Spielwiese oder Marktplatz?

Letzte Woche startete Hörbuch-Marktführer Audible mit dem Hörbuch-Marktplatz ACX (buchreport.de berichtete). Mit dem kollaborativen Angebot will die Amazon-Tochter Autoren, Agenten, Verlage und andere Rechteinhaber vernetzen, um das Titelangebot an Hörbüchern auszuweiten und mehr Audio-Bücher über die konzerneigenen Vertriebsschienen zu verkaufen.

Wie schätzen Hörbuch-Verleger die Marktmacht von ACX und die Gefahr der Konkurrenz ein? Wächst mit Selfpublishing-Aktivitäten eine Konkurrenz für Hörbuch-Verlage heran? buchreport.de hat bei führenden Hörbuchverlagen nachgefragt: 

Gefahr einer Marktmacht

Heike Völker-Sieber (Sprecherin des Hörverlags):
Für Autoren, Verlage, Künstler grundsätzlich ein positiver Ansatz, weil bisher brach liegende Stoffe auf den Markt kommen. Und durch die größere Angebotsbreite natürlich auch für die Kunden attraktiv. Dass kurz- oder mittelfristig an dieser Stelle hohe Umsätze generiert werden ist angesichts der wachsenden Bestseller-Fokussierung im Handel eher unwahrscheinlich. Längerfristig werden eventuell durch die reine Titelzahl Zusatzumsätze generiert.

Premium-Rechte werden bis auf Weiteres an Premium-Hörbuchverlage gehen. Im ersten Schritt ist das Konzept vor allem für Low-Budget-Produktionen interessant. Dennoch beobachten wir die Entwicklung aufmerksam. Attraktive Erlösmodelle und die fortschreitende Digitalisierung könnten das Geschäft der Verlage perspektivisch durchaus tangieren. Immerhin kooperieren mit Audible, iTunes und Amazon die Stärksten in ihren jeweiligen Feldern. Das birgt die Gefahr einer Marktmacht.

Ergänzung in der Nische

Johannes Stricker (Chef von Hörbuch Hamburg):
Dass mit der Plattform die Auswertung brachliegender Hörbuchrechte erleichtert werden soll, ist ja erstmal eine Bereicherung. Andererseits gibt es aber meistens sicher auch gute Gründe, warum diese Rechte brach liegen.

Die über Jahre durch viel Erfahrung und mit viel Gespür entwickelten verlegerischen Leistungen der Hörbuchverlage wird ACX nicht ersetzen können. Ich sehe die Börse und die daraus entstehenden Produkte allenfalls als Ergänzung, so wie auch im Buchbereich die Hilfestellungen zum Selbstverlag (z.B. book on demand) eine Ergänzung, nie aber ein Ersatz für das literarische Angebot sind.

Also: Konkurrenz: Nein, Ergänzung in der Nische (in der es dann aber viel Spreu geben wird): Ja.

Jagdgründe lustiger Hörbuchaufnahmen

Peter Bosnic (Verlagsleiter bei Steinbach Sprechende Bücher): Grundsätzlich finde ich alle Aktivitäten, die die Bekanntheit des Hörbuches vorantreiben, gut. Diese Initiative bereitet mir allerdings Sorgen. Erfahrene Hörbuchverlage machen Hörbücher mit Herzblut und hohen Qualitätsansprüchen an Aufnahme, Technik, Sprechern, Regisseuren und vielem mehr.

Was hier versucht wird, scheint etwas für „Youtube-Spielkamaraden“ zu sein und wird eher in die Jagdgründe von „lustige Hörbuchaufnahmen“ eingehen. Es besteht nur die folgende Gefahr: Wenn jemand, der noch nie ein Hörbuch gehört hat, das erste Mal ein schlecht gemachtes Hörbuch hört, werden wir diese Person als potentiellen Hörbuchkäufer verlieren. Das ist schlecht.  Wir wissen, dass Erstkontakter in der Regel zu Käufern werden, wenn sie die Aufnahmen gut finden! 

Seit langem kursiert in der Branche die Idee eines Qualitätssigels für gute Hörbücher. Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt das noch einmal in Angriff zu nehmen. In den Anfangszeiten von Radioropa gab es solche selfmade-Aufnahmen schon. Glücklicherweise wurde das wegen der schlechten Qualität nicht fortgeführt.

