Wir müssen nicht in Hektik verfallen

Die Verlagsgruppe des Hamburger Verlegers Thomas Ganske ist nach Random House (319 Mio Euro), den Holtzbrinck-Verlagen (207 Mio Euro) und Bonnier Deutschland (191 Mio Euro) die viertgrößte Publikums-Buchverlagsgruppe. Die Ganske-Buchverlage werden 2011 erstmals mehr als 100 Mio Euro umsetzen. Frank-H. Häger (Foto re.), seit 10 Jahren verantwortlich für den Buchbereich, erläutert im buchreport-Interview mit Thomas Wilking (l.) Strategie und Markteinschätzung.

Von der Papierform sind Sie in diesen Tagen der ideale Gesprächspartner…

…weil die Ganske-Gruppe mit Hatje Cantz und Polyglott ausgerechnet in diesen Zeiten ins Printgeschäft investiert? Ein anderer Grund fällt mir nicht ein.

Ein weiterer ist Ihre Position: Sie sind nicht nur Buchvorstand, sondern auch für elektronische Medien und Versandbuchhandel zuständig. Das verspricht Überblick über die großen Branchenthemen. Was ist Ihr Thesengerüst? 

Mit großen Thesen tue ich mich schwer. Ich finde es manchmal schon keck, in welcher Form in diesen Tagen Aussagen über die zukünftigen Entwicklungen gemacht werden. An dem Prognosenwettbewerb möchte ich nicht teilnehmen, glaube aber auch nicht, dass unser Geschäftsmodell in den nächsten zehn Jahren total kippen wird von Print in Richtung E-Books und Apps. Der Mix wird’s sein, der Erfolge bringt.

Viel Lärm um nichts?

Nein, elektronische Nutzungsformen und Lesegeräte gewinnen in vielen Nutzungssituationen an Bedeutung. Ich sehe natürlich auch die Veränderungen im Buchhandel. Ich lasse mich aber nicht dazu hinreißen, mit Prognosen über Prozentanteile zu arbeiten. Es bewegt sich einiges, aber ich glaube an das gedruckte Buch und auch daran, dass kleinere Buchhändler, wenn sie einen ansprechenden Service bieten, weiterhin ihre Chance haben.

Wenn Sie aktuelle Veränderungen mit Entwicklungen früherer Jahre vergleichen: Kann man dann aber schon von einer Wendezeit sprechen?

Wenn ich auf meine zurückliegenden 30 Arbeitsjahre schaue, dann gab es immer wieder Zäsuren. Ich komme ursprünglich aus dem Bereich Mail-Order bei Time Life, der  mal groß, stolz und erfolgreich war, aber den es heute nicht mehr gibt. Ähnliches gilt beispielsweise für den Niedergang der Bertelsmann-Buchclubs. Und vor ein paar Jahren sorgten die Bucheditionen von Zeitungshäusern für große Aufregung. Aber all das hat die Branche nicht grundlegend erschüttert, wir haben da schon mehrere Entwicklungen erlebt. Ohne fatalistisch wirken zu wollen: Wir müssen uns damit auseinandersetzen und ohne zu lamentieren darauf einstellen.

Wie angespannt muss man sich Strategietagungen im Hause Ganske vorstellen?

Hochkonzentriert, gut vorbereitet und definitiv nicht angespannt. Dazu ist unsere Grundeinstellung zu positiv.

Springt denn da der Funke zwischen den Schneemenschen mit ihrem Wintersportportal oder dem Ticketdienst Ticcats zu den Papierverlegern über?

Zweimal im Jahr kommen unsere 24 Geschäftsführer und drei Vorstände zusammen. Klar: Die jungen Männer, die Verantwortung für Neu- und Zukunftsgeschäfte haben, bringen andere Ideen und Themen rein als die Vertreter der etablierten Buch- und Zeitschriftengeschäfte. Das wird in dieser Runde als Bereicherung gesehen und als ideenstiftend. Ein Beispiel: Bei den Buchverlagen spielt ja der Internethandel eine wachsende Rolle, sei es mit physischen Produkten oder mit E-Books und Apps. Da ist zunehmend Internetmarketing gefragt, was für die Schneemenschen- und Ticcats-Manager Selbstverständlichkeiten sind. Von deren Know-how profitieren die klassischen Geschäftszweige.

