Zornige Sortimenter

Der Sprecherkreis des Arbeitskreises unabhängiger Sortimente (AkS) hat als Ergebnis seiner Klausurtagung im Frankfurter Haus des Buches „Erwartungen“ an den Börsenverein, dessen Wirtschaftstochter MVB und generell an die Verlage formuliert. Im Mittelpunkt steht die Stärkung der (stationären) Buchhandlungen im Wettbewerb mit dem Online-Buchhandel und deutliche Kritik an der Arbeit der MVB. Im einzelnen:

1. Forderung nach preisgünstigen, umfassenden Katalogdaten: Gesucht wird eine optimierte Produktdatenbank für die Web-Shops stationärer Buchhändler als Antwort auf den „größten Wettbewerber“ (gemeint ist offenbar Amazon). Der Börsenverein soll sich für die „Integration der unterschiedlichen Datenbestände in die vom Sortiment am meisten genutzten Webshops einsetzen.

Ausdrücklich unterstützt wird der Vorstoß, die Gebühren für das von der MVB herausgegebene „Verzeichnis lieferbarer Bücher“ (VlB) umsatz- und nutzungsabhängig zu gestalten. Zum Thema VlB-Kosten war nach positivem Votum auf der Hauptversammlung des Börsenvereins im Juni ein Arbeitskreis gegründet worden.


2. Forderung, dass sich die Arbeit der MVB am Branchenutzen orientieren möge:
O-Ton: „Von der MVB fordert der AkS-Sprecherkreis, sich auf solche Produkte und Dienstleistungen für die Buchbranche zu konzentrieren, die für die Branchenteilnehmer wirklich von konkretem Nutzen sind und für die Bedarf besteht. Tatsächlich werden in der MVB Ressourcen für Projekte gebunden, deren Notwendigkeit für die Buchhändler der AkS-Sprecherkreis bezweifelt.“ Konkret:

  • Die MVB solle keine weiteren Ressourcen in die MVB-Shops investieren, deren Entwicklung sich schon zu lange hinziehe und deren Angebot unzureichend sei vor allem angesichts der am Markt vorhandenen Konkurrenzprodukte.
  • Ähnlich verhalte es sich mit dem von der MVB geplanten Leihmodell für E-Books: „Auch hier gibt es bereits am Markt etablierte Angebote. Der AkS-Sprecherkreis befürchtet, dass hierbei Personal- und Geldmittel gebunden werden könnten, die am stationären Sortiment vorbei gehen.“

3. Forderung an die Verlage, stationäre Buchhandlungen nicht zu benachteiligen: Der AkS-Sprecherkreis erwartet „ein eindeutiges Bekenntnis zum stationären Sortiment als gleichberechtigtem Handelspartner. Es ist nicht hinnehmbar, dass große Online-Buchhändler den Erstverkaufstag ohne Konsequenz missachten können und deren Kunden das Buch noch vor dem stationären Sortiment in Händen halten. Beim Endkunden entsteht so der verheerende Eindruck, Bücher stünden grundsätzlich beim großen Online-Buchhändler eher zur Verfügung.“

Angeprangert wird aktuell die Vertriebspolitik bei den Neuerscheinungen von Jussi Adler-Olsen (dtv) und Elizabeth George (Goldmann).

Update: Inzwischen hat die MVB auf die Kritik reagiert – und zwar nach dem bewährten Börsenvereins-Muster.

Einerseits wollen die Frankfurter zwar der Forderung nach einem flächendeckenden, einfachen und kostengünstigen Zugriff auf die VlB-Katalogdaten nachkommen, weil dies dem eigenen Ansatz entspreche, das VLB zu dem Referenzmedium der Buchbranche zu machen. Es bestehe eine realistische Chance, „dies zeitnah zu ermöglichen“.

