Daniel Lenz: Warum sind E-Books asozial?

Daniel Lenz: Warum sind E-Books asozial?
Beim Publishers’ Forum erntete Bob Stein vom US-Think-Tank Institute for the Future of the Book viel Applaus für sein Konzept zum sozialen Lesen. Tatsächlich sind Steins Ideen faszinierend, dass sich die ich-bezogene, stille und meditative Beschäftigung im E-Book-Zeitalter wandelt und Bücher im Netz zu sozialen Räumen werden. Aber: Die Pläne zum „Social Book“ gab es schon vor Jahren und sind bis dato von Verlagen, wie ich es sehe, nicht aufgegriffen worden. Rohrkrepierer? Ist Lesen doch monologisch? Oder unterschätzen die Verlage die Chancen der gemeinschaftlichen Lektüre?
Auch ich war von Steins Vortrag in Berlin angetan, nicht nur, weil der US-Amerikaner charismatisch aufgetreten ist, sondern weil seine Ideen überzeugend sind – und es mir nicht einleuchtet, warum E-Books derzeit die interaktiven Möglichkeiten, die das Web 2.0 bietet, kaum nutzen.
Erst während des Vortrags erinnerte ich mich daran, dass ich schon im Frühjahr 2007 ein Interview mit Ben Vershbow vom Institute führte und unter diesem Eindruck unter der Überschrift „Digital ist sozial“ einen Artikel (für eine Kulturzeitschrift und buchreport) schrieb. Aus heutiger Sicht ist so erstaunlich wie erschreckend, dass die wesentlichen Ideen schon damals, bevor der Kindle dem E-Book eine zweite Chance bescherte (das E-Book-Programm von Amazon startete im November 2007), auf dem Tisch lagen – und bis heute kaum umgesetzt werden.
Man muss sich „Clown“ als lesewütigen Menschen vorstellen. Kaum zwei Wochen nach seiner Registrierung hat er 396 Bücher auf das virtuelle Regal geräumt, 254 Tags gesetzt, 13 Rezensionen verfasst – und für sein Engagement von den Betreibern von lovelybooks.de 1020 Eselsohren kassiert. Der Mann, der sich anderen Nutzern mit Clownsnase und – Hobby verpflichtet – weit aufgerissenen Leseaugen präsentiert, ist einer von tausenden Nutzern des Social-Networks für Bücher, in dem sich die Mitglieder ein eigenes virtuelles Bücherregal zusammenstellen, Rezensionen schreiben, Empfehlungen abgeben und sich mit anderen Lesern austauschen können.
Zwar würde sich ein Vertreter der schwindenden Kaste der Bildungsbürger nur die Lesebrille vom Kopf schütteln angesichts der Rezensionen von Clown & Co.: „Boah! Das war eine harte Lektüre, denn wenn man bedenkt, dass diese Geschichte auf Tatsachen beruht…“ ist unter dem Thriller „Hot Zone“ von Richard Preston zu lesen. Und doch wäre es fahrlässig, dies nur als Beleg für die Heidenreichisierung des Kulturbetriebs abzutun. Denn selbst solch eine Zwei-Zeilen-Null-Aussage-Kritik ist die Antriebsfeder einer Bewegung, die mit rasantem Tempo das Fundament der westlichen Lesekultur verändert.
Galt die in ein Buch vertiefte Gestalt des heiligen Augustinus jahrhundertelang als Ikone des einsamen Lesers, läuten Onlineportale wie das Ende 2006 von Holtzbrinck gestartete lovelybooks-Portal eine neue Ära ein: Lesen 2.0 heißt Community und user generated content statt vorgegebenem Lektürekanon und Vernetzung plus Kommunikation statt Kontemplation.
