Welche vernünftige Regelung fehlt denn?

Der auf Piraterie spezialisierte Unternehmensberater Manuel Bonik hat die Pirateriestudie von BVMI, Börsenverein und GVU mit Erstaunen gelesen. Die veröffentlichten Zahlen und die daraus abgeleiteten Forderungen an die Politik, so Bonik, widersprechen sich. Das Problem der Piraterie sei eine Folge von Fehlern, die die deutsche Verlage gemacht hätten.

Der Gastkommentar von Bonik:

„Als Vertreter einer Firma, die seit Jahren mit der Bekämpfung solcher Piraterie beschäftigt ist (u. a. im Auftrag verschiedener großer internationaler Wissenschaftsverlage), aber auch als Autor bin ich, gelinde gesagt, über die Ergebnisse der Studie und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen erstaunt.

Richtig ist natürlich, dass Piraterie – nach Software, Musik, Film – jetzt auch für die Branche Buch ein Problem geworden ist. Genaueres (insb. auch Zahlen) dazu hatten Andreas Schaale und ich in diesem Frühjahr in unserer Studie „Gutenberg 3.0 – Ebook-Piraterie in Deutschland“  dargestellt (die Fortsetzung erscheint zur Frankfurter Buchmesse).

Aus den Aussagen der DCN-Studie der GfK (laut Pressetext) lässt sich eigentlich der Schluss ziehen, dass es gar nichts zum Aufregen gibt:

  • Wie zu lesen ist, laden 3,7 Mio Bürger (bezogen auf etwa 64 Mio Deutsche ab 10 Jahren) auch illegal Content im Internet herunter, also 5,8%. Umgekehrt bedeutet das jedoch, dass 94,2% der Bevölkerung nicht an der (allgemeinen) Internetpiraterie beteiligt sind.
  • Von den genannten 5,8% laden nicht alle Bücher herunter, sondern eher Musik und Filme. Laut buchreport.de beträgt die von der GfK ermittelte Zahl illegaler E-Book-Downloader 800.000. Somit bleibt ein kleiner einstelliger Prozentsatz von Deutschen (ca. 1,2%), die E-Books (auch) klauen.
  • Geht man davon aus, dass die sog. Ersatzrate (Nicht-Kauf wegen Piraterie) vermutlich deutlich unter 100% liegt, so korrigiert sich die Verlustquote weiter nach unten.

Und man fragt sich – angesichts dieser minimalen Quote: Na und? Wie kann man, wie Alexander Skipis, daraus den Schluss ziehen, dass „den Kreativen und ihren Verwertern nach und nach die wirtschaftliche Grundlage entzogen (wird)“ und lautstark „eine vernünftige Regelung für den Umgang mit Inhalten im Netz“ von der Regierung verlangen? Die veröffentlichten Zahlen und die daraus abgeleiteten Forderungen an die Politik widersprechen sich ganz offensichtlich.

Anders gefragt: Welche „vernünftige Regelung“ fehlt denn? Es ist ein Erfolg der Gesetze und ihrer Anwendung, dass die P2P-Piraterie (Torrents, Tauschbörsen) seit ca. zwei Jahren stetig sinkt und insbesondere für die Buchbranche so gut wie keine Rolle spielt (Ausnahmen wie „Harry Potter“ bestätigen die Regel). Das eigentliche Problem – und auch da hat die GfK-Studie recht – sind inzwischen die Direct Downloads von Filehostern (von denen es zur Stunde mehr als 200 gibt, Tendenz steigend). Hier sind neuere Gesetze wie HADOPI in Frankreich oder das sogenannte „Three Strikes Law“ aber bisher (und auch absehbar) wirkungslos – aus technischen Gründen: Eine Identifizierung der Up- bzw. Downloader ist hier in den seltensten Fällen möglich.

Aber auch für die Direct Downloads gibt es bereits eine „vernünftige Regelung“. Sie wurde im Jahre 1998 in den USA erlassen und nennt sich „Digital Millenium Copyright Act“ (DMCA). Danach sind Filehoster bei Kenntnis von Copyright-Verletzungen verpflichtet, diese zeitnah zu sperren/löschen (das sogenannte Notice-and-downtake-Verfahren). In der Regel tun die Filehoster das auch. Das DMCA funktioniert als Modus vivendi, und man muss sich fragen, ob weitere gesetzliche Regelungen hier möglich oder auch nur wünschenswert sind. Immerhin wäre für solche die Aufhebung des Telekommunikationsgeheimnisses (und anderer Bürgerrechte) vonnöten. Wegen 1 oder 2% Buchpiraten? Wegen Verlusten von unter 1%, wie sie die GfK-Studie impliziert?

E-Book-Piraterie ist in Deutschland noch ein neues, ein dafür jetzt umso stärker und schneller um sich greifendes Problem. Dies ist eine Folge von Fehlern, die die deutsche Buchwirtschaft gemacht hat. Die Akzeptanz des (bezahlten) E-Books krankt hier an bekannten Problemen: DRM. E-Books sind zu teuer. Verglichen mit dem Angebot von Piratenseiten ist das legale deutsche Angebot im Internet (abgesehen von Amazon) fast unsichtbar. Und es ist deutlich zu klein: Die Mehrzahl der piratierten E-Books wurde von den Piraten selbst digitalisiert. Sucht man bei Libreka nach z. B. Science-fiction-E-Books deutscher Sprache, werden einem 171 Bücher angeboten. Zum Vergleich: Auf dem bekannten deutschen Piratenforum b***.bz finden sich auf einem einzigen Science-fiction-Thread ca. 6000 E-Books.

Wissen die Verlage überhaupt, was ihre potentiellen E-Book-Käufer wollen? Der Blick auf die USA zeigt, dass es sich um ein sehr deutsches Problem handelt: In den USA übertreffen die Umsatzzahlen der E-Books (im digitalen Vertrieb, Amazon) jene von gebundenen Büchern. Praktisch jedes neue Buch kommt dort zeitgleich (und billiger) auch als E-Book heraus und wird dann auch gekauft. Auch viele große Wissenschaftsverlage machen gute Erfahrungen (aka Umsätze) in der neuen digitalen Welt, indem sie einerseits Flatrates verkaufen und andererseits Piraterie (gemäß DMCA) wirkungsvoll bekämpfen.

Ob Piraterie für Buchverlage ein Problem ist oder nicht, zeigt der Einzelfall. Entsprechend lassen sich bei Bedarf Maßnahmen gegen Direct Downloads vornehmen. Vorausgesetzt, die Verlage erwerben entsprechende technische Kompetenz und setzen sich qualifiziert mit dem Thema Piraterie auseinander, insbesondere mit dem Notice-and-downtake-Verfahren. Damit bekämpft man freilich nur die Symptome der Piraterie, nicht ihre Ursachen.“

Manuel Bonik, Marketing Director bei der auf Piraterie und Suchmaschinen spezialisierten Unternehmensberatung Lisheennageeha.

Kontakt: Key-Account-Management@almendra-capital.com

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