Zu oft rückwärtsgewandt

Als Verlagsberater beobachtet Helmut von Berg (Foto), Direktor des Software- und Beratungsunternehmens Klopotek & Partner, den Siegeszug der Digitalisierung aus der ersten Reihe. Im buchreport-Interview plädiert er für eine zukunftsgerichtete Debatte über ihren rechtlichen Rahmen.

In der Branche gibt es Widerstand gegen Pläne, das Urheberrecht mit Blick auf die Digitalisierung grundlegend zu ändern. Zu Recht?

Einzelpunkte, die in dieser Reformdiskussion vorgeschlagen werden, sind vielleicht kritikwürdig. Grundsätzlich aber stört mich, dass Diskussionsbeiträge aus der Branche oft zu rückwärtsgewandt und auf die eigene Perspektive beschränkt sind. 

Es geht ja auch um die Verteidigung existenzieller wirtschaftlicher Interessen.

Diese Interessen werden aber nicht in erster Linie durch die Reformdiskussion gefährdet, sondern durch die neuen Strukturen, die die Digitalisierung täglich hervorbringt.

Woran krankt die Diskussion?

Meiner Meinung nach müssen wir viel stärker differenzieren: Auf der einen Seite steht das Urheberrecht, das den kulturellen Wert eines Werkes für Kreative und seine Nutzung definiert, und auf der anderen Seite das Copyright, das die wirtschaftlichen Interessen der Verwertung sichert und die Verteilung der Erlöse unterstützt… 

Aber beides hängt doch zusammen.

Natürlich. Trotzdem sind es zwei unterschiedliche Fragenkreise, die sich um unterschiedliche Ziele und Interessen drehen. Das Urheberrecht sichert grundsätzlich nur die Anerkennung für den Status des Urhebers und seines Werkes. Ob und wie der sich darüber hinaus in ein Nutzungsentgelt umsetzen lässt, ist eine zunächst offene Frage.    

Was bedeutet das konkret für die Diskussionen um Urheberrecht und Copyright?

Wenn wir uns zum Beispiel ein neues Phänomen wie die Cloud anschauen, ist das vom Standpunkt des Urhebers erst einmal eine großartige Entwicklung, denn mit Blick auf den kulturellen Wert eines Werkes muss das vorrangige Ziel im digitalen Zeitalter sein, eine möglichst breite Nutzbarkeit zu ermöglichen beziehungsweise seine Findbarkeit herzustellen. Unter dem Gesichtspunkt des Copyrights stellen sich dagegen ganz andere Fragen, etwa: Wie gehen wir damit um, dass ein großer Player per Marktmacht den Preis für bestimmten Content determiniert? 

Wie könnte die Branche solche Entwicklungen angemessen diskutieren? 

Die Diskussion in der Branche dreht sich zu vordergründig um die Frage, wie sich wirtschaftlicher Wert von Content realisieren lässt, und viel zu wenig um die Frage, was unabhängig davon seinen inhaltlichen Wert ausmacht. In der Folge bleibt es de facto Branchenfremden überlassen, Fakten zu schaffen. Statt schlicht eine Abwehrhaltung zu verteidigen, sollten wir das Thema sinnvoll ordnen und zukunftsgerichtete Antworten zu finden versuchen.  