Das Internet stärkt jedoch nicht nur die soziale Dimension des Lesens, sondern ermöglicht vielfach erst die Lektüre. Vor drei Jahren hat Google begonnen, die Bücher von fünf US-Forschungsbibliotheken zu scannen und für Suchmaschinen zugänglich zu machen; vor wenigen Wochen weitete Google das Programm auf Deutschland aus: Über eine Million Werke der Bayerischen Staatsbibliothek sollen digitalisiert und frei zugänglich ins Netz gestellt werden. Ziel von Google: Die 75 Prozent der weltweit 32 Millionen katalogisierten Bücher, die verwaist in Bibliotheken stehen, sollen ans Licht der Online-Öffentlichkeit gelangen. Anfang März ging außerdem Scribd online, eine Art Youtube für Texte: Hausarbeiten, Powerpoint-Präsentationen sowie Bücher und Zeitungen können im PDF-Format hochgeladen und – wie die Videoschnipsel von Youtube – mit Tags versehen, kommentiert und mit anderen Texten verlinkt werden.
Wie Lesen 2.0 mittelfristig die Welt der Bücher verändern wird, zeichnet sich erst in Grundzügen ab. „Einige Genres, die wir uns früher nur in Bücherform vorstellen konnten –  Enzyklopädien, Atlanten, Telefonbücher, Kataloge – , wurden durch das Internet schon neu erfunden“, erklärt Ben Vershbow, Associate Director beim Institute for the Future of the Book, einem Think Tank, der neue Diskursformen für Bücher erforscht. „Wir gewöhnen uns immer stärker an neue, netzwerkartige Textformen: an poröse Grenzen zwischen Dokumenten und Medien sowie gemeinschaftliche Formen des Lesens und Schreibens.“
Vershbows Denkbüro will Autoren Instrumente an die Hand geben, um für die neue Ära gerüstet zu sein. Noch im Frühjahr veröffentlicht das Institut die Software „Sophie“, die Nutzern ermöglicht, multimediale Bücher mit Texten, Bildern und Audioelemente zu erstellen. Die mit Sophie kreierten Bücher können auf dem privaten Rechner gespeichert oder im Internet veröffentlicht werden, sie verweisen auf andere Bücher und ermöglichen Lesern, Kommentare und Annotationen oder Links zu Internetseiten zu hinterlassen.
Doch die Szenarios der Text-Theoretiker reichen weiter. So hat „Wired“-Gründer Kevin Kelly in seinem Essay „Scan this Book!“ eine digitale Weltbibliothek in Aussicht gestellt. „Von den Tagen der sumerischen Lehmtafeln bis heute haben die Menschen mindestens 32 Millionen Bücher, 750 Millionen Artikel und Essays, 25 Millionen Songs, 500 Millionen Bilder, 500 000 Filme, 3 Millionen Videos, Fernsehsendungen und Kurzfilme sowie 100 Milliarden öffentlich zugänglicher Webseiten produziert“, rekapituliert Kelly. Das Material sei über alle Archive der Welt verstreut. Sobald dies alles digitalisiert sei, könnte es auf 50 Petabyte-Harddisks komprimiert werden – wofür heute ein Gebäude von der Größe einer Kleinstadtbibliothek nötig sei, in wenigen Jahren passe das in sich vernetzte Weltwissen jedoch auf einen iPod.
Trotz der für Leser in der digitalen Welt verführerischen Aussichten mischen sich auch skeptische Stimmen in den Jubelchor. Fürchten die Verlage die Verletzung der Urheberrechte, macht Datenschützern der gläserne Leser Angst. Denn ähnlich wie Google beim Webmail-Dienst Gmail mitliest, um passende Werbeanzeigen einblenden zu können, können die Google-Daten-Analytiker genau verfolgen, welcher der registrierten Nutzer der Google-Büchersuche wann wie lange in welchem Buch geblättert hat. Vor diesem Hintergrund zeichnen sich drei Evolutionsstufen des Lesens ab: Wir lesen die Bücher alleine. Wir lesen die Bücher zusammen. Die Bücher lesen uns.

