Triumph der E-Book-Lobby?

Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse hatte die Universität Mainz in Kooperation mit der Börsenvereins-Wirtschaftstochter MVB neurowissenschaftliche Ergebnisse zum Lesen auf E-Readern präsentiert. In einem Experiment sollten 30 Probanden verschiedene Texte unterschiedlicher Komplexität lesen, und zwar jeweils auf einem E-Book-Reader (Kindle 3), einem Tablet-PC (iPad) und auf Papier.

Die Studienergebnisse in der Kurzfassung (hier im Detail):

  • Hirnaktivität: Aus der gemessenen Hirnaktivität der Probanden schlossen die Forscher, dass das Lesen auf dem Tablet-PC den Versuchsteilnehmern leichter fiel als das Lesen auf dem E-Ink-Reader oder auf Papier. Zwischen Papier und E-Ink wurden keine statistisch relevanten Unterschiede gemessen.
  • Geschwindigkeit: Aus den Blickbewegungen war der Studie zufolge erkennbar, dass ältere Probanden auf dem Tablet-PC schneller lesen als jüngere Teilnehmer. Innerhalb der Gruppe der jüngeren Teilnehmer (Durchschnittsalter 26 Jahre) konnten die Forscher keine Lesezeitunterschiede feststellen.
  • Verständnis: Trotz der Unterschiede in Geschwindigkeit und Hirnaktivität wurden die Texte auf allen Medien gleich gut behalten und verstanden.

„Mit der Studie können wir die verbreitete Meinung, das Lesen am Bildschirm habe nachteilige Effekte, wissenschaftlich fundiert entkräften“, erklärte der Leiter des Instituts für Buchwissenschaft an der Universität Mainz, Prof. Dr. Stephan Füssel in einer Mitteilung.

Am Wochenende wurden die Ergebnisse von der „FAZ“ aufgegriffen und in einem ausführlichen Artikel als „fragwürdig“ kritisiert: Die Studienergebnisse seien bewusst platziert, statistisch nicht haltbar und reiner „PR-Gag“ der „E-Book-Lobby“, die in den Ergebnissen eine „Absolution des digitalen Lesen“ fände.

Auf Nachfrage von buchreport.de bezieht die Universität Mainz wie folgt Stellung:

  • Größe der Stichprobe: Die Zahl der Versuchspersonen dürfe nicht an sozialwissenschaftlichen Studiendesigns gemessen werden, da Experimente in der neurolinguistischen und neuropsychologischen Forschung unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt werden. „80% bis 90% aller vergleichbaren Studien arbeiten mit Fallzahlen, die mit unserer Studie vergleichbar sind “, erklärt Projektmitarbeiterin Franziska Kretzschmar. „Es spricht vielmehr für die Homogenität unserer Daten, dass wir selbst für die noch relativ kleine Stichprobe älterer Versuchsteilnehmer bereits signifikante Ergebnisse messen konnten.“
  • Vergleich der Ergebnisse nach Alter: Der Vorwurf, dass nur 10 ältere Erwachsene am Experiment teilgenommen haben und deshalb der Vergleich der Ergebnisse nach Altersgruppen unzulässig ist, scheint teilweise berechtigt, aber: Man könne auch anhand der wenigen älteren Teilnehmer einen Alterseffekt feststellen. „Dass wir die Studie fortführen und sich somit die Anzahl der älteren Versuchsteilnehmer noch erhöht, haben wir von Anfang an kommuniziert“, so Kretzschmar.
  • Statistische Validität: Alle Daten seien statistisch korrekt ausgewertet worden. Wären die Ergebnisse nicht signifikant gewesen, wären sie nicht veröffentlicht worden.
  • Messmethodik: Die „FAZ“ zitiert außerdem Forscher, denen zufolge die Messung des kognitiven Aufwandes mithilfe der EEG-Messung nicht möglich sei. „Es widerspricht vollkommen dem derzeitigen Forschungsstand, dass man den kognitiven Verarbeitungsaufwand mithilfe des EEGs nicht messen kann. Die EEG-Messung wird seit den 80er Jahren für unsere Forschung eingesetzt“, so Kretzschmar.
  • Einfluss von außen: Auch den Vorwurf, die Ergebnisse passend zur Buchmesse platziert zu haben und Lobbyismus zu betreiben, weisen die Forscher zurück: „Zu keiner Zeit wurde von außeruniversitärer Seite Einfluss auf die Studie genommen“, heißt es in einer Richtigstellung, die demnächst veröffentlicht wird. Zudem sei es durchaus üblich, erste Erkenntnisse vor der Veröffentlichung aller Daten zu präsentieren, um die Interpretation der Daten dem wissenschaftlichen Diskurs zugänglich zu machen.

Weiterhin heißt es in einem ausführlichen Statement der Universität:

„Im Anschluss an die Vorstellung unserer Daten haben wir eine interessante
Erfahrung gemacht: Über 90% aller Kommentare waren eher emotionaler Natur und an der Sachlichkeit nicht interessiert. Wir sind aber an einer Debatte interessiert, die das Thema versachlicht. Denn, wie wir seit der ersten Darstellung der Daten immer wieder hervorgehoben haben: Es gibt keinen Clash der (Lese-)Kulturen. Das traditionelle Buch mit seinen seit Jahrhunderten bewährten Potentialen wird zweifellos bleiben. Aber das E-Book kommt auch – und es wird die Formen der Textpräsentation revolutionieren. Wichtig ist, dass die Vermittlung der Inhalte optimale Rahmenbedingungen – analog wie digital – findet.“

Update: Inzwischen hat wiederum die „FAZ“ zu dem Statement der Universität Stellung bezogen: Der Artikel sei sorgfältig recherchiert und angemessen belegt. Anders als in der Stellungnahme behauptet, sei nie unterstellt worden, dass die Studie von der „E-Book-Lobby“ in Auftrag gegeben worden sei. Der Autor habe lediglich darauf hingewiesen, dass die MVB als Betreiber der E-Book-Plattform Libreka die Studie finanziell unterstütze und somit „fördere“. Deshalb sei es durchaus angemessen, die MVB als Teil der „E-Book-Lobby“ zu bezeichnen.

Zu der Aussage der Forscher, sie könnten zum jetzigen Zeitpunkt „statistisch ausgewertete und signifikante Aussagen machen“ heißt es in der „FAZ“-Stellungnahme: „Bei allem Respekt, solange die statistische Auswertung und die Methodik dahinter nicht veröffentlicht und damit zur Einsicht freigegeben sind, kann man auch keine wissenschaftlich begründete Aussage darauf stützen.“ Deshalb sei auch Fallzahl von 10 Probanden wenig aussagekräftig.

Kommentare

2 Kommentare zu "Triumph der E-Book-Lobby?"

  1. Dominique Pleimling | 29. Oktober 2011 um 19:35 | Antworten

    Alle Ergebnisse und Daten zur Mainzer E-Book-Lesestudie noch einmal versammelt und unser Fazit zur Debatte:
    http://bit.ly/v32urA

  2. Petra van Cronenburg | 24. Oktober 2011 um 22:34 | Antworten

    Ich denke, wer den FAZ-Artikel kritisch gelesen hat, der hat gemerkt, dass hier kein Qualitätsjournalismus am Werk war, sondern tendenziöse Meinungsmache. Guter Journalismus wäre es gewesen, wenn die Studie zumindest verlinkt gewesen wäre, wenn daraus ordentlich zitiert oder von den Machern eine Gegenmeinung eingeholt worden wäre. Aber mit Emotionen macht man offensichtlich auch im großen Feuilleton Quote.

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