Buchmesse-Blog: „Der Roman ist auch im Twitter-Zeitalter nicht tot“

Buchmesse-Blog: „Der Roman ist auch im Twitter-Zeitalter nicht tot“

Jonathan Gottschall ist eigentlich Professor für englische Literatur an einem US-College, tendiert aktuell aber mehr zur Populärwissenschaft und entdeckt die kommerzielle Seite des Schreibens. Im Interview mit Kimberly Bradley im Buchmesse-Blog erklärt der StoryDrive-Referent, warum Geschichtenerzählen weiterhin Konjunktur hat. buchreport.de verlost 5 Karten zur Konferenz.

Als Wissenschaftler, der sich sowohl mit Literatur als auch mit der Evolution beschäftigt, interessiert den Schriftsteller, Professor, Redner und Wissenschaftler Jonathan Gottschall schon seit langem die Verbindung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Doch erst sein neuestes Buch „The Storytelling Animal – How Stories Make Us Human“ (2012) hat er für ein breiteres Publikum geschrieben. Das von The New York Times als „flott und aufschlussreich“ gelobte Werk spricht vom „evolutionären Geheimnis“ (wie Gottschall es nennt) des Geschichtenerzählens und beschreibt unter anderem, wie Geschichten den Menschen helfen, gravierende soziale und existenzielle Probleme zu bewältigen. Im Interview beleuchtet Gottschall die sonst meist verborgene geschäftliche Seite des Schreibens – und die Zukunft der erzählten Geschichte.

Jonathan Gottschall ist Sprecher bei der Buchmesse StoryDrive Konferenz, die am 11. und 12. Oktober stattfindet. buchreport.de verlost 5 Karten für die Konferenz. Schreiben Sie bis Montag, 24. September, 16 Uhr, eine Mail mit Ihrem Namen und dem Unternehmen, für das Sie arbeiten, an info@buchreport.de

Hatten Sie je eine Art Geschäftsmodell für sich selbst?

Oh, Himmel, nein! Ich strebte höchstens an, Collegeprofessor zu werden. Karriereorientiert war ich dabei überhaupt nicht. Ich dachte einfach: „Hey, dieses Gebiet interessiert mich“. Und fing an, daran zu arbeiten. Das war weniger ein kalkulierter Business-Karrierepfad als vielmehr ein rein wissenschaftlicher Weg. Mein Job ist es, große Gedanken zu denken und über sie zu schreiben – auf eine Art, die klar und interessant und vielleicht sogar für Laien spannend zu lesen ist.

Das klingt ziemlich „oldschool“? Ist die kommende Autorengeneration, auch die akademische, zwangsläufig cleverer und abgeklärter, was den Umgang mit dem Geschäftlichen und den Medien angeht?

Auf vielerlei Arten nehme ich da so etwas wie einen Generationenkonflikt wahr, obwohl ich ja etwas zu jung bin, um wie ein alter Kauz daherzureden. Aber ich bin nun mal in der Welt der analogen Medien aufgewachsen, und in der steckt weitgehend auch immer noch die akademische Welt. Twitter, Facebook und Blogs machen mich ein wenig perplex; ich nutze sie nur widerwillig. Manche Leute sind darin allerdings ziemlich gut. Für mich ist die Frage eines jeden Autors: Sollte ich twittern oder facebooken, oder sollte ich ein Buch schreiben? Ich möchte lieber ein Buch schreiben.

Was ist Ihr größtes Kapital als Autor?

Eine Pitbull-artige Hartnäckigkeit, an der ich schwer arbeite. Viele Schriftsteller haben nicht unbedingt mehr Talent, aber dafür viel mehr Durchhaltevermögen als die meisten Leute. Was man tun muss, ist: So lange da sitzen, bis das, was man schreibt, immer weniger schlecht wird.

Mussten Sie als jemand, der aus dem akademischen Betrieb kommt, das große Verlagsgeschäft erst einmal quasi als Anfänger kennenlernen?

Ja. Um ehrlich zu sein, war das Ganze für mich ziemlich verwirrend. Der akademische Mikrokosmos ist größtenteils von der Welt des Kapitalismus abgekoppelt. Bei meinen ersten fünf Büchern war alles in Ordnung, solange ich gute Besprechungen in angesehenen Publikationen bekam und wissenschaftlich alles hieb- und stichfest war. Das war es, was meine Arbeitgeber sehen wollten und wonach mich meine Kollegen beurteilten. Es war nie von Belang, ob das Buch sich verkaufte. Plötzlich ist es in hohem Maße von Belang, ob sich das Buch verkauft. Darum geht es. Der Verlag ist eine Buchfabrik. Sie wollen Bücher verschieben wie jedes andere Produkt. Aber das fühlte sich recht belebend an.

Nimmt man Sie bereits als Marke wahr?

Ich habe nie so genau gewusst, was das Wort bedeuten soll. Was wäre denn mein Markenzeichen? Vermutlich bin ich tatsächlich eine Marke, wenn es darum geht, Ideen zum Thema „Verbindungen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften“ zu liefern. Ich betreibe seit 17 Jahren Forschung, schreibe Artikel und werde selbst in Artikeln behandelt. Ich habe das gefunden, was mich interessierte, und mich ohne nachzudenken einfach draufgestürzt. Was der beste Weg ist, sich als Marke zu etablieren: Wenn wir etwas leidenschaftlich gern tun, machen wir es wahrscheinlich auch ziemlich gut.