Beim Publishers’ Forum erntete Bob Stein vom US-Think-Tank Institute for the Future of the Book viel Applaus für sein Konzept zum sozialen Lesen. Tatsächlich sind Steins Ideen faszinierend: dass sich die ich-bezogene, stille und meditative Beschäftigung im E-Book-Zeitalter wandelt und Bücher im Netz zu sozialen Räumen werden. Aber: Die Pläne zum „Social Book“ gab es schon vor Jahren. Sie sind bis dato von Verlagen, wie ich es sehe, trotz hochgradig interaktionsaffiner Geräte wie dem  iPad kaum aufgegriffen worden. Rohrkrepierer? Ist Lesen doch monologisch? Oder unterschätzen die Verlage die Chancen der gemeinschaftlichen Lektüre?

Auch ich war von Steins Vortrag in Berlin angetan, nicht nur, weil der US-Amerikaner charismatisch aufgetreten ist, sondern weil seine Ideen überzeugend sind – und es mir nicht einleuchtet, warum E-Books derzeit die interaktiven Möglichkeiten, die das Web 2.0 bietet, kaum nutzen.

Erst während des Vortrags erinnerte ich mich daran, dass ich schon im Frühjahr 2007 ein Interview mit Ben Vershbow vom Institute führte und unter diesem Eindruck unter der Überschrift „Digital ist sozial“ einen Artikel (für eine Kulturzeitschrift und buchreport) schrieb. Aus heutiger Sicht ist so erstaunlich wie erschreckend, dass die wesentlichen Ideen schon damals, bevor der Kindle dem E-Book eine zweite Chance bescherte (das E-Book-Programm von Amazon startete im November 2007), auf dem Tisch lagen – und bis heute kaum umgesetzt werden. Was ist geblieben von den damaligen Ideen?

Man muss sich „Clown“ als lesewütigen Menschen vorstellen. Kaum zwei Wochen nach seiner Registrierung hat er 396 Bücher auf das virtuelle Regal geräumt, 254 Tags gesetzt, 13 Rezensionen verfasst – und für sein Engagement von den Betreibern von lovelybooks.de 1020 Eselsohren kassiert. Der Mann, der sich anderen Nutzern mit Clownsnase und – Hobby verpflichtet – weit aufgerissenen Leseaugen präsentiert, ist einer von tausenden Nutzern des Social-Networks für Bücher, in dem sich die Mitglieder ein eigenes virtuelles Bücherregal zusammenstellen, Rezensionen schreiben, Empfehlungen abgeben und sich mit anderen Lesern austauschen können.

Zwar würde sich ein Vertreter der schwindenden Kaste der Bildungsbürger nur die Lesebrille vom Kopf schütteln angesichts der Rezensionen von Clown & Co.: „Boah! Das war eine harte Lektüre, denn wenn man bedenkt, dass diese Geschichte auf Tatsachen beruht…“ ist unter dem Thriller „Hot Zone“ von Richard Preston zu lesen. Und doch wäre es fahrlässig, dies nur als Beleg für die Heidenreichisierung des Kulturbetriebs abzutun. Denn selbst solch eine Zwei-Zeilen-Null-Aussage-Kritik ist die Antriebsfeder einer Bewegung, die mit rasantem Tempo das Fundament der westlichen Lesekultur verändert.

Galt die in ein Buch vertiefte Gestalt des heiligen Augustinus jahrhundertelang als Ikone des einsamen Lesers, läuten Onlineportale wie das Ende 2006 von Holtzbrinck gestartete lovelybooks-Portal eine neue Ära ein: Lesen 2.0 heißt Community und user generated content statt vorgegebenem Lektürekanon und Vernetzung plus Kommunikation statt Kontemplation.

Das Internet stärkt jedoch nicht nur die soziale Dimension des Lesens, sondern ermöglicht vielfach erst die Lektüre. Vor drei Jahren hat Google begonnen, die Bücher von fünf US-Forschungsbibliotheken zu scannen und für Suchmaschinen zugänglich zu machen; vor wenigen Wochen weitete Google das Programm auf Deutschland aus: Über eine Million Werke der Bayerischen Staatsbibliothek sollen digitalisiert und frei zugänglich ins Netz gestellt werden. Ziel von Google: Die 75 Prozent der weltweit 32 Millionen katalogisierten Bücher, die verwaist in Bibliotheken stehen, sollen ans Licht der Online-Öffentlichkeit gelangen. Anfang März ging außerdem Scribd online, eine Art Youtube für Texte: Hausarbeiten, Powerpoint-Präsentationen sowie Bücher und Zeitungen können im PDF-Format hochgeladen und – wie die Videoschnipsel von Youtube – mit Tags versehen, kommentiert und mit anderen Texten verlinkt werden.

