Thomas Wilking: Päckchen auspacken oder shoppen?

Thomas Wilking: Päckchen auspacken oder shoppen?

Nicht nur der Buchhandel, sondern der gesamte Einzelhandel verändert sich durch die Online-Shops. Fragt sich nur, zu welchem Preis.

Der Buchhandel steht unter besonderem Veränderungsdruck, weil die Verschiebung zum Online-Handel besonders früh begonnen hat, wegen der guten Kataloge und der besonderen Eignung von Büchern für den Versandhandel. Ein Blick in die Nachbarläden zeigt aber auch: Die Verlagerung zum Online-Handel beschäftigt zunehmend auch Branchen, bei denen etwa Haptik und Passformen eine noch deutlich größere Rolle spielen, die eigentlich für den Vor-Ort-Einkauf sprechen.

Der Bekleidungshandel etwa wird zunehmend durch Online-Shops wie Zalando, Stylefile, 7trends und Planet Sports aufgemischt:

  • Textil- und Schuhhandel haben im 1. Quartal im Online- und Versandhandel um 10% zugelegt, berichtet das Fachblatt „Textilwirtschaft“, während der stationäre Handel stagniert.
  • Wegen der starken Online-Konkurrenz geht sogar die Kundenfrequenz in den Läden spürbar zurück, beklagt der Bundesverband Textileinzelhandel (BTE).
  • Zwar fehle im Internet das „haptische Erlebnis“, doch verringerten zeitgemäße Webshops diesen Nachteil zunehmend „durch Steigerung der Convenience“ so der BTE. Denn: Der Kunde bekommt fehlende Größen oft schneller online, als die Läden sie für ihre Kunden per Nachbestellung erhalten. Und: Die Beratung und soziale Interaktion als Wettbewerbsvorteil des stationären Handels fehlt auf größeren Flächen zu oft oder ist ungenügend, weil zu teuer. Das gilt für die meisten Einzelhandelsbranchen, was den Online-Shops wiederum in die Hände spielt.

Es tröstet keinen Buchhändler, wenn die Kollegen Textiler ebenfalls klagen. Es ist vielmehr ein Zeichen, dass es nicht nur um Verwerfungen und Brüche im Buchregal geht. Wenn jetzt auch die das Stadtbild prägenden Boutiquen, Schuhläden und Bekleidungshäuser über rückläufgige Kundenfrequenz klagen und den hippen Online-Einkauf à la Zalando dafür als Ursache benennen, ist dies ein Warnsignal für eine generell kritische Entwicklung des Vor-Ort-Einkaufs, die alle Branchen betrifft: Es wird weniger geshoppt. Deshalb reicht bei allem buchbranchenspezifischen Veränderungsdruck die Nabelschau nicht mehr, nicht das Ärgern über Amazon-Buchpäckchen oder die andere Vertriebswege gehenden E-Book-Downloads. Über den Zaun gucken, mit dem Nachbarn reden!

Die branchenübergreifende Betroffenheit und die gesellschaftliche Dimension, die beim Online-Handel von Umweltaspekten über prekäre Arbeitsverhältnisse (wie sie Günter Wallraff kürzlich bei den Paketzustellern beschrieben hat) bis zu verödenden Städten reicht, steigert die Chance, dass das Thema auf die Agenda der öffentlichen Diskussion kommt. Weil es nicht nur darum geht, wie wir künftig lesen, sondern wie wir künftig leben. Da gilt es nicht darum, den Markt oder Einkaufswege zu regulieren, sondern den Preis zu nennen.

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel und einem Kommentar im buchreport.express 27/2012.

Thomas Wilking ist Chefredakteur von buchreport. Auf der Medienvertriebskonferenz „Media Distribution Summit“ der Akademie des Deutschen Buchhandels moderiert er am 19. Juli 2012 in München eine Diskussionsrunde zum Thema „Der Buchhandel in der Existenzkrise – Welche Strategien helfen?“ (hier mehr).