Gibt es andere Autoren, die über ähnliche Themen schreiben?

Da ist gerade etwas im Gange – das meiste im wissenschaftlichen Bereich: Andere stellen die gleichen Fragen wie ich. Brian Boyd, Joseph Carroll, der verstorbene Denis Dutton und auch Jonah Lehrer. Denn welche Fehler oder Fälschungen es bei ihm auch immer gegeben haben mag, er war sehr daran interessiert, die beiden Sphären zusammenzubringen. Wir umkreisen seit langem diese eine Frage, wofür Kunst da ist. Und manche dieser Fragen sind wichtig.

Wird sich die Form der erzählten Geschichte verändern, während wir uns in die virtuelle Welt hineinbewegen?

Ich hasse es, zu spekulieren. Die ersten Artikel, die erklärten, der Roman sei tot, wurden vor 100 Jahren veröffentlicht. Diese Nachrufe kamen immer wieder – aber Romane laufen und laufen. Sie haben eine starke Konkurrenz – tolle Computerspiele, Twitter ist überall. Aber „Die Tribute von Panem“ können immer noch was reißen. „Fifty Shades of Grey“ kann was reißen. „Harry Potter“ und „Twilight“. Romane sind total beliebt. Ich denke, wir werden Veränderungen sehen, aber ich wäre überrascht, wenn die Leute ihre Geschichten gern als 140-Zeichen-Portionen über Twitter serviert bekämen. Sie wollen in die Erzählungen eintauchen, und die lange Form einer Erzählung trägt dem Rechnung. Das, was sich möglicherweise ändern wird, sich mehr verbreiten wird, ist interaktives Geschichtenerzählen.

Werden Veränderungen bei der Finanzierung von Büchern die Art des Geschichtenerzählens verändern?

Das ist eines dieser Dinge, über die ich nicht nachdenke, weil ich mich eben hinsetze und das Buch schreibe, und dann andere damit arbeiten lasse. Aber ich könnte sagen, dass das Verlagswesen schon immer kurz davor war, den Bach runterzugehen. Autoren hatten schon immer Probleme damit, einen Verlag zu finden. Die Dinge ändern sich, aber ich bin nicht sicher, ob der Himmel einstürzt. Ich bin nicht sicher, ob das traditionelle Verlagswesen verschwinden wird. Für den Moment – vielleicht bin ich da naiv – plane ich, bei einem traditionellen Modell zu bleiben.

Und in fünf Jahren?

Ich würde gern eine Zeitlang populärwissenschaftliche Bücher schreiben. Rein akademisches Schreiben kann einem manchmal ziemlich eng und albern werden, weil man sich in einer Blase befindet mit Leuten, die ebensolche Fachidioten sind wie man selbst. Ich würde außerdem auch noch völlig andere Bücher schreiben. Das nächste ist ein ganz wilder Ausreißer: Ich habe angefangen, mich für „Cagefighting“ zu interessieren, und dachte, ich könnte doch ein Buch darüber schreiben. Hmm. Damit zerstöre ich eigentlich mein Image, aber ich habe immer schon spektakulär schlechte Karriereentscheidungen getroffen. Ich verschreibe mich ganz dem Vorhaben, einfach über das zu schreiben, was mich am meisten interessiert. Und hoffe, dass es funktioniert. Bis jetzt hat es ganz gut geklappt.

Im Blog der Frankfurter Buchmesse schreiben Mitarbeiter und Gastautoren über die großen und kleinen Themen der Messe. Schwerpunkt ist dieses Jahr neben dem Ehrengast Neuseeland das Thema Kinder- und Jugendmedien, aber auch die Frage nach neuen Geschäftsmodellen im internationalen Publishing. Kreative und Publisher aus Deutschland, USA, UK, Neuseeland antworten hier auf die Fragen:  Warum tun wir, was wir tun? Was ist unsere Leidenschaft – als Autoren und als Publisher? Woher kommt das Geld, damit wir uns diese Leidenschaft auch leisten können? Und: welche neuen Geschäftsmodelle sind hier in Sicht? 

Kommentare

1 Kommentar zu "Buchmesse-Blog: „Der Roman ist auch im Twitter-Zeitalter nicht tot“"

  1. Frank Maria Reifenberg | 19. September 2012 um 21:06 | Antworten

    „Für mich ist die Frage eines jeden Autors: Sollte ich twittern oder facebooken, oder sollte ich ein Buch schreiben? Ich möchte lieber ein Buch schreiben.“
    Aber ist das denn die Alternative? Solange wir das als Autoren so sehen, rollt die Entwicklung ziemlich sicher über uns weg. Der Autorenberater Stefan Wendel sagte in einem Interview „Wahrscheinlich wäre Goethe der Erste mit einem Facebook-Account gewesen“ – http://schreibkraftfmr.wordpress.com/2012/09/06/wahrscheinlich-ware-goethe-der-erste-mit-facebook-account-gewesen/ – und Stephan Porombka verglich Goethes Haus in seinem Buch „Schreiben unter Strom“ mit der analogen Form eines netzwerkfähigen Computers. Natürlich ist unsere „Kernkompetenz“ das tiefe und weite Erzählen. Dies den neuen sozialen und transmedialen Formen abzusprechen, halte ich aber für falsch. Das hängt nicht einmal im JETZT, sondern im GESTERN fest …

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