Was sich bis dato verändert hat: Google hat neben dem weiterhin umstrittenen Bibliotheks- (s. „Google Settlement“) ein Verlagsprogramm auf die Beine gestellt, aus dem ein eigener E-Book-Vertrieb gespeist wird. Von Scribd spricht zumindest hierzulande keiner mehr, dafür sind Portale wie www.epubli.de und www.neobooks.com in aller Munde.

Wie Lesen 2.0 mittelfristig die Welt der Bücher verändern wird, zeichnet sich erst in Grundzügen ab. „Einige Genres, die wir uns früher nur in Bücherform vorstellen konnten –  Enzyklopädien, Atlanten, Telefonbücher, Kataloge – , wurden durch das Internet schon neu erfunden“, erklärt Ben Vershbow, Associate Director beim Institute for the Future of the Book, einem Think Tank, der neue Diskursformen für Bücher erforscht. „Wir gewöhnen uns immer stärker an neue, netzwerkartige Textformen: an poröse Grenzen zwischen Dokumenten und Medien sowie gemeinschaftliche Formen des Lesens und Schreibens.“

Vershbows Denkbüro will Autoren Instrumente an die Hand geben, um für die neue Ära gerüstet zu sein. Noch im Frühjahr veröffentlicht das Institut die Software „Sophie“, die Nutzern ermöglicht, multimediale Bücher mit Texten, Bildern und Audioelemente zu erstellen. Die mit Sophie kreierten Bücher können auf dem privaten Rechner gespeichert oder im Internet veröffentlicht werden, sie verweisen auf andere Bücher und ermöglichen Lesern, Kommentare und Annotationen oder Links zu Internetseiten zu hinterlassen.

Das Konzept von „Sophie“ nimmt die wesentlichen Ideen von Steins „Social Book“ vorweg, nur dass sich die Lesen-Vordenker weg von einem Software- und hin zu einem browserbasierten Ansatz entwickelt haben.

Doch die Szenarios der Text-Theoretiker reichen weiter. So hat „Wired“-Gründer Kevin Kelly in seinem Essay „Scan this Book!“ eine digitale Weltbibliothek in Aussicht gestellt. „Von den Tagen der sumerischen Lehmtafeln bis heute haben die Menschen mindestens 32 Millionen Bücher, 750 Millionen Artikel und Essays, 25 Millionen Songs, 500 Millionen Bilder, 500 000 Filme, 3 Millionen Videos, Fernsehsendungen und Kurzfilme sowie 100 Milliarden öffentlich zugänglicher Webseiten produziert“, rekapituliert Kelly. Das Material sei über alle Archive der Welt verstreut. Sobald dies alles digitalisiert sei, könnte es auf 50 Petabyte-Harddisks komprimiert werden – wofür heute ein Gebäude von der Größe einer Kleinstadtbibliothek nötig sei, in wenigen Jahren passe das in sich vernetzte Weltwissen jedoch auf einen iPod.

Das Wissen der Welt auf einer kleinen Festplatte mit Riesenvolumen zu speichern, hat offenbar an Attraktivität verloren, vielleicht durch die Omnipräsenz des Internet und der Cloud?

Trotz der für Leser in der digitalen Welt verführerischen Aussichten mischen sich auch skeptische Stimmen in den Jubelchor. Fürchten die Verlage die Verletzung der Urheberrechte, macht Datenschützern der gläserne Leser Angst. Denn ähnlich wie Google beim Webmail-Dienst Gmail mitliest, um passende Werbeanzeigen einblenden zu können, können die Google-Daten-Analytiker genau verfolgen, welcher der registrierten Nutzer der Google-Büchersuche wann wie lange in welchem Buch geblättert hat. Vor diesem Hintergrund zeichnen sich drei Evolutionsstufen des Lesens ab: Wir lesen die Bücher alleine. Wir lesen die Bücher zusammen. Die Bücher lesen uns.

