Fürchterliches Gesicht hinter Grinsemasken

Die Aktivisten von Anonymous haben sich zu ihrer Veröffentlichung von Daten von etwa 100 Schriftstellern  (hier mehr) geäußert. Die Daten seien nicht auf kriminellem Wege beschafft worden, sondern seien aus Online-Telefonbüchern, Wikipedia-Profilen und von Künstler-Webseiten kopiert worden. Mit der Aktion solle niemand bedroht werden. „Vielleicht wirkt es auf den ersten Blick bedrohlich – wenn Daten von Personen veröffentlicht werden –, doch diese Daten sind im Netz frei zugänglich und jeder, der nicht gut auf einen der Künstler zu sprechen wäre, könnte ohne Weiteres so oder so an diese Daten kommen, welche veröffentlicht worden sind.“

Die Veröffentlichung der Daten hat auch im Verband deutscher Schriftsteller für Empörung gesorgt. Auf buchreport.de wendet sich der Verbandschef Imre Török in einem offenen Brief an die Maskenträger, deren Verhalten an Diktaturen erinnere:

Hi, Anonymous!
Die Attacken aus euren Reihen gegen Autorinnen und Autoren erinnern erschreckend an menschenverachtende Mechanismen in totalitären Systemen. Lange Regale füllen die Bücher, in denen Schriftsteller Überwachungsstaaten angeprangert haben und das bis heute tun. Gerade diese Zunft greift ihr an, deren zahlreiche Vertreter stets für freie Meinungsäußerung und für größtmögliche Transparenz gekämpft haben. 

Ihr attackiert uns, wie es Diktaturen tun, nur weil wir Urheber uns auch für unsere Rechte einsetzen. Hier zeigt die Auseinandersetzung ein fürchterliches Gesicht hinter Grinsemasken. 

Mit offenem Visier haben im Laufe der Geschichte unzählige Schriftsteller für die Freiheit des Wortes und gegen jede Art von Zensur gekämpft, sind inhaftiert, gefoltert, hingerichtet worden. Schriftsteller setzen sich unverblümt und ohne Maskerade für das hohe Gut der Meinungsfreiheit ein, dafür saßen und sitzen bis heute weltweit Tausende von Autorinnen und Autoren im Gefängnis. Sie zeigen wirklich Mut, individuelle Courage und Beherztheit im realen Leben. Auch im heutigen Internetzeitalter. 
Man muss offen und solidarisch für seine Ideen und Ideale streiten. 
Schriftsteller sind dabei auf verbürgte Menschenrechte, wozu auch das Urheberrecht gehört, angewiesen. Die meisten benötigen zudem den Schutz, den seriöse Verlage ihnen bieten können und müssen.   
Die Gestaltung des Urheberrechts beinhaltet sehr viel mehr als nur die Verteidigung des „geistigen Eigentums“ in barer Münze. Autorinnen und Autoren sehen Kreativität, Freiheitsrechte, Meinungsvielfalt in unserer Zeit hochgradig und von vielen Seiten bedroht. Wir wissen aus der Geschichte, wie schnell anonyme angebliche Schwarmintelligenz sich in brutale Schwarmdummheit verwandelt. Das haben die heimtückischen Attacken von Anonymous uns wieder deutlich vor Augen geführt. 


Masken runter. Offen und solidarisch kämpfen. Und nicht diejenigen bekämpfen, deren Werke von Platon – der im griechischen Altertum bereits um eine virtuelle Welt wusste –  bis heute diese meist brüchige Freiheit mitbegründet haben, die wir gemeinsam verteidigen müssen. 



Imre Török


Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS)


