Wen juckt das E-Book?

Seit 17 Jahren führt Regina Moths (Foto) die Münchener Buchhandlung Literatur Moths. Die 51-Jährige wünscht mehr Branchenmarketing. Zu lange habe der Buchhandel geschlafen und seine Stärken nicht kommuniziert – zur Freude der Online-Konkurrenz. 

Warum macht ein mit 2000 Titeln schmales Sortiment so viel Arbeit? 

Weil es ein großer Aufwand ist, auf 95% der Bücher zu verzichten. Ein guter Krimi kostet 12,90 Euro, ein schlechter Krimi kostet 12,90 und ein mittelmäßiger auch: Wir wollen uns nicht mit den beiden Letzteren abgeben, das ist Arbeit. Für Buchkaufhäuser mit ihren an Verlage vermieteten Flächen ist es einfacher: Bestseller stapeln und fertig. 

Wie funktioniert das wirtschaftlich, Bestseller und Unterhaltung nicht zu führen?

Ich bin die Tochter eines Steuerberaters und kann schon rechnen. Wir haben auch die Roche dagehabt, aber nicht verkauft. Leute, die hereinkommen und sagen, sie wollen nur Unterhaltungsliteratur, sind herzlich willkommen. Denen sage ich: Ich lese nur zur Unterhaltung. Und: Der neue Grisham ist richtig gut. Ich hätte ganz einfach nur mehr interessante Besprechungen und viel mehr Branchenmarketing. 

Was verstehen Sie unter Branchenmarketing? 

Warum wissen die Menschen, dass am nächsten Tag ihr Medikament, aber nicht, dass am nächsten Tag auch ihr Buch da ist? Warum glauben die Menschen, dass Amazon billiger und schneller ist als ein Buchladen? Da kann ich nur sagen: Geschlafen, geschlafen und geschlafen. Amazon hat sich auf eine Logistik gestützt, die schon 30 Jahre perfekt funktioniert hat, und profitiert jetzt von einem Buchmarkt, der es 30 Jahre lang nicht geschafft hat, diese Perfektion zu kommunizieren. Aber man darf nicht Amazon die Schuld geben, dass sie sich wendiger und fixer präsentieren als der restliche Buchmarkt  .

Und selbst?

Wir waren eine der ersten Internet-Buchhandlung in München und haben überhaupt kein Problem mit technischem Know-how. Wir haben fünf oder sechs Bestellungen am Tag. Und es gibt Kunden, die das regelmäßig nutzen. Wir merken das oft Sonntagabend: Nach der Feuilletonlektüre kommen die Online-Bestellungen rein. Ich muss mir natürlich bei allem Schimpfen übers fehlende Branchenmarketing auch vorwerfen, dass ich zu wenig Zeit habe, mich intensiver um die Bewertung des Internets zu kümmern, denn jeder Kunde, den ich deswegen im Laden stehen lassen muss, ist ein Kunde zu viel. 

Jetzt drängt das E-Book… 

Es drängt nicht. Die Branchenpresse belästigt. Seit vier Jahren fragen wir: Wen juckt das E-Book? In den Branchenmedien wird so getan, als gäbe es eine Schwemme und wir betulichen Buchhändler sitzen hier und sagen: Oh, schon wieder die Welle verpasst. 

Sie sehen keine Welle? 

Ich persönlich finde E-Reader sehr praktisch und ich lass mir die Manuskripte von den Verlagen draufladen, um schneller zu sichten, wenn auch nicht, um komplett zu lesen. E-Books werden bei uns aber nicht nachgefragt. Keiner will ein E-Book haben.  Das mangelnde Interesse hängt bei uns vielleicht auch damit zusammen, dass wir viele Kunden haben, die Grafiker, Typografen, gelernte Drucker sind, die noch stärker mit Papier und Typografie vertraut sind. Kunden, die merken, dass es besondere Bücher sind, die auch diese Art des Aneignens schätzen, die ein E-Book nicht leisten kann. 

Regina Moths
absolvierte nach dem Abitur eine Buchhandelslehre in Calw, studierte Theater, Film- und Fernsehwissenschaften,Germanistik und Soziologie in Frankfurt und arbeitet währenddessen als Assistentin und Regisseurin im Bereich Hörspiel und Feature. 1992 übernahm sie die Büchergilde Gutenberg Buchhandlung München und zog 1994 unter dem Namen „Literatur Moths“ an den jetzigen Standort in der Nähe des Isartorplatzes.

Die Fragen stellte Thomas Wilking.

Das vollständige Interview und ein Porträt der Buchhandlung lesen Sie im aktuellen buchreport.magazin 1/2012 (hier zu bestellen). 

Kommentare

2 Kommentare zu "Wen juckt das E-Book?"

  1. Liebe Frau Moths,

    Sie haben eine der schönsten Buchhandlungen Deutschlands.

    Ich teile Ihre Einschätzung, dass wir Buchhändler uns bezüglich der Kommunikation der Service-Leistungen unter Wert schlugen und schlagen, auch was die Kommunikation der Preisbindung angeht (mit der Einschränkung, dass die Strahlkraft sich durch die Vielfalt der Angebote
    – von neu über fast neu bis zu akzeptabel – relativiert hat).

    Ebenso ärgert es mich seit 10 Jahren, dass wir den großen branchenfremden Playern durch die günstige Überlassung unserer für sie perfekten Infrastruktur der Markteintritt sehr leicht gemacht haben.

    Aber das scheint mir mittlerweile fast schon Schnee von gestern. Ist es nicht an der Zeit, neue USPs für das stationäre Sortiment zu erfinden und darzustellen?

    Sie beschreiben den großen Aufwand, ein Sortiment auf 2.000 Titel zurechtzufiltern. Ihre Auswahl ist ein wunderbarer, hochverdichteter Extrakt der hiesigen Buchproduktion. Ich habe gerade fast 2 Wochen gebraucht, um aus den Frühjahrsvorschauen unsere 500 Titel der Saison rauszufischen und weiß, von welcher Arbeit Sie sprechen.

    Ich habe mir Ihren schöngestalteten neuen Webauftritt angesehen. Warum stellen Sie diesen Katalog der besten 2.000 Titel nicht ins Netz – und geben damit den Liebhabern Ihrer Vorstellung guter Bücher die Möglichkeit, genau die bei Ihnen zu entdecken und zu kaufen? Das Grossisten-Angebot, was Sie zeigen, mag ja der Vollständigkeit halber sinnvoll sein, entspricht aber nicht dem, was Ihren Laden ausmacht, oder?

    Wollen wir selektierenden, filternden, findenden Buchhändler nicht einen schönen neuen Buchkatalog bauen? Unsere Kunden warten darauf!

    René Kohl

  2. Mathias Schindler | 11. Januar 2012 um 19:20 | Antworten

    An einer Stelle muss man dann doch widersprechen, denn „keiner will ein ebook haben“ hätte eigentlich „keiner will ein ebook von uns haben“ lauten sollen.

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