Wir brauchen mehr Bücher, die nicht als E-Book funktionieren

Die Buchbranche spürt an vielen Stellen Veränderungsdruck, die alle mit Internet und/oder digitalen Medienformaten zusammenhängen. buchreport hat für ein Stimmungsbild mit großer Resonanz von 500 Teilnehmern (vorwiegend aus Verlagen und Handel sowie Autoren) in der Branche nachgefragt, unter der sehr zugespitzten Formulierung „Ist das Buch nicht mehr sexy genug?“

Die komplette Auswertung der Umfrage ist im buchreport.magazin Juni/2012 nachzulesen (hier zu bestellen). Einzelne Ergebnisse im Überblick: 
  • Eine klare Mehrheit (64%) weist die grundsätzlichen Zweifel an der Attraktivität des Mediums Buch zurück und mag, wenn überhaupt, eine vorübergehende Formschwäche attestieren.
  • Immerhin ein gutes Viertel der professionellen Buchmenschen spürt aber tatsächlich eine schwindende Attraktivität: Bücher verlieren an Anziehungskraft.
  • In den Kommentaren zur Abstimmung wird auf mögliche Schwächen im Angebot („zu viel Schrott“) verwiesen und darauf, dass seit Längerem jene Topseller fehlen, die Bücher und den Buchhandel auch außerhalb der Kernkundschaft ins Gespräch bringen. Ansonsten werden viele Gründe genannt, warum das Buch als „nachhaltiges Medium“, als „kontemplativer Genuss“ und „Ausdruck kultivierten Lebensstils“ seine Bedeutung erhält.
  • Allerdings gibt es auch Fragezeichen, ob die nachwachsende Generation die Kontemplation und das Lesen längerer Texte ähnlich schätzt wie die vorangegangene oder ob sich die Mediennutzungsgewohnheiten weiter verändern. 
 „Ist das Buch nicht mehr sexy genug?“ – einzelne Stimmen (Auswahl):
Thomas Überhoff, Rowohlt: Eine Generationenfrage: Die er­ste internetaffine Generation wird er­wachsen und sieht nüchtern die Vorteile der elektronischen Me­dien. Der ästhetische Aspekt der Ware Buch spielt dort nicht mehr so eine Rolle. Auf denen werden doch auch „Bü­cher“ gelesen oder eben Texte. Der Gesamtleseinput des Durchschnittsbürgers ist m.E. nicht kleiner geworden. Nur wählt er zwischen diversen Formen, die sich ihm vor 20 Jahren nicht boten.
Hendrik teNeues, teNeues: Das Buch ist immer noch sexy, vor allem ein Bildband in hoher Qualität besitzt die Haptik, die nach wie vor gefragt ist. Die digitale Alternative ist als ergänzende E-Book Version mit Multimedia Content spannend. Und wenn man 500 Bücher auf einem Lesegerät mit in den Urlaub nehmen kann, ist das sehr effizient. Der Buchhandel muss den Sexappeal seines Geschäftsmodells hinterfragen. Nachdem einige der Großflächen bereits vom Markt genommen wurden, entstehen neue Chancen für kundenorientierte auch kleine bis mittlere Buchhandlungen mit perfektem Service und Fokussierung.
Karin Schmidt-Friderichs, Hermann Schmidt Verlag: Das hängt vom Buch ab und davon, ob es jenseits des „Inhaltsträgers“ einfach auch begehrenswert ist. Das haben wir in den letzten Jahren etwas vernachlässigt…
Wolfgang Hörner, Galiani Berlin: Zum Glück waren noch nie alle Bücher sexy. Manche sind „schön“, manche „imposant“, manche „würdig“, manche „anbetungswürdig“, manche „edel“, manche „grottig“,manche „schmutzig“, manche „span­nend“, manche „wichtig“, manche sind auch „“ und manche „nägelzehrollendgut“. Es macht Bücher ja gerade so interessant, dass sie verschiedenste Charaktere haben – und die haben sie (auch) ihrer Gestaltung, ihres Äußeren wegen. Ein Hoch auf eine Vielfalt, die nur das gedruckte Buch zu bieten hat!
Elisabeth Evertz, Buchhandlung Scheuermann, Duisburg: Anziehungskraft verliert die austauschbare Massenware. Das inhaltlich und herstellerisch hochwertige Buch wird an Interesse gewinnen.  Wir brauchen mehr Bücher, die nicht als E-Book funktionieren, weil man sie schlichtweg haben will, sich damit bereichern und sein Leben verschönern will.
Wolfgang Wilhelm, 7-Schwaben-Buch: Wenn es um das Lesen auf der einen und auf der anderen Seite geht, dann kann ich eine polnische Initiative empfehlen: „Nie czytasz? Nie ide z toba  do lozka!“ Auf Deutsch: „Du liest nicht? Dann steige ich mit dir nicht ins Bett!“ http://nieczytasz.pl
Hannes Nygaard, Autor, Nordstrand: Ich höre stets von Lesern, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch die Sinn­lichkeit, die mit dem Berühren des Buches und dem Duft verbunden sind, durch andere Me­dien nicht er­setzt werden können. Es mag sonderbar klingen, aber man sollte diesen As­pekt bedenken. Schnell­lebige Medien können das Buch nicht er­setzen, obwohl man berücksichtigen muss, dass Facebook, Internet usw. Zeiträuber sind. Das könnte eine wirkliche Gefahr für „das Buch“ be­deuten. 
Zur Umfrage
Die buchreport-Umfrage zur Attraktivität des Buches im Zeitalter von Smartphones und Tablets erfolgte unter Branchenangehörigen in Deutschland, Österreich under Schweiz nach E-Mail-Aufforderung und Verlinkung zur Online-Abfrage. Die Antworten konnten namentlich oder anonym erfolgen. Statistisch ausgewertet wurden die 497 vollständig beantworteten Fragebogen.  Die Erhebung erfolgte im Mai 2012. Die Zitate stammen aus der Kommentarfunktion der Umfrage oder sind E-Mail-Reaktionen auf die Umfrage.

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