Mitglied im P.E.N. Zentrum Deutschland 

Kommentare

6 Kommentare zu "Fürchterliches Gesicht hinter Grinsemasken"

  1. Ralf G. Landmesser | 16. Mai 2012 um 22:59 | Antworten

    Imre Török hat im wesentlichen Recht. Autor_inn_en müssen die Gewähr haben, sich eine Existenzgrundlage erarbeiten zu können. Dass das den meisten -auch guten-Autor_inn_en- NICHT gelingt, weil sie im Beziehungs- und Machtgedrechsel der Verlags- und Buchhandelswirtschaft untergehen (von politischen Spielchen ganz zu schweigen), steht auf einem anderen Blatt. Unsere Presse ist NICHT frei.
    Nicht zustimmen würde ich Imre Török bei seinem Wunschbild von Schriftsteller_innen: wie viele schlechte, wohldotierte Lohnschreiber_innen gibt es, die ganz das Gegenteil tun als die Macht anzukratzen. Die Autor_inn_en rebellischen Geistes waren immer in der absoluten Minderzahl – soweit sie überhaupt gedruckt wurden. Natürlich und glücklicherweise gibt es sie nach wie vor und sie haben jede Solidarität verdient.
    Ganz schlecht finde ich es allerdings, sich auf ausgerechnet PLATON zu berufen, der als der repressive antike Staatsarchitekt per se gelten muss und der die Sklaverei für unverzichtbar hielt.
    Zuletzt noch: ANONYMUS ist, wie schon richtig bemerkt, ein Button, den sich jeder anstecken kann. Auch Leute, die möglicherweise mit false-flag-Aktionen andere diskreditieren wollen.

  2. Wie sagte doch einst Francis Bacon: „Wissen ist macht“ und wenn Sie hier schon bestimmten Gruppen Dummheit vorwerfen, sollten Sie sich erst einmal Wissen über besagtes Kollektiv aneignen. Denn wie kann ich über etwas richten, was ich gar nicht kenne? Genau das haben sich Ihre Kollegen im Grunde mit Ihrem Statement zum Urheberrecht erlaubt, genau so wie Sie es in Ihrem Artikel. Sie schreiben hier im übrigen genau so plakativ, wie Ihre Kollegen und vergessen dabei komplett, dass es zu Zeiten Platons und auch zu Zeiten der Schriftsteller die sie auch erwähnen, noch gar kein Urheberrecht gab.
    Sie vergessen komplett, dass viele Ihre Kollegen mit Recherchen aus dem Internet arbeiten und Sie vergessen komplett, dass Kultur Remix ist. Und all das kann und wird ein zementiertes Urheberrecht nicht mehr zulassen. Denn man kriminalisiert schon heute nicht die Leute die illegal Musik, Filme oder Spiele kopieren, sondern auch die, welche mit dem Kopieren neue Inhalte schaffen eben genau so wie es Ihre hochverehrten Kollegen schon seit Jahrhunderten machen.

  3. Johann-Günther König | 16. Mai 2012 um 18:47 | Antworten

    Zum Kommentar von Astrid Ann Jabsuch: Wenn wir Autoren die Diskussion um die Zukunft des UrhG nicht prägen – und zwar auf deutscher wie auf EU- und generell internationaler Ebene – dann dürften uns unsere Nachfahren keine guten Nachrufe schreiben. Von wegen: „Arbeit abnehmen“ – wer, wenn nicht wir, muss wohl die eigentliche, neudeutsch sogenannte Lobbyarbeit vorantreiben, hör- und wahrnehmbar, um im digitalen Zeitalter nicht im virtuellen Copy-Paste-Papierkorb zu verschwinden? Der VS wird gebraucht – mit Stimme und Sachverstand.

  4. Meine Meinung zu dem Streit. http://www.literaturcafe.de/da

  5. Imre Török hat in allem Recht. Nur: er spricht Leute an, die über ein Minimum an historischen Wissen verfügen. Das scheint bei diesen Maskierten nicht der Fall zu sein. Zu ihrem Auftreten und ihren Megaphon-Thesen sollten sich endlich mal die Piraten eindeutig äußern. Solange die Freibeuter jedoch weiterhin wolkig über die grenzenlose Freiheit im Internet schwadronieren dürfen, tragen sie ja ebenfalls Maske. Auch sie operieren mit fatalen demagogischen Methoden. Wir Deutschen haben aber leider eine unselige Vergangenheit, die selbst bei Menschen mit der Gnade der ganz späten Geburt noch irgendwo im Hinterkopf stecken sollte, und sei’s rudimentär. Wo nicht, sehe ich schwarz für die weitere Entwicklung in diesem Land.

  6. Astrid Ann Jabusch | 16. Mai 2012 um 15:15 | Antworten

    Nun hört doch endlich auf, diesen Halbgaren eine Plattform zu bieten! Die schlipstragenden Köpfe solcher Schafherden reiben sich die Hände und klatschen sich vor Vergnügen auf den Bauch darüber, wie wir Autoren ihnen die Diskussion um das UrhG abnehmen, alles hübsch ausformulieren und dafür sorgen, dass in der Öffentlichkeit permanent darüber diekutiert wird, ob das UrhG nicht eventuell doch irgendwie zu kippen ist – kurz: ihnen die Arbeit abnehmen. Wollen wir das denn wirklich?

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