Die Fragen stellte David Wengenroth

© Foto: Mike Minehan

Kommentare

6 Kommentare zu "Zu oft rückwärtsgewandt"

  1. Liebe Christa Saalfeld aus Berlin,
    Ich hoffe doch sehr, wir wissen auch schon, dass wir hinsichtlich der Haltung, dass illegales Raubkopieren Diebstahl ist, schon mal mindestens zwei sind.
    Was die Fragestellung zu dem Diebsgesindel angeht, wollte ich lediglich darauf hinweisen, dass sich mir als interessiertem Kunde/Konsument digitaler Bücher der Eindruck aufdrängt, ich werde von der gesamten Buchindustrie allenfalls als potentieller Dieb angesehen und dann auch dementsprechend behandelt.
    Das empfinde ich als beleidigend.
    Die Musikindustrie hat den Prozess der Digitalisierung in den letzten gut 10 Jahren durchgemacht. Ich vertrete die Ansicht, dass ihre zutiefst kundenfeindliche Haltung in diesem Prozess wesentlich zum einen dazu geführt hat, dass sie gehörig Federn lassen musste und zum anderen dazu, dass ein branchenfremdes Unternehmen (das bis dahin Computer verkauft hat) heute der größte digitale Musikhändler der Welt ist.
    Ich denke der Hauptgrund für den Erfolg dieses Unternehmens in diesem Bereich lässt sich auf eine einfache Formel reduzieren: ‚Die kümmern sich wirklich um ihre Kunden‘ – zumindest schaffen sie es, das sehr glaubhaft zu vermitteln und darauf kommt es an.
    Was ich damit sagen will ist, wenn sich die Buchindustrie – und damit meine ich den gesamten Verein vom Autor über den Verlag, den Großhändler bis zum Einzelhändler – nicht besinnt und weiter in allen digitalen Überlegungen ihre Kunden/Leser allenfalls als raubkopierendes Übel wahrnimmt, wird das was die Musikindustrie erlebt hat, ein Kindergartenfest gegenüber dem sein was die Buchindustrie erwartet.
    Wenn es um das Thema Digitalisierung in der Buchwelt geht, nehme ich in den Berichten ausschließlich eine ungeheure Nabelschau der Beteiligten wahr. Alle drehen sich da scheinbar nur um sich selbst. Kunden existieren da gar nicht, außer als Bösewichte, die nur kopieren und stehlen wollen.
    Solange sich da an der Haltung der Branche nichts Grundlegendes ändert, wird es schlimm enden. Zunächst werden die illegalen Raubkopierer den nun einmal bestehenden Bedarf decken, solange bis jemand ein als ‚fair empfundenes‘ Angebot macht. Und ich habe das Gefühl, dass dieser jemand nicht unbedingt aus der Branche selbst kommt.
    Falls nun die Frage aufkommt: Was ist denn nun ein als ‚fair empfundenes‘ Angebot lieber Kunde? So möchte ich an dieser Stelle schon Mal antworten: Das festzulegen ist nicht mein Job, sondern Deiner lieber Anbieter.
    Aber ein paar Tips:
    – DRM ist Kundenbeleidigung,
    – gar kein Angebot ist ebenso kontraproduktiv wie
    – ein zu hoher Preis für ein als geringerwertig wahrgenommenes Produkt und
    – je komplizierter, langsamer und versteckter der Zugang zum Produkt, desto geringer die Gefahr dass man Kundschaft begegnet (\Ironie)

    Zum Schluss dann noch etwas zu der Schlussfrage nach Vorschlägen für eine demokratische Lösung des digitalen Wandels.
    Die Antwort lautet: Ich als Leser sehe es nicht als meine Aufgabe an, die Probleme der Buchbranche zu lösen. Das ist nicht mein Job.
    Ich bin aber gerne bereit Feedback zu geben, wie die Branche bei mir als ehrlichem Kunden/Leser digitaler Bücher so rüber kommt. Und da fallen mir leider nur Vokabeln wie Arroganz, Ignoranz und Hybris ein, was ich als sehr schade empfinde.

  2. christa saalfeld | 13. Januar 2012 um 17:16 | Antworten

    Lieber Rudi Stahl aus Ort,
    ich spreche hier als Kreative.
    Und wir beide wissen doch schon, dass ich illegales Raubkopieren für Diebstahl halte.
    Und was soll das mal wieder für eine Fragestellung sein, alle Leser seien Diebsgesindel?
    Aber natürlich ist es erfreulich, dass Du dich für die Kreativen und gegen die bösen Verlage aussprichst. Aber nicht alle Verlage sind Medienimperien. Die Konzerne wirst Du bei der Realisation einer digitalen Infrastruktur dann noch zu Genüge kennenlernen.
    Und wie die Geschichte uns lehrt, werden diese Konzerne auch in einem Digitalsozialismus (s. Grüne BDK Kiel Urheberrecht und BPT Piraten) weiterhin den Ton angeben.
    Dann mach doch mal Vorschläge für eine demokratische Lösung des digitalen Wandels.

    PS: Hier schreiben – so glaube ich – Autoren die Kommentare.
    Bist Du in der Softwarebranche tätig?

  3. Ich hätte bei den Kommentaren hier ein paar Fragen/Anmerkungen.
    Sind wirklich alle Leser (es geht hier ja hauptsächlich um Bücher) so generell als Diebsgesindel anzusehen? Ich glaube nicht.
    Sind Verlage tatsächlich die Gralshüter der (Buch-)Kultur? Gaube ich offen gestanden auch nicht.
    Bücher sind in unserem Land nach wie vor ein sehr gutes Geschäft. Warum kann denn dann ein Autor, selbst wenn er einen Top10 Titel landet, nicht von seiner Arbeit als Autor leben? Ich glaube, die wahren Diebe sitzen da irgendwie – in Diskussionen immer gern verborgen – in der Kette zwischen kreativ Schaffendem und Kunden. Denn das ganze viele Geld, das hierzulande jedes Jahr für Bücher ausgegeben wird, scheint ja vom Kunden zum Kreativen auf fast schon magische Weise zu verschwinden, oder was?
    Themen wie ‚Raubkopierer‘, ‚*grins*-Kultur‘ etc. sind doch bloß Schattengefechte in dem verzweifelten Versuch einen Prozess aufzuhalten, der die Regeln für die augenblicklichen Hüter der Versickerungsfelder beginnt umzukrempeln.
    Denn vergessen wir mal nicht, wir reden hier noch immer über einen Bereich mit einem Marktanteil von 1%.