Kommentare

7 Kommentare zu "Thomas Wilking: Päckchen auspacken oder shoppen?"

  1. Chräcker Heller | 11. Juli 2012 um 10:52 | Antworten

    Und wenn der Buchhandel nicht bald anfängt, ihre Läden teilweise als Showroom für den lokalen(!) eBookverkauf an zu sehen, werden, so denke ich, mittelfristig noch mehr Läden verschwinden.

  2. Ich bin ein großer Fan des stationären Handels, scheitere aber immer wieder an mangelnder Auswahl, fehlender Größen, schlechter Preise und unfreundlicher Beratung. Da gehen dann auch mir die Argumente aus, nicht bei Amazon einzukaufen. So wie heute Morgen in der U-Bahn, wo ich nebenbei auf dem Weg zur Arbeit, etwas bestellte und Morgen geliefert bekomme.
    Insofern, ja, das ist kein Buchhandelsproblem, sondern ein Service- und Dienstleistungsproblem.

    • Da frage ich mich gerade, wie toll, persönlich und freundlich denn die Beratung in der U-Bahn war. An den Preisen – gerade bei Büchern – kann es ja nicht liegen. Und immer wieder ist das Publikum erstaunt, daß auch der stationäre Händler am Ort oftmals Online-Auswahl- und -Bestellmöglichkeiten bietet. Aber beim stationären Handel wird eben „mangelnde“ Auswahl beklagt, da warten wir doch gerne auf die Postauslieferung am nächsten oder übernachsten Tag. Fragen Sie doch mal Ihren Händler, wie schnell er ein Buch beschaffen kann. Sie werden erstaunt sein, daß er manche Amazone an Schnelligkeit übertrifft. 

      • Richtig, keine Beratung, dafür aber ein Produkt – kein Buch – das ich in drei Geschäften nicht bekommen habe.
        Auch richtig, der Buchhandel hat eine fantastische Logistik, aber warum spielt er diese Karte nicht aus? Und warum ist eine eigene Website, geschweige denn ein Online-Shop immer noch eher selten als die Regel? Und wenn sie vorhanden ist, nimmt sie niemand wahr. Die reine Liebe zum Buch reicht leider nicht aus, um die Kunden zu binden. Marketing ist (leider) auch vonnöten.

        • Zugegeben: irgendwie bekommt der stationäre Buchhandel das Marketing nicht hin. Da gibt es noch unheimlich viel Entwicklungspotential.
          Aber: von „Freundlcihkeit“ bei einem Online-Shop zu sprechen tut weh – für alle im Service und Einzelhandel Tägigen.

      • Chräcker Heller | 11. Juli 2012 um 10:49 | Antworten

         Ich empfinde die „Freundlichkeit“ bei Amazon als sehr hoch. Bevor jetzt jemand zuckt: Bücher sind das einzige, was ich mir dreist bei amazon ausgesucht habe und dann im stationärem Handel bestellt habe. Aber nur, weil ich gleich zwei Strassen weiter einen kleinen Buchladen habe. Ansonsten denke ich schon: zwei  längere Wege zum nächsten Buchladen zwischen Arbeitszeit und Feierabend gequetscht werden durch einen Tag aufs Päkchen warten dicke wett gemacht.

        Aber wie gesagt: die „Freundlichkeit“ ist bei Amazon inzwischen sehr hoch. Nun kann man das eine virtuelle Freundlichkeit schimpfen und darüber jammern, wie man so zwischenmenschliches mit Computer verwechselt, aber mal ehrlich: die freundliche (wenn sie es mal ist) Verkäuferin im Innenstadtladen ist doch nicht freundlich, weil sie mit mir auch sonst gerne mal plaudern wollte und sobald ich den Laden verlassen habe, bin ich doch (vollkommen verständlich) auch aus ihrem Sinn für ihr restliches Leben.

  3. Sehr gut auf den Punkt gebracht!

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