Historischen Roman vom Staub befreit

Am 8. Oktober erscheint das neue Werk von Umberto Eco bei Hanser. Der Verlag flankiert „Der Friedhof in Prag“ durch umfangreiche Werbeaktivitäten. In Italien und Frankreich hat das Buch bereits die Bestsellerlisten erobert, in Deutschland hat Hanser die Startauflage mit 200.000 Exemplaren kalkuliert. Im Gespräch mit buchreport analysiert Hanser-Lektor Wolfgang Matz das Erfolgsgeheimnis.

Der Verlag Bompiani vergleicht in seiner Werbekampagne „Il cimitero di Praga“ mit Ecos Welterfolg „Der Name der Rose“. Wo liegen die Gemeinsamkeiten?

Es sind zwei historische Romane, die sich aber intensiv mit unserer Gegenwart beschäftigen; zwei Romane, die wunderbar fremde Geschichten erzählen, in denen wir uns aber selber wiederfinden.

Ecos literarisches Debüt, sein „Rosenroman“, leitete eine Renaissance des historischen Romans ein. Welche Bedeutung hat Eco für dieses Genre? 

Eco ist wohl der, der den historischen Roman befreit hat von dem angestaubten Charme der alten Kostümschinken: Hier geht es intelligent zu, schnell und mit einem engen Bezug zum heutigen Leser.

Wie erklären Sie sich den anhaltenden Boom der Historienliteratur: Eskapismus oder Bildungsbedürfnis? 

Beides. Und das Interesse an der Vergangenheit ist ja immer auch das Interesse an der eigenen Herkunft und Wirklichkeit.

Kann man Ecos Romane auch allein zur Unterhaltung lesen, ohne dem Anspielungsreichtum ihres Erzählkosmos’ nachzuforschen?

Ja, das kann man sogar sehr gut! Hervorragend! Man wird sich bestens unterhalten! Am meisten aber genießt ihn derjenige, der augenzwinkernd versteht, wovon hier noch die Rede ist…

In seinem neuen Roman greift Eco das Thema „Verschwörungstheorien“ auf, grenzt sich in einer Bemerkung aber ironisch von Dan Brown ab. Wo sehen Sie die prägnantesten Unterschiede?

Ecos Roman ist bei aller Unterhaltsamkeit, bei allem Witz, bei allen Anleihen beim Kriminal- und beim Schauerroman ein ernsthafter Roman, ist Literatur; er hat uns tatsächlich etwas zu sagen, über ein sehr ernsthaftes Thema: Die Macht der Verführung durch politische Scharlatane, einst und jetzt.

Anders als in den üblichen spekulativen Mysterienthrillern geht es bei Eco also um den Unterschied zwischen Verschwörungstheorien und tatsächlicher Verschwörung?

Es geht um beides: Um Verschwörer, aber auch darum, wie die Fiktion, die Fantasie aus einer Einbildung eine blutige Realität machen kann. Wie der politische Wahn einen dann wirklich zum Attentäter macht.

In Italien hat Ecos Roman polarisiert: Während die einen Kritiker von einem Meisterwerk sprechen, das die Mechanismen der Verschwörung offenlege, sehen die anderen eine gefährliche Doppeldeutigkeit und einen „Voyeurismus des Bösen“. Erwarten Sie eine ähnliche Diskussion in Deutschland?

Nein, das erwarte ich nicht. Ecos Buch kann man nicht missverstehen. Es geht um die Geschichte eines Mannes, den eingebildete Gefahren und wirre politische Theorien zum Bombenleger machen – und es geht Eco darum, zu zeigen, wie das geschieht.

Die Fragen stellte Till Spielmann

Auszug aus buchreport.magazin 9/2011 (hier zu bestellen)

Hier der Trailer zum Buch:

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