Ohne Musik, kein Jussi Adler-Olsen

buchreport hat bei Bestsellerautoren angeklopft und gibt Einblicke in die Kreativitätsstätten erfolgreicher Autoren. Elf Schriftsteller verraten, wie ihre Geschichten entstehen, welche Umgebung sie schätzen und wie diszipliniert sie an ihren Schreibtischen sitzen.

Zum Start der Schreibtisch-Serie öffnet der skandinavische Thriller-Autoren Jussi Adler-Olsen (Foto) seine Tür:

„Ich arbeite auf der ganzen Welt. Wo auch immer Platz ist und es möglich ist, sich leicht zu konzentrieren, da schreibe ich. Zu Hause aber habe ich ein Büro, das in einer alten Garage untergebracht ist. Auf meinem Schreibtisch steht rechts mein alter Computer, auf dem die sechs jüngsten Bücher entstanden sind und auf dem ich noch mit Word Perfect 5.1 schreibe. Bei dem Programm erscheint der Text weiß auf blauem Hintergrund und man kann 10 bis 14 Stunden draufschauen, ohne müde zu werden. Die Schriftart ist das altmodische Courier. Das Programm lässt den Text nicht perfekt aussehen, sodass man ihn besser machen will. Schreibt man in Word mit Times New Roman und tollen Überschriften, sieht auch ein schlechter Text gut aus. Erst wenn ich zufrieden bin, transferiere ich den Text zu Word und anschließend ins PDF-Format. Die Tastatur an diesem Computer benutze ich auch schon seit 1996. Eine höllische Tastatur. Ich gebe über sie jeden Befehl ein, dann werde ich nicht durch das Benutzen der Maus gestört. Wenn man während des Schreibens die Hand zur Maus bewegt, ist die Konzentration weg.

Eine Bildergalerie mit weiteren Eindrücken finden Sie am Ende des Artikels.

Ich bin eigentlich sehr elektronikbesessen und habe verschiedene andere Computer in unterschiedlichen Standards und andere elektrische Geräte, aber nur mit dem alten Computer wird geschrieben. Der Laptop links auf dem Schreibtisch ist mit dem Internet verbunden. Der PC hinten im Raum ist schnell wie eine Rakete und mit meinem eigenen Server im Keller verbunden. Ideen und Material für neue Bücher habe ich an Pinnwände geheftet. In einem Regal stehen Bücher wie wichtige Lexika zur Recherche für die nächsten zwei  Q-Bücher. Bei mir stapelt sich viel Papier.

In meinem Büro habe ich Exemplare von jeder Ausgabe meiner Bücher. Kommt zum Beispiel in Deutschland ein neues Buch heraus, lasse ich mir eins schicken. Mittlerweile sind so Hunderte zusammengekommen. In einer Ecke des Zimmers hängen alte Fotos meiner Eltern und von mir als Kind. An einer anderen Wand hängen Bilder von meinem Vater, meiner Mutter und Donald Duck, einige meiner Helden gemalt von meinem Freund Jesper Helbo. Meine Frau hat ebenfalls einen Schreibtisch im Arbeitszimmer. Sie ist meine Mitarbeiterin und kümmert sich um Recherche, organisatorische Dinge und unterstützt mich täglich.

Regelmäßige Arbeitszeiten habe ich nicht. Meiner Frau habe ich allerdings versprochen, nicht nach 18 Uhr zu arbeiten. Daran halte ich mich, außer wenn der Abgabetermin drängt. Ich benötige ungefähr drei Monate, um ein Buch zu recherchieren und eine Inhaltsangabe anzufertigen. Wenn man das richtig gemacht hat, dauert das eigentliche Schreiben nicht so lange. Ich versuche, sechs Stunden am Tag zu schreiben, aber wenn ich beschäftigt bin, sind es manchmal auch nur zwei. Wenn ich Zeit habe, kommen aber auch schon mal zehn zusammen. 