Mit Blick auf die White-Label-Shops und das geplante E-Book-Verleihmodell, wo nicht nur nach Einschätzung der vereinigten Sortimenter kein Bedarf auf dem Markt besteht, schaltet der Börsenverein dagegen auf Durchzug: 

  • Die Anforderungen an die MVB-Shops  seien mit Testkunden abgestimmt worden und sollen bis Anfang Oktober umgesetzt werden.
  • Beim eigenen Angebot zum Vermieten von E-Books komme die MVB Interessen von Verlagen und vieler Buchhandelspartner nach.

Kommentare

4 Kommentare zu "Zornige Sortimenter"

  1. Manfred Keiper | 28. August 2012 um 14:35 | Antworten

    Hallo Tim, das Problem ist nicht die Schnittstelle, sondern die Rechnung der MVB, die dabei 5-stellig ausfällt, genauso hoch wie bei Amazon oder der Telekom – beide nicht im Börsenverein!

  2. Zu den Verlagsforderungen:
    Es ging uns als AkS-Sprecherkreis allerdings nicht darum, einzelne Verlage „anzuprangern“. Die genannten Beispiele der letzten Woche sind gerade aktuell – aber vermutlich symptomatisch. Unsere Forderung richtet sich an alle Publikumsverlage: Bringt den Mut auf, nicht mit zweierlei Liefermaß zwischen kleinen und großen Handelspartnern zu messen und unterstützt das unabhängige Sortiment dabei, mindestens so schnell seine Kunden beliefern zu können, wie es Amazon ermöglicht wird.
    Andrea Nunne

  3. Laienhafte Frage: Können die Buchhändler nicht die kompletten VlB-Titeldaten in die eigenen Webshops importieren oder wollen sie es nicht? Gibt es da keine passende Schnittstelle?

    • Buchhändler können die Daten in ihren Shop importieren, wenn sie
      a) entsprechende Verträge mit der MVB geschlossen haben,
      b) mit den ausgegebenen Daten etwas anfangen können (Schnittstlle)
      und c) einen eigenen Shop eingerichtet haben, in dem sie die Titel dann zeigen.

      Ohne auch nur ansatzweise Zahlen zur Verfügung zu haben, schätze ich (und lasse mich gerne eines besseren belehren), daß es keine 100 Shops in Deuschland gibt, die mit den Daten aus dem VLB (oder auch mit Libri-, KNV- oder Umbreit-Daten) „frei“ operieren und so eigene Shops entwickeln.

      Dagegen wird es ca. 2.000 Buchhandlungen geben, die mit einem der aktuell angebotenen Standard-Shop-Systeme arbeiten.

      Viel Erfahrung scheint die Agentur bmp zu haben – deren Referenzen sehen teilweise sehr interessant aus:

      http://www.bpm.ch/kundenpartne….

      Unser Kohlibri-Shop (http://www.kohlibri.de) hat auch ein integriertes Konzept eines „Großkatalogs“ mit eigener Datenbank.

      Ich sitze mit 2 Dienstleistungspartnern zur Zeit an einer “ „offeneren“ (soll heißen, mehr auf die Buchhandlung zugeschnittenen) Lösung für den buchhandel – wir kommen leider etwas zu langsam voran.

      Und in Kürze wird ocelot.de an den Start gehen – eine kurz-vor-Beta-Version, die mit den Daten eines Barsortiments arbeitet, sieht schon sehr interessant aus.

      Ich meine, daß eine größere Vielfalt in der Entwicklung von buchhändlerischen Shop-Systemen für die Branche interessant wäre – wir brauchen hier definitiv einen Wettbewerb der Ideen.

      Es reicht aus meiner Warte nicht, daß uns die großen Logistiker ihre Lösungen anbieten.

      Damit es diese Vielfalt geben kann, braucht es mehrere Komponenten:

      – Geschmeidigere (preislich wie technisch) Katalog-Quellen
      – Kompetente eCommerce-Agenturen

      – und unternehmensluste und risikobereite BuchhändlerInnen, die neue Konzepte ausprobieren wollen.

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