, die wir jemals produziert haben und wir konnten damit die Story – den unglaublichen Vorsprung von Usain Bolt – besser erzählen als mit jeder anderen Methode, die mir einfällt.

Vor gut einem Jahr hat die „New York Times“ eine Bezahlschranke nach einigen kostenfreien Seitenaufrufen pro Monat vor ihrem Webangebot errichtet. Hat diese „metered paywall“ einen Einfluss auf die Reichweite und Sichtbarkeit von solchen Datenanwendungen gezeigt?

Bisher können wir keinen Einfluss feststellen.

Vermarktet die “New York Times” mittlerweile ihre datenjournalistischen Anwendungen?

Ja, während der letzten beiden olympischen Spiele haben wir unsere gesamten Olympia-Pakete an mehr als zwei Dutzend externe Kunden verkauft. Wir syndizieren außerdem gelegentlich weitere interaktive Anwendungen. Das geschieht allerdings nicht sehr häufig, weil die technischen Anforderungen für die Darstellung recht hoch sind.

 

Im Blog der Frankfurter Buchmesse schreiben Mitarbeiter und Gastautoren über die großen und kleinen Themen der Messe. Schwerpunkt ist dieses Jahr neben dem Ehrengast Neuseeland das Thema Kinder- und Jugendmedien, aber auch die Frage nach neuen Geschäftsmodellen im internationalen Publishing. Kreative und Publisher aus Deutschland, USA, UK, Neuseeland antworten hier auf die Fragen:  Warum tun wir, was wir tun? Was ist unsere Leidenschaft – als Autoren und als Publisher? Woher kommt das Geld, damit wir uns diese Leidenschaft auch leisten können? Und: welche neuen Geschäftsmodelle sind hier in Sicht? 

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