Nope, immer noch lesen auch die E-Book-Käufer meist alleine, digitale Bücher mit Interaktionsmöglichkeiten sind Mangelware, weshalb die Schritte 2 (Chance) und 3 (Gefahr) noch ausstehen. Fragt sich nur: Warum? Ob es bei den Kunden keinen Bedarf an sozialen Büchern gibt, kann noch nicht beurteilt werden, da es am Angebot fehlt. Dass Verlage bis dato lieber in sündhaft teure Apps mit Multimedia-Anreicherungen investiert haben (deren Absatz in der Regel die Investitionen nicht wieder einspielt), statt die basale Lektüre zu vergemeinschaften, also Bücher im Zeitalter Sozialer Netzwerke auch zu sozialen Medien zu machen, ist mir ein Rätsel.

Und zwar nicht nur mir, sondern vermutlich auch Alexander Braun, der im November 2009 hier im Blog Cory Doctorow zitierte: „Content isn’t king – conversation is king. Content is just something to talk about.” (boingboing.net)

Kommentare

7 Kommentare zu "Daniel Lenz: Warum sind E-Books asozial?"

  1. Ich stelle mir das soziale Lesen so ähnlich vor wie Fußnoten. Manchmal ignoriere ich sie, manchmal mag ich sie, manchmal lese ich nur sie…
    Manchmal mag oder brauche ich keine Bücher mit Fußnoten, manchmal brauche ich gerade die Fußnoten, die mir weiterhelfen.
    Wenn Social Reading das abbildet, why not?

    Ich habe meine Kollegin (30) gefragt.

    Sie würde in der Szene
    »Und dann sank sie in seine Arme…«
    Nur dann
    »Nein, nimm ihn nicht« an den Rand posten, wenn sie wüsste, das nur ihre Freundin Kerstin dies liest und niemand anders…

    Bei Stig Larsson hätte sie schon mal gerne gepostet:
    »Krasse Action«, wenn sie schneller dorthin hingekommen wäre als ihre Freundin, oder auch:
    »Ich weiß es schon seit zwei Tagen…«

    Meine Frau (47) sagt:
    »Das ist doch mal was!«

    Ich als Buchhändler denke:
    Wir richten einen digitalen Lesekreis ein, am besten im Abo.
    Jeden Monat gibt es ein neues Buch…
    Alle Abonnenten können es sozial lesen.
    Und am Ende des Monats gibt es noch ein Teetrinken in der Buchhandlung, und wer von den Lesern will, kommt, und man erzählt sich noch mal eins.
    Klingt doch nett…

  2. Lassen Sie uns doch – bevor wir uns gegenseitig nur Standpunkte um die Ohren hauern – bei diesem wirklich nicht einfachen Thema noch einmal vergegenwärtigen, was Gegenstand des Diskurses ist.

    Einmal weist Daniel Lenz völlig zu Recht darauf hin, wie lang manche Einsichten und Lösungsansätze brauchen, um irgendwann tatsächlich das Feld zu betreten, das man als ›Erfolg‹, vielleicht besser: ›Wirksamkeit‹, umschreiben könnte.

    Dann weist Bob Stein völlig zu Recht darauf hin, dass wir zu wenig Kreativität entwickeln, wenn es darum geht, neue Ansätze und Verfahren zu entwickeln, die die Auseinandersetzung bzw. Beschäftigung mit Content – welcher Art auch immer – auf Basis verfügbarer digitaler Technologie auf ein anderes, bis dahin nicht mögliches Level heben (den Begriff Niveau lasse ich besser erst einmal weg).

    Niemand will Lesern verübeln, dass sie mit sich selbst und unter ihresgleichen lesen wollen. Ich muss aber für mich feststellen, dass diese Art der Beschäftigung mit Content nur erhellend weiterführt, wenn ich mich über meine Eindrücke mit anderen ver- und abgleichen kann. Warum soll das in elektronischer Form – so wie Bob das vorgestellt hat – gleich abwegig sein? Warum müssen wir sofort eingrenzen, in welchen Fällen das Sinn macht? Warum können wir nicht abwarten, was sich wie entwickelt und diese Entwicklung unterstützend kritisch begleiten?

    Ich bilde mir ganz ernsthaft ein, dass Denkfähigkeit mit Alter wenig zu tun hat und stelle mir eine Runde vor, zu der auch Susanne Martin als eine der Bewegerinnen im Buchhandel gehören sollte, die diesen Fragen einmal intensiver nachgeht, z. B. auf einem Panel während der Buchmesse ;-)) Ich melde mich mit einer Einladung.

