Eine Buchpreisbindung schützt keine Buchhandlung

Der frühere Geschäftsführer der Schweizer Buchhandlung Karger Libri und heutige Unternehmensberater Philip Karger (Foto) begrüßt das Votum der Schweizer. Die fixen Preise hätten nur den großen Ketten und Verlagen geholfen. In fünf bis zehn Jahren, so Kargers Prognose, werde der Buchmarkt zu 75% elektronisch sein.
Die Mehrheit der Schweizer ist gegen eine Buchpreisbindung. Wie schätzen Sie das Ergebnis des Referendums ein?
Die Schweizer haben begriffen, dass ein Buchpreis-Kartell den kleinen, unabhängigen Buchhandlungen nichts nützt und sahen auch die Bedrohung des Online-Buchhandels, darum haben sie „Nein“ gestimmt.
Überrascht Sie das Ergebnis?
Ich bin keineswegs überrascht, als ich 1990 den Kampf gegen die Buchpreisabsprachen aufgenommen habe, habe ich dem damaligen Präsidenten des SBVV, Men Haupt, in einer Diskussion gesagt: Spätestens in 20 Jahren ist dieses Thema vom Tisch. Ich habe mich um zwei Jahre getäuscht.
Worauf führen Sie das Ergebnis zurück?
Das Ergebnis führe ich darauf zurück, dass das Schweizer Volk gemerkt hat, das eine Buchpreisbindung keine Buchhandlung schützt und nur den großen Ketten und Verlagen hilft. Die Schweizer wollen viel und günstig lesen, und das können sie dank dem Fall der Buchpreisbindung.
Wie wird sich die Schweizer Buchbranche in den kommenden Jahren entwickeln?
Die Probleme der Buchbranche werden nicht kleiner wegen dem Fall der Buchpreisbindung, aber es gibt jetzt ein Mittel mehr, sich gegen Konkurrenz aus dem Ausland und der großen Ketten zu wehren. Die innovativen Buchhandlungen überleben, die anderen nicht, dafür werden es neue versuchen. Massen-Bücher werden vermehrt an Kiosken und als Zusatzverkauf in Spezial-Handlungen (Apotheken, Tierhandlungen u.ä.) auftauchen, der Gesamtumsatz der Bücher – wenn die E-Book dazu gerechnet werden – wird steigen, aber die Verteilung wird sich stark ändern. Für die grenznahen Buchhandlungen tut sich ein großer Markt in Deutschland auf – gut für den, der dies nutzen kann. Allgemein ist die Entwicklung, analog derjenigen der Musikbranche, nicht aufzuhalten, und in fünf bis zehn Jahren wird sich der Buchmarkt zu 75% elektronisch (inklusive illegaler Downloads) abspielen.

Weitere Stimmen zum Buchpreisbindungs-Referendum: Wolfgang Jaeger (Buchhändler),  Philip Karger (Ex-Buchhändler)Dani Landolf (SBVV)Autorenverband AdSBörsenvereinStefan Fritsch (Diogenes)Peter S. Fritz (Agent)Christian Russ (Preisbindungstreuhänder)Daniel Röthlin

Kommentare

2 Kommentare zu "Eine Buchpreisbindung schützt keine Buchhandlung"

  1. Die Reaktionen der selbsternannten Kulturschaffenden sind also schon ziemlich aufschlussreich. Zwischen den Zeilen gelesen merkt man halt dann schon dass die selbsternannten Gralswächter der Buchkulturn ihrem Elfenbeinturm der Arroganz sehr bedauern, dass das Preisdiktat nicht einfach nach Gutsherrenart von oben herab dem Volk aufgestülpt werden konnte so wie in Deutschland, sondern das von ihnen so sehr verachtete gemeine Volk das letzte Wort behielt.

    Aber egal, nach der erfolgreichen Abstimmung kann diese verkrustete Buchbranche und nun endlich endgültig aufs Abstellgleis geschoben werden, wo sie weiter vor sich hin verrotten können bis auch der letzte Dinosaurier endlich ausgestorben ist . :))

  2. Sonja Ulrike Dr. Klug | 12. März 2012 um 21:35 | Antworten

    Ich begrüße es sehr, dass diese „Heilige Kuh“ (um nicht zu sagen „dämliche Kuh“) Buchpreisbindung nun mehr und mehr geschlachtet wird. Ohnehin existiert sie nur formal, wird aber de facto an allen Ecken und Enden unterlaufen. Die Verstöße dagegen, insbesondere bei Amazon, sind Legion und finden sich auf zig Seiten jeden Tag. Was soll man denn als Konsument davon halten, wenn ein Buch, das gerade eben als Neuerscheinung auf den Markt kommt, schon nach 1 Woche als angeblich neu auf der Website weit unter Ladenpreis verkauft wird? Oft sogar in so riesigen Mengen, dass das Buch offensichtlich nicht von lesenden Konsumenten weiterverkauft worden sein kann. Die Buchpreisbindung ist eine Farce! Sie schützt in der Tat nicht die kleinen Buchhandlungen, da stimme ich Herrn Karger zu. Das Einzige, was eine Buchhandlung schützt, ist eine klare Marktpositionierung in einem bestimmten Marktsegment mit einer klar eingegrenzten Ziel-/Lesergruppe. Doch an dieser klaren Positionierung fehlt es weit über 90 % der Buchhandlungen. Sie bieten alle dasselbe an und sind austauschbar! Ihr Verschwinden vom Markt ist nur eine Frage der Zeit und nicht der Buchpreisbindung. Der Vorteil bei Wegfall der Preisbindung wäre auch: Man könnte endlich attraktive Marketingmaßnahmen beim Buchverkauf einleiten, könnte zeitlich begrenzte Rabatte, Warengutscheine, Vorteile für Vielkäufer und Ähnliches anbieten. Bei solchen Marketingmaßnahmen, die längst im Einzelhandel üblich sind, ließe sich auch mehr abverkaufen. Im Moment sind dem Buchhandel mit der Preisbindung die Hände gebunden – und das Marketing für Bücher ist ausgesprochen langweilig für Konsumenten, weshalb wohl auch die Verkäufe flächendeckend in der Branche rückläufig sind. Weg mit der Buchpreisbindung – und das im gesamten deutschsprachigen Raum!

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