Unerfahrene Teams schaden dem Image

Stephanie Mende (Audio Media): Vorausgesetzt, alle machen mit, könnte dieser Service als b-to-b-Instrument sinnvoll sein. Da wir jedoch davon ausgehen, dass die professionellen Verlage bereits einen guten Überblick über die Branche haben und über die entsprechenden Kontakte verfügen, werden sich wenige positive Überraschungen ergeben.

Im Zuge des Konsolidierungsprozesses in der Hörbuchbranche sind wir davon ausgegangen, dass das Thema Selfpublishing endlich ad acta gelegt wurde. Es hat sich in der Vergangenheit bei zahlreichen Produktionen gezeigt, dass gute und erfolgreiche Hörbücher in professionellen Studios, mit ausgebildeten Sprechern und einem erfahrenen Regisseur sowie Tonmeister produziert werden müssen. Sonst macht das Hören keinen Spaß. Vielmehr kann es der gesamten Branchen schaden, wenn Hörbucheinsteiger Produktionen hören, die von unerfahrenen Teams umgesetzt wurden. Für audio media und das verlagseigene Studio „ProfiTon“ sehen wir daher keinerlei Konkurrenz.

Hörbücher verlegt man nicht nebenbei

Kilian Kissling (Chef bei Argon): Beim Hörbuch ist der Weg vom Ausgangstext zu einer digital vermarktbaren Fassung aufwendiger als beim E-Book und mit deutlich höheren Kosten verbunden. Demnach geht jeder, der ein Hörbuch produziert, ein kaufmännisches Risiko ein, typischerweise sind es die Hörbuchverlage. Es bleibt abzuwarten, ob sich durch diesen alternativen Publikationsweg das Hörbuchangebot tatsächlich spürbar vergrößert.

Es hat seine Gründe, dass es Hörbuchverlage gibt. Wäre das, was wir leisten wirklich so „easy“, dann könnte man sich ja bisher schon die Frage stellen, warum nicht seit jeher die Buchverlage – wenigstens bei ihren Bestseller-Autoren – unser Geschäft nebenbei gleich miterledigen, mal eben die nette Schauspielerin zwischen zwei Engagements ins Studio holen, eine Aufnahme machen und dann vermarkten.

Underground-Szene wünschenswert

John Ruhrmann (Chef beim ausschließlich auf digitale Hörbücher fokussierten Label MfM Entertainment): Die Idee ist sehr smart aus der Sicht der Erfinder. Wenn die genannten Hörbuchverkaufsmarktführer mit diesem Ansatz in der Lage sind, kreative Vernetzungen zwischen Rechteinhabern und Produzenten zu erzeugen, die es sonst nicht gäbe und die letztendlich erfolgreiche Hörbücher in den eigenen Verkaufsportalen hervorbringen  … ja, dann haben sie den von sich kontrollierten Content-Strom erneut signifikant erweitert.

Externe Partner könnten via ACX angeregt werden, über sinnvolle neue Produktionen und neue Partnerschaften nachzudenken. Es könnte unter Umständen sogar in Archiven schlummernde oder komplett neue Lizenzen belebt werden.

Aber: Der Marktmacht von Amazon, Audible und iTunes sollte man durchaus etwas skeptisch gegenüber stehen. Wir hoffen auf unabhängige hochkreative Hörbuchverlage, die sich nicht zu sehr an einen Partner binden wollen oder müssen.

Selfpublishing-Material wird es vielleicht schnell in einer großen Anzahl geben, aber nur eine geringe Zahlt der Produktionen wird das Niveau einer guten Industrieproduktion erreichen können. Schön wäre es, wenn sich – ähnlich wie in der Musikbranche – eine Underground-Szene entwickelt, die mit ihren Ideen den Mainstream „befeuert“, aber es ist wohl eher zu erwarten, dass kompetente Verlagsarbeit mit starken Marken schwer zu schlagen sein wird.

Einschätzungen der Verlage zur Entwicklung auf dem Hörbuchmarkt 2011 sind ab kommenden Montag auf buchreport.de zu lesen

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