Labor für Geschäftsmodelle

Wer Bücher bekannt machen will, sollte sie vollständig im Netz publizieren – meint Andreas Von Gunten (Foto), Gründer und Geschäftsführer von buch & netz. Bei „buch & netz“ werden Bücher in der Regel unter einer Creative Commons-Lizenz immer auch im Internet veröffentlicht. Das Geld verdient das Schweizer Start-up nicht mit dem Inhalt, sondern über den Nutzen für den Kunden. Im buchreport-Startup-Check spricht er über neue Geschäftsmodelle und die „Regulierungswut der Branche“.
Ihr Konzept in drei Sätzen:

Bücher müssen gefunden werden und sie sollten ein ewiges Leben haben, darum gehören sie möglichst vollständig in HTML ins Netz publiziert. Der Link ist der wichtigste Partner des Buches und je mehr Möglichkeiten zur Verlinkung ich biete, desto grösser ist die Chance, dass der Inhalt und seine Leserschaft zusammenfinden. Geld verdienen wir nicht direkt mit dem Inhalt, sondern indirekt durch den Nutzen, den wir mit dem Inhalt schaffen. Zum Beispiel indem wir DRM-freie E-Books oder gedruckte Bücher anbieten, oder indem wir Unternehmen auf einfache Art und Weise ermöglichen, E-Books zu verschenken und diese dadurch im Rahmen ihrer Content-Marketing-Aktivitäten einzusetzen.

Ihr Einstieg in die Branche:
Ich habe mich darüber geärgert, dass ich die meisten Bücher, die ich gekauft habe, selber einscannen musste, damit ich eine digitale Version davon für mich selbst nutzen kann. Ich ärgere mich heute darüber, dass der größte Teil der jemals publizierten Bücher des 20sten Jahrhunderts nicht zugänglich sind. Da ich nicht der Typ bin, der nur meckert und weil ich Bücher liebe und der Meinung bin, dass dem Buch im Netz eine große Zukunft bevorsteht, habe ich mich entschieden, meinen Verlag und mein Labor für Geschäftsmodell-Experimente in der Buchbranche zu gründen.
Ihre erste morgendliche Tat im Büro:
Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe kein eigentliches Ritual am Morgen. Ich versuche die Regeln der Produktivität einzuhalten und nicht zuerst die E-Mails zu lesen, den Google Reader zu konsultieren, zu twittern und Google+ zu nutzen – scheitere aber meistens. 
Ihr letztes Telefonat:
Mit meinem Drucker, wir haben die nächste Buchproduktion besprochen. Eigentlich möchte ich ja nicht mehr telefonieren, sondern Google Hangout, Video-Skype oder Facetime nutzen. Ich bin der Meinung, dass die Bildübertragung die Kommunikationsqualität und ein Vielfaches erhöht. Leider geht das derzeit nur mit den wenigsten Gesprächspartnern. Ich gehe aber davon aus, dass sich das bald ändern wird.
Ihr Geheimtipp für Existenzgründer:
Geheime Tipps kenne ich nicht. Das ist ja das Geniale am Netz. Die Tipps sind nicht mehr geheim. Jeder kann heute alles lernen und von so unglaublich vielen gescheiten Köpfen profitieren. Ich persönlich halte viel von Lean Startup Modellen, von Googles Ansatz, den User in den Vordergrund zu stellen, und vom Prinzip der agilen Softwareentwicklung, in kleinen Schritten vorwärts zu gehen. Hauptsache, man geht.
Ihre größten Stolpersteine:
Neben dem Hauptproblem, an gute Inhalte zu kommen, ist es sehr schade, dass wir hier bei uns keine brauchbare Cloud Computing Angebote für E-Commerce Lösungen haben. Die Produkte aus den USA, die in vieler Hinsicht perfekt wären, sind meistens nicht genügend gut lokalisierbar und die hiesige Softwarebranche schläft, bis auf ein paar wenige Ausnahmen halt immer noch, was das Thema Cloud Computing betrifft.

Weiterhin bereitet mir die Regulierungswut der Branche Kopfzerbrechen. Die Buchpreisbindung ist ein überholtes Verhinderungsgesetz, das geplante Leistungsschutzrecht, das zwar nicht von der Buchbranche kommt, aber wohl bald inspirierend auf diese wirken wird, ist eine Katastrophe und der Ruf nach mehr Kontrolle im Netz um die Piraten zu jagen, ist schädlich für die ganze Gesellschaft und hindert die Branche vor allem daran, ihre Innovationsfähigkeit zu steigern.

Ihr peinlichster Tweet oder Facebook-Post:
Nun, ich twittere zwar seit 2007 so einiges, aber so etwas richtig Peinliches ist mir, soweit ich mich erinnern kann, noch nie herausgerutscht.
Was Google von Ihnen besser nicht wüsste:
Google weiß alles von mir. Ich habe ja schließlich alle Daten dort gespeichert.
Ihr Unternehmen in fünf Jahren:
Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung, wo buch & netz in fünf Jahren stehen wird. Das definitive Geschäftsmodell ist noch nicht gefunden. Ich werde die nächste Zeit wohl vor allem Verschiedenes ausprobieren und schauen, was funktioniert und was nicht.

Es kommt dazu, dass sich ja auch das Umfeld rasant verändert. Ziemlich genau vor fünf Jahren wurde der Kindle vorgestellt, das iPad gibt es erst seit etwas mehr als zwei Jahren. Es spricht im Moment nichts dafür, dass diese Entwicklung in den nächsten fünf Jahren gebremst werden könnte, und ich hoffe einfach, dass ich meine Neugier behalte und immer wieder Wege finden werde, von und mit Büchern und interessanten Inhalten leben zu können.

Im buchreport Startup-Check kamen außerdem zu Wort:

  • Friederike Zöllner, Buchlokal
  • Selma Wels und Inci Bürhaniye, Binooki
  • Andreas Stammnitz, Gründer von Puzzlemap
  • Michael Dreusicke, Gründer von Paux
  • Ulf Behrmann, Verleger des Jesbin Buchverlags
  • Andreas Köglowitz, Verleger des Unsichtbar Verlags
  • Klaus Schwope, Inhaber und Kreativdirektor von Nutcracker
  • Rainer Groothuis, Verleger der Groothuis, Lohfert Verlagsgesellschaft
  • Uta Grosenick, Verlegerin von Distanz
  • Sewastos Sampsounis, Verleger des Verlags Grössenwahn
  • Reginald Grünenberg, Mitgründer von Smart Media Technologies
  • Andre Schober, Gründer von Druckfrisches.de
  • Michael Romer, Mitgründer von Liviato
  • Peter Köbel, Gründer von Michason & May
  • Peter Graf, Walde + Graf
  • Cao Hung Nguyen, Mitgründer von Epidu
  • Karl-Friedrich Pommerenke, Geschäftsführer von triboox.de
  • Alexander Schug, Vergangenheitsverlag

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