Norbert Niemann: Wir Schriftsteller brauchen Buchhändler

Norbert Niemann: Wir Schriftsteller brauchen Buchhändler

Die Buchhandelsketten tragen eine enorme Verantwortung, nachdem sie die Stelle der vielen kleinen idealistischen Buchhändler eingenommen haben, die früher die Fahnen eines wachen und kritischen Geistes und der Literatur als Kunstform hochgehalten haben. Gleichzeitig sind sie bedroht von einer Dynamik, die sie selbst angestoßen haben: Sie werden aufgefressen vom eigenen Geschäftsmodell.

Liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler,

von Anfang an, seit die Filialen der Buchhandelsketten überall aus dem Boden schossen, habe ich befürchtet, dass hier ein Prozess losgetreten wird, der nicht nur die kleinen Buchläden nebenan zur Aufgabe zwingen würde, sondern mit der Zeit die Buchkultur insgesamt beschädigen könnte: Eine Übertragung der Discounter-Mentalität auf das Buchgeschäft würde unsere vielfältige literarische Landschaft auf Dauer in eine Monokultur schnelllebiger, geistig und künstlerisch mittelmäßiger bis minderwertiger Produkte verwandeln.

Als die Entwicklung begann, wurde mir von Leuten aus dem Literaturbetrieb immer wieder Hugendubel als Gegenbeispiel für meine Befürchtungen genannt. Ketten wie Hugendubel, sagte man mir, leisten, was die kleinen Läden nicht mehr leisten können: Sie retten das literarische Leben. Davon kann heute keine Rede mehr sein.

Gewöhnlich wird argumentiert, dass sich das Konsumverhalten eben ändert, das Geschäft sich nur anpasst. Ich sehe die Sache umgekehrt: Veränderte Geschäftsmodelle prägen die Konsumenten. Im Fall der Buchkultur ist das besonders verheerend: Binnen weniger Jahre hat neoliberaler Raubbau eine Wüste geschaffen, wo vorher das lebendige Erbe einer jahrhundertealten Geisteskultur herrschte. Und dieser Raubbau hat den gesamten Buchhandelskreislauf angesteckt – von den Konsequenzen für die Demokratie gar nicht zu reden, der die kulturellen Fundamente weggesprengt werden.

Die Buchhandelsketten tragen eine enorme Verantwortung, nachdem sie die Stelle der vielen kleinen idealistischen Buchhändler eingenommen haben, die früher die Fahnen eines wachen und kritischen Geistes und der Literatur als Kunstform hochgehalten haben. Gleichzeitig sind sie bedroht von einer Dynamik, die sie selbst angestoßen haben: Sie werden aufgefressen vom eigenen Geschäftsmodell. Zum Verkauf von Massenware und Non-Book-Ramsch braucht es keine Buchhändler.

Beim Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze bei Hugendubel  geht es auch um den Erhalt des Berufs des Buchhändlers. Die zentrale Steuerung im Einkauf zerstört die Eigenverantwortung, erniedrigt die buchhändlerische Arbeit aufs Niveau einer Hilfskraft, die genauso gut Autoreifen oder Semmeln verkaufen könnte.

Bücher sind nicht nur Unterhaltung, sondern in ihrem Wesenskern Erkenntnismedien. Literatur ist keine verschriftlichte Form von Fernsehentertainment, Sachbücher keine Verlängerung seichter Talk-Shows. Sie sind wichtig, weil sie zu Bildung und kritischer Reflexion beitragen, ohne die jede Demokratie auf Dauer zum Scheitern verurteilt ist. Der Buchhandel ist auch dazu da, Denken und Nachdenken unter die Leute zu bringen.

Wir, die wir uns abmühen, Denken und Kunst in diesem immer noch weiter wachsenden Geistessumpfklima wachzuhalten, wir brauchen Buchhändler, die Buchhändler sind.

Wir Schriftsteller brauchen euch!

(gekürzte Fassung der Rede Niemanns – anlässlich einer Demonstration der Hugendubel-Belegschaft vor dem Erzbischöflichen Palais in München am 5.5.2012)

Norbert Niemann ist Ingeborg-Bachmann-Preisträger, Mitglied des deutschen P.E.N. und stellvertretender Vorsitzender des VS – Verband deutscher Schriftsteller / Bayern

Kommentare

1 Kommentar zu "Norbert Niemann: Wir Schriftsteller brauchen Buchhändler"

  1. Cord Patzenvogel | 27. Juni 2012 um 15:41 | Antworten

    Mit Verlaub, was hier gedacht wurde, ist elitäres Denken. Nicht mehr zeitgemäss, auch nicht lösungsorientiert.

    Der Buchhändler ist nicht der Moses der Bücher, der als auserkorener Mittler zwischen Gott „Autor/Verlag“ und den Nichtwissenden agiert.

    Was ist der Buchhändler? Ein Händler, nichts weiter. Er kauft und verkauft, Bücher eben. Ganz gleich, in welche Buchhandlung ich gehe, ganz gleich, welches Buch
    ich mir wünsche, vom Buchhändler höre ich: „Das kann ich für Sie bestellen, ist wahrscheinlich morgen schon da.“ Brauche ich den Buchhändler als Umladestation? Oder als Informationsquelle? Ich kann heute Inhaltsverzeichnisse, Leseproben und Rezensionen bequem am Monitor vorab lesen.

    Selbst Autor, habe ich mich oft gefragt: „Was tut der Buchhändler eigentlich für dich?“ Bewirbt er meine Bücher? Was tut er heute für das Medium Buch überhaupt?

    Nein, wir Schriftsteller brauchen nicht zwingend den Buchhändler.

    Was wir Autoren brauchen, sind neue Modelle des Publizierens und neue direkte Wege zu den Lesern. Der klassische Buchhändler hat meines Erachtens ausgedient. Das ist der Lauf der Dinge.

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