Ich kann also immer und überall schreiben, das Wichtigste sind nämlich die Rituale. Ich setze immer erst eine Mütze meines verstorbenen Vaters und Kopfhörer auf, um Musik zu hören. Ohne Musik, kein Jussi Adler-Olsen. Sollte ich irgendwann taub werden, höre ich auf, Bücher zu schreiben. Es muss aber wundervolle, gute Musik sein und ich wähle sie sorgfältig aus. Oft handelt es sich um Filmmusik. Beim Schreiben von „Das Alphabethaus“ habe ich das Album zum Film „Mission“ von Ennio Morricone immer wieder gehört. Rachel Portman hat für den Film „Emma“ sehr klassisch komponiert. „Riverdance“ höre ich auch sehr gern. Wenn die Musik gut gemacht ist, setzt sie einen unter Druck, ebenfalls gut zu arbeiten. Es muss die beste Musik sein und ich versuche, mich anzupassen. Wenn es nicht gut läuft, fange ich mit der Musik und dem Schreiben wieder neu an. Ich habe viele CDs. Meinen iPod nutze ich nicht während des Schreibens.

Wenn ich mit einem Buch beginne, ziehe ich für zwei Wochen nach Hald. Das ist ein Schloss für Schriftsteller und Übersetzer und jeden Abend treffen wir uns, um die am Tag geschriebenen Texte vorzulesen, denn um Respekt für den Leser zu erschaffen, muss man die Reaktion des Zuhörers sehen. Komme ich nah an die Gedanken der Leser? Das Vorlesen ist jeden Abend schrecklich, aber es hilft, den Text zu verbessern.  

In Südschweden habe ich noch ein Sommerhaus, wo ich sehr gern bin. Dort gibt es zwar ein Telefon, aber das klingelt nie. Aus dem Fenster sehe ich viele Bäume und die Aussicht scheint endlos zu sein. Wenn ich im Stress bin, leihe ich mir auch das Sommerhaus meiner Schwester zum Schreiben. Es hat einen kleinen Raum, in dem das Bett nur zwei Meter vom Schreibtisch entfernt ist. Und das ist alles, was man kurz vor dem Abgabetermin tut: Schreiben, schlafen, essen, schreiben, schlafen…

Die Garage an meinem Haus bleibt allerdings nicht mehr lange mein Büro. Gerade heute haben meine Frau und ich uns mit einem Bauunternehmer wegen eines neuen Arbeitszimmers getroffen. In unserem Garten wird ein Pavillon aus Glas gebaut, den wir dann nutzen. Ich bin gern nah an der Natur und bei meiner Frau, die sehr gern malt. Die alte Garage wird dann ein Lager.“

Jussi Adler-Olsen
wurde am 2. August 1950 als Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen in Kopenhagen geboren. Er studierte Medizin, Soziologie, politische Geschichte und Film. Seine berufliche Laufbahn ist vielseitig: Er war Redakteur für Magazine und Comics, arbeitete als Koordinator der dänischen Friedensbewegung, war Verlagschef beim Bonnier-Wochenblatt „TV Guiden“ und Aufsichtsratsvorsitzender bei verschiedenen Energiekonzernen. Sein Hobby: Das Renovieren alter Häuser. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. 1997 erschien sein erster Roman „Alfabethuset“, mit dem er auf Anhieb den Spitzenplatz zahlreicher internationaler Bestsellerlisten eroberte. In Deutsch erscheint das Buch im Febraur 2012 unter dem Titel „Das Alphabethaus“ bei dtv. Es folgten noch zwei weitere Romane, bevor er sich den ersten Fall für Ermittler Carl Mørck ausdachte, in seiner Garage, die ihm zur Zeit noch als Büro dient. Doch nicht mehr lange, denn im Garten ist der Platz, wo der neue Glaspavillon entstehen soll, der in Zukunft das Arbeitszimmer von Jussi Adler-Olsen und seiner Frau sein wird.

Aus: buchreport.magazin 10/2011 (hier zu bestellen)

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