Der Buchbereich ist zuletzt durch Zukäufe gewachsen. Ist das eine gute Zeit für Transaktionen?

Grundsätzlich ja, aber andererseits war es ein Zufall, dass die Gespräche sowohl mit dem Haus Langenscheidt über Polyglott als auch mit der Fink-Holding bzw. dem Insolvenzverwalter über Hatje Cantz zeitlich zusammengefallen sind. Wir erhalten regelmäßig Übernahmeangebote, prüfen sie und sind letztlich sehr selektiv bei den Akquisitionen, die wir durchführen. Hier hat es in beiden Fällen gepasst. 

Sie haben unterm Ganske-Dach Belletristik und Sachbuch, eine Taschenbuch-Beteiligung, Ratgeber und Reiseführer und jetzt auch noch Kunst. Welcher Bereich beschäftigt Sie mit Blick auf den Veränderungsdruck am meisten?

Ich bin in allen Bereichen unaufgeregt, was mit meinem mittelhohen Alter und einiger Erfahrung zusammenhängen mag. Ich kann mich erinnern, wie wir Mitte der 90er-Jahre Szenarien durchgespielt haben, als es viele CD-ROM-Entwicklungen gab und darüber spekuliert wurde, dass sie gedruckte Ratgeber substituieren. Es ist nicht passiert. Auch jetzt wird wieder seit einiger Zeit geunkt, dass sich Ratgeber im freien Fall befinden. Das sehen wir nicht. Auch die jüngsten Zahlen zum Reisemarkt verweisen auf eine relativ große Stabilität. Aber wir bereiten uns auf Situationen vor, dass sich das Mediennutzungsverhalten verändert. Wir sind vorbereitet, sollte es eines Tages mal schneller gehen. Aber wir haben keine Sorgenkinder und müssen nicht in Hektik verfallen. 

Die Fragen stellte Thomas Wilking

Das vollständige Interview lesen Sie im buchreport.magazin 8/2011 (hier zu bestellen).

Kommentare

1 Kommentar zu "Wir müssen nicht in Hektik verfallen"

  1. Werner Stieb | 8. Juni 2013 um 11:39 | Antworten

    Na dann, sehr geehrte Damen und Herren, wollen wir doch mal getrosst in die Zukunft blicken! Ich erinnere mich noch gut an die Strategische Planung der seinerzeitigen PWA (Papierwerke Waldhof – Aschaffenburg), heute primär die schwedische SCA, dass das gleiche Thema schon damals internsiv bearbeitet wurde (Substitution des Papiers durch elektronische Medien) – was ist in den zwischenzeitlich abgelaufenen „Jahrzehnten“ dahingehend passiert? Im Wesentlichen „nichts“! Die Menschen wollen überwiegend „das Papier in der Hand haben“ – reicht von EDV-Ausdrucken über die Zeitung bis hin zum Buch!
    Persönliche Nachricht an Herrn Frank Häger:
    Lieber „Ex-Kommilitone“ der FH Rosenheim, soeben war dein Jungenfreund Franz Cremer im Zusammenhang mit einer Lagerneuvermietung (für Oldtimer!) bei mir und dabei haben wir festgestellt, dass wir uns ja vom Studium her kennen und sind dabei auch auf dich gestoßen – um zu sehen „wie du heute aussiehst“, habe ich hier reingeschaut und konnte mir den obigen Kommentar „zur Sache“ nicht verkneifen!
    Dir alles Gute weiterhin – mal sehen, vielleicht gelingt uns ja mal nach langer Zeit wieder ein Semestertreffen! Dies auch, trotzdem unsere „Restlaufzeit“ ja überschaubar geworden ist – in diesem Sinne „so Gott will und wir leben“!
    Herzliche Grüße aus Roseheim nach Hamburg
    Werner Stieb

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