  4. Jürgen Wohltmann | 11. Januar 2012 um 22:01 | Antworten

    Ich weiß nicht, was mich an diesem Interview mehr ärgert: das Geschwurbel des Kollegen über angebliche Unklarheiten und fehlende Ordung oder die mangelnde Wahrnehmung der Realität. Tatsache ist, dass die Rechte der Urheber/Rechteinhaber wieder in einem Umfang gefährdet sind, wie seit 100 Jahren nicht mehr – und darauf gilt es eine sachgerechte Antwort zu finden, die allen am Wertschöpfungsprozeß Beteiligten gerecht wird. Das ist aber natürlich komplizierter, als das man es in 0 und 1 abbilden könnte!

  5. Matthias Ulmer | 10. Januar 2012 um 21:04 | Antworten

    Ich lese es wieder und wieder und ich kapier kein Wort von diesem Interview…

    Statt den Wert von Content zu realisieren sollen wir uns fragen, was den inhaltlichen Wert von Content ausmacht?
    Branchenfremde werden de facto Fakten schaffen und wir sollen unsere Abwehrhaltung nicht verteidigen?

    Von Berg empfiehlt Urheberrecht und Copyright zu trennen. Er meint vermutlich Urheberpersönlichkeitsrecht und Verwertungsrecht, die beide zusammen unser Urheberrecht ausmachen. Damit soll unsere Rechtstradition aufgegeben und der amerikanischen gefolgt werden. Sind denn die Diskussionen ums Urheberrecht dort anders? Gibt es dort keine Piraterie, keine Prozesse Autoren gegen Google, keinen Streit um illegales Digitalisieren, keine Diskussion um DRM, keine Probleme bei Clips auf You tube? Ist dort der Schutz der Autoren besser? Ist dort der Zugang der Leser zu Inhalten besser?

    Die Aufspaltung von Persönlichkeitsrecht und Verwertungsrecht soll wohl helfen, das eine als kulturell wertvoll und das andere als kapitalistisch zweifelhaft darzustellen. Um dann den Autoren zu unterstellen, es ginge ihnen als Kulturschaffende nur um maximale Verbreitung, pekuniärer Erfolg wird dann sekundär. Und damit kann man die Verbreitung frei geben und die Abspeisung der Autoren sozialstaatlich sauber bürokratisch lösen. Dann, wie Herr von Berg sagt, können wir uns dem Problem widmen, dass „große Player per Marktmacht Preise für Content determinieren“.

    Oder habe ich jetzt doch wieder alles falsch verstanden?

  6. christa saalfeld | 10. Januar 2012 um 16:40 | Antworten

    Ein hervorragender Kommentar! Herr von Berg hat hier ja wohl nur Promotion für sein Unternehmen platziert.

    Angesichts 60 % Raubkopien bei E-Books verharmlosend von „… rückwärtsgewandt und auf die eigene Perspektive beschränkt sind…“ zu reden, ist die Frechheit eines Strukturanbieters, der die Dominanz des digitalen Vertriebs über die Inhalte stellt.

    Kreative werden nach den Plänen der Grünen und Piraten zu Content-Lieferanten eines Digitalsozialismus verplant und hier wird von großartigen Möglichkeiten gesprochen?
    Wohl deshalb, weil dies für ein Softwarehaus ein zusätzliches Geschäft ist.

    Nein, die „Cloud“ ist eben nicht „Freiheit“ sondern birgt – so wie auch die weit verbreitete Ideologie der „Schwarmintelligenz“ oder des „Zeitgeist-Movement“ – die Abkehr von dem Menschen als Individuum.

    Und die Inhaber von Logistikressourcen dominieren wieder einmal mehr über das Individuum. Wir beobachten, falls wir zu sehen bereit sind und unsere Wahrnehmung durch das Medium nicht getrübt ist, die Abkehr von Demokratie als philosophisch fundierter Gesellschafsdefinition.

    Doch das abgründigste Statement des Herrn von Berg ist ja wohl die laxe Rede von der Beschränkung auf die eigene Perspektive in den Diskussionsbeiträgen. Vielleicht fällt es ja jemanden auf, dass dies geradezu demagogisch ist. Wieso ist es in der neuen digitalen Welt falsch, seinen Standpunkt zu vertreten? (So wie er.)

    Müssen wir im digitalen Gleichschritt den Befehlen von Softwareproduzenten und Neopolitikern folgen?

    Kreative und verantwortliche Verleger sollte jetzt und sofort hellwach werden!

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