Schrecken mit Zweifeln

Erstmals haben Musik-, Film- und Buchindustrie gemeinsam den Markt der Piraterie durchleuchtet. Die Bilanz ist auf den ersten Blick auch für die Verlage erschreckend. Doch die Analyse der Ergebnisse (hier zum Download als PDF) weckt Zweifel.

Die wichtigsten Ergebnisse der GfK-Untersuchung von insgesamt 10.000 Personen (repräsentativ für 64 Mio Deutsche ab 10 Jahren), die im Auftrag der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen, des Börsenvereins und des Bundesverbandes Musikindustrie erstellt wurde:

  • Mehr als 20% der Deutschen haben im vergangenen Jahr Medieninhalte heruntergeladen – davon ein Viertel illegal; damit gebe es 3,7 Mio. Menschen, die Medieninhalte von illegalen Quellen herunterladen.

Zahlen zur E-Book-Piraterie

  • Bezogen auf die Buchbranche: 2 Mio. Deutsche haben laut GfK im vergangenen Jahr rund 23 Mio. E-Books heruntergeladen, durchschnittlich 12 Titel pro Person.
  • Von den 23 Mio Bücher-Downloads seien 14 Mio illegal erfolgt (entspricht 62% aller Download-Titel, u.a. bei Tauschbörsen, private Websites oder Foren); die Zahl der illegalen Downloader beziffert die GfK auf rund 800.000 Personen.
  • Das Gros der illegal heruntergeladenen Titel stamme von Filesharing-Plattformen
  • Von den 9 Mio. E-Books, die legal heruntergeladen wurden, entfallen 5 Mio Exemplare auf kostenpflichtige  Angebote und 4 Mio Exemplare auf die kostenlosen Promotionsangebote von Verlags-Downloadplattformen.
  • 60% der E-Book-Downloader haben legale Angebote, 35% illegale Angebote genutzt. Nur 6% nutzten beide Quellen.

Zahlen zur Hörbuch-Piraterie

Ein ähnliches Bild zeichnet die Studie bei Hörbüchern und Hörspielen:

  • 2010 haben demnach 3,1 Mio Deutsche im Durchschnitt 7 Titel legal und illegal heruntergeladen (insgesamt rund 23 Mio Exemplare).
  • Von den 3,1 Mio hätten 700.000 Menschen Hörbücher und Hörspiele illegal heruntergeladen (im Durchschnitt 9 Stück).
  • Mit rund 6 Mio Exemplaren stammen 27% aller heruntergeladenen Titel von illegalen Angeboten; im Umkehrschluss: Legal wurden 17 Mio Titel  heruntergeladen (9 Mio. Exemplare kostenpflichtig, 7 Mio Exemplare über kostenlose Promotionsangebote von Downloadplattformen und Verlage).
  • 78% der Hörbuch / Hörspiel-Downloader haben legale Angebote, 18%  illegale Angebote genutzt.  Nur 5% nutzen beides.

Tenor der Studie: Das Piraterie-Problem ist gravierend, die Entschärfung möglicherweise leicht, denn: Von denjenigen, die Medieninhalte illegal herunterladen, glauben laut Studie rund vier von fünf, dass Warnhinweise dazu führen würden, dass das illegale Filesharing eingestellt wird.

„Gute Angebote schützen vor Piraterie nicht“

„Die Zahlen sind für den jungen E-Book-Markt erschreckend“, lässt sich Verbands-Chef Alexander Skipis in einer Pressemitteilung zitieren. Auch eine gute Ange­botsstruktur – Skipis verweist u.a. auf die Verbands-Plattform Libreka – schütze vor illegalen Downloads nicht. 

Deutlich werde durch die Studie, dass der Ruf nach neuen Geschäftsmodellen für Verlage nichts anderes als ein billiges Ablenkungsmanö­ver ist. Ohne Aufklärung und gegebenenfalls Sanktionen für illegales Verhalten funktioniere der E-Book-Markt auf Dauer nicht, warnen die Verbandsfunktionäre. „Trotzdem ist nicht erkennbar, dass die Bundesregierung das kulturelle und wirtschaftliche Gefahrenpotenzial erkennt. Wenn nicht bald eine vernünftige Regelung für den Umgang mit urhe­berrechtlich geschützten Inhalten im Netz entwickelt wird, entzieht das den Kreativen und ihren Verlagspartnern nach und nach die wirtschaftliche Grund­lage“, schwarzmalt Skipis.

Zweifel an der Analyse der Studie

Ob die Botschaft in der Branche mit dem gewollten Zungenschlag ankommt, bleibt abzuwarten, denn ähnlich wie bei der E-Book-Studie, die der Börsenverein im März 2011 mit der GfK vorlegte (hier mehr), erntet die neue Untersuchung Zweifel:

  • Wie Spiegel Online berichtet, interpretieren die Verbände die meisten Downloads, die nicht „kostenpflichtig“ waren, als illegal – obwohl es gewaltige Mengen an legalen Buch-Downloads in PDF, Epub oder einem anderen Format gibt, u.a. beim deutschsprachigen „Projekt Gutenberg“.
  • Auch die Datenbasis der Studie erscheint laut SpOn zweifelhaft: Die von GfK und Börsenverein im März präsentierte Studie spricht von „540.000 aktiven E-Book-Käufern“, in der neuen Studie ist dagegen von insgesamt fast 2 Mio Millionen E-Book-Nutzern die Rede.

Die GfK erklärt die Diskrepanz laut SpOn mit unterschiedlichen Erhebungsmethoden und vor allem damit, dass bei der Studie für die Branchenverbände auch Schul- und Lehrbücher mitgezählt worden seien – die würden in den traditionellen Buchmarkt-Panels für den Börsenverein nicht miterfasst.

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