Der Geist der Kopie lässt sich nicht wieder einfangen

Die Digitalkopie ist nicht zu stoppen, meint Dirk von Gehlen (Foto), Journalist und Autor des Suhrkamp-Titels „Das Lob der Kopie“. Die Branche sollte sie deshalb akzeptieren und neue Vergütungsmodelle für E-Books anbieten. Denn: Wenn man die Kopie nur verbiete und keine Alternative entwickele, schaffe sich das Urheberrecht von selbst ab.

© Daniel Hofer (SZ)

Warum loben Sie die Kopie?

Weil Kultur schon immer auf der Fähigkeit zur Nachahmung basiert hat. Wir imitieren, wir orientieren uns an anderen, wir sind, wie es Jonathan Lethem nennt, „rückwärts geboren“, weil wir von unseren Vorgängern Dinge übernehmen. Diese Sichtweise gerät meiner Meinung nach aus dem Blick, wenn man sagt: „Kopieren ist keine Kunst.“

Ich möchte erreichen, dass wir wertfrei beobachten, was die digitale Kopie für uns als Gesellschaft bedeutet – nicht nur für Geschäftsmodelle, sondern auch für Inhalte: Wie verändert die digitale Kultur die Kultur- und Kunstproduktion, völlig unabhängig von der Frage der Refinanzierung? Diese Debatte führen wir selten. Wir reden nur über Geschäftsmodelle und weniger darüber, was für Möglichkeiten und Chancen darin liegen, dass ich als Künstler fast ohne Aufwand ein riesiges, weltweites Publikum erreichen kann.

Wann ist eine Kopie lobenswert?

Erstens ist sie dann lobenswert, wenn sie ihre Quellen benennt und  diese nicht verschleiert. Das ist der Hauptunterschied zum Plagiat. Beim Plagiat tut jemand, als sei er der Verfasser eines fremden Textes.

Zweitens sollte die Kopie in einen neuen Kontext überführen. Das schönste Beispiel, das man dazu finden kann, stammt von Andy Warhol, der die Suppendose aus dem Allerweltskontext des Supermarktes in ein Kunstmuseum überführt hat und dadurch Kunst geschaffen hat.

Außerdem muss hinter Kopie ein eigenschöpferisches Element liegen. Die lobenswerte Kopie reproduziert nicht nur, sondern lässt, wie es die Juristen sagen, die Schöpfungshöhe des neu Geschaffenen erkennen.

Wie würden Sie mit kriminellen Organisationen umgehen, die laut Börsenverein zunehmend in den E-Book-Markt drängen?

Wer ein Recht bricht, sollte auch strafrechtlich verfolgt werden. Doch wir sollten die Frage vielmehr aus Sicht der „normalen“ Nutzer betrachten: Wenn Sie ein YouTube-Video angucken, fertigen Sie vom Video eine temporäre Kopie auf Ihrem Rechner an. Es gibt Juristen, die sagen, allein dadurch begeht man schon einen Urheberrechtsbruch. Die Rechtslage ist inzwischen so unklar, dass sich selbst Juristen nicht mehr auskennen.

Es kann nicht unser Ziel sein, dass wir nur die Ahnungslosen erwischen und die Kriminellen eine Strafverfolgung umgehen können. Alle Modelle, die derzeit diskutiert werden, sind restriktiver Natur. Wir versuchen die Kopie über Schutzmechanismen, hohe Strafen und moralische Kampagnen zu verbieten. Meiner Meinung nach ist das extrem schwierig, denn die letzten zehn, fünfzehn Jahre seit Napster haben bewiesen, dass restriktive Kampagnen keinen Erfolg haben.

Ich will weder der Urheberrechtsverletzung das Wort geben noch das Urheberrecht abschaffen. Nur: Wenn wir nichts unternehmen, schafft es sich von selbst ab, weil die Menschen  keine Einsicht mehr in das Recht haben und es seiner legitimen Grundlage entbehrt. Das wäre eine Katastrophe. Auch für mich als Urheber.

Wo würden Sie ansetzen?

Der Geist der digitalen Kopie lässt sich nicht wieder einfangen. Die Zahnpasta ist aus der Tube, ob wir wollen oder nicht. Die Diskussion, wie wir die Zahnpasta zurück in die Tube bringen, halte ich nicht für zielführend. Wir sollten die digitale Kopie als gesellschaftliche Realität akzeptieren und darauf aufbauend Lösungen entwickeln.

Was könnte eine Lösung ein?

Ich plädiere für pauschale Abgabesysteme wie die Kulturflatrate. Als die Kassette aufkam, hat der Gesetzgeber befunden, dass man die Menschen nicht oder nur zu sehr hohen Kosten daran hindern kann, für private Zwecke Kopien anzufertigen. Deswegen hat man eine pauschale Abgabe eingeführt. Es ist an der Zeit, ein vergleichbares Modell für den digitalen Raum zu diskutieren.

Kann die Kulturflatrate Urhebern ein Auskommen sichern?

Die Kulturflatrate ist ja nicht als Honorar gedacht, sondern als Zweitvergütung. Die Debatte über neue Geschäftsmodelle ist dadurch nicht vom Tisch.

Welche Modelle funktionieren?

Letztlich werden sich die Angebote durchsetzen, die für den Nutzer bequem sind. Der Musikproduzent und Autor Tim Renner hat einmal gesagt, das beste Angebot gegen Piraterie sei ein leicht zugängliches, gut funktionierendes legales Angebot. Das gilt meiner Meinung nach für jeden Bereich: Für Filme, für Musik und für Bücher.

Was schade ist: Nicht die Gesellschaft und nicht die Verlage führen derartige Angebote ein. Stattdessen bestimmen branchenfremde Unternehmen aus dem Silicon Valley die Marktrevolution. Aus Angst vor einer möglichen Kannibalisierung warten die Verlage ab, geben ihre Inhalte in die Hände von Apple und Amazon und betonen, wie schön Papier raschelt und wie gut ein Buch riecht. Als wäre es die Kernaufgabe der Verlage, Papier zu bedrucken.

Die Alternative?

Um aus eigener Erfahrung zu sprechen: Allein dadurch, dass mein Buch bei Suhrkamp erschienen ist, bin ich in Diskurse gekommen, die ich niemals erreicht hätte, wenn ich mein Werk im Eigenverlag unter Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht hätte. Die Kraft der Marke ist viel bedeutsamer für die Zukunft von Verlagen als die Tatsache, dass sie Papier bedrucken können.

Der Wert der Verlage liegt darin, Künstler und Autoren zu entdecken, zu fördern und auf sie aufmerksam zu machen. Das ändert sich auch im digitalen Zeitalter nicht.

Die Fragen stellte Lucy Kivelip.

Dirk von Gehlen
leitet die Abteilung „Social Media/Innova­tions“ bei der „Süddeutschen Zeitung“. Privat bloggt er unter digitale-notizen.de über Musik und Medien. Bei Suhrkamp ist 2011 sein Buch „Mashup. Lob der Kopie“ erschienen, in dem der Journalist für einen wertfreien Umgang mit der Digitalkopie sowie den Erhalt und Ausbau der Remix-Kultur plädiert.

Das vollständige Interview lesen Sie im buchreport.magazin Juni 2012 (hier zu bestellen). 

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