  3. Was für ein Horror – jetzt soll ich also nicht nur digital, sondern auch sozial lesen. Ich habe einmal den Versuch gemacht, mich durch das sogenannte „enhanced“ E – Book des Ken Follet von Lübbe zu kämpfen und fand es nur nervig, weil ich ständig im Lesefluss unterbrochen wurde. Das kann’s nicht sein.
    Genausowenig möchte ich zu jedem Buch mit irgendwelchen Plattformen, Communities o.ä. kommunizieren, sondern ich möchte mir das Buch über das ich kommuniziere und den Kreis, in dem ich darüber rede, selbst aussuchen. Und ich möchte ganz sicher nicht nur digital, sondern auch von Angesicht zu Angesicht mit Menschen darüber reden.
    Vielleicht bin ich einfach zu alt, vielleicht fehlt es aber auch einfach an einem konkreten Beispiel, an dem man etwas probieren kann – ich kann jedenfalls mit diesem Begriff wenig anfangen.

  4. Frithjof Klepp | 5. Mai 2011 um 12:13 | Antworten

    Sehr schöner Artikel, den ich gerne weiterempfehle…

  5. Lesen ist per sé erst einmal Ich-bezogen und setzt voraus, dass die textlich dargebotenen Informationen aufgenommen und verstanden werden. In welcher Form der Leser im Nachgang oder während des Lesens den Austausch mit anderen sucht, ist nicht zwangsläufig an die Online Welt gebunden. Das passiert auch in der realen Welt – auch dort gibt es ein Umfeld, in dem Bücher zu „soziale Räumen“ werden, sei es in der Schule, in der Familie, in Fach- oder Literaturkreisen, bei Veranstaltungen usf.. Insofern ist das Thema Bücher als „soziale Räume“ wirklich nicht neu, auch wenn durch das Internet – zumindest potenziell- eine größere Anzahl an Personen erreicht werden kann.

    Wesentlicher ist aus meiner Sicht die Frage, was wir aus den interaktiven Möglichkeiten – real wie online – machen bzw. machen wollen. Und diese Frage können wir nur dann seriös beantworten, wenn wir uns differenziert mit den jeweiligen Kontexten beschäftigen, in denen Informationen angeboten und verarbeitet werden. Dies wird für die Planung und Durchführung einer Reise im Geschäfts- bzw. Freizeitkontext, das Lesen eines Romans, eines Krimis oder das Bearbeiten eines Sachproblems völlig unterschiedlich aussehen. Für die Buchbranche – Verlage wie Buchhandlungen – gilt es daher, nicht nur Themen und Programme für bestimmte Zielgruppen anzubieten, sondern vernetzter zu denken, die Zusammenhänge, in denen Informationen gesucht, benötigt und erlebt bzw. erfahren werden, zu hinterfragen und durch sinnvolle, passende Angebote zu ergänzen. In einer solchen Leistung liegt ein wesentlicher Qualitätsunterschied zu reinen Kommentierungsfunktionen oder Frage/Antwort-Plattformen und damit einer der Mehrwerte, den die Branche für neue Geschäftsmodelle benötigt.

  6. Soziales Lesen gibt es ansatzweise nur bei journalistischen Texten – mit der Einschränkung, dass sich die Journalisten nur selten auf diesen Dialog einlassen. Bei Belletristik und Sachbüchern vermisse ich diese interaktiven Elemente dennoch. Szenarien (auch von Bob Stein): Ein Lesezirkel nimmt sich „Krieg und Frieden“ gemeinsam vor. Ein Marx-Experte kommentiert „Das Kapital“ und verschenkt oder verkauft diese Anmerkungen. Fans von Cecilia Ahern diskutieren mit der Autorin direkt in der Randspalte. Wenn man dabei viel Trash befürchtet, könnte man ja evtl noch einen Filter einbauen, sei es in Form einer Redaktion oder aber, indem der Nutzer die Wahl hat, sich zB nur die Kommentare ihm bekannter Nutzer einblenden zu lassen.

  7. Thomas Wilking | 4. Mai 2011 um 17:48 | Antworten

    Das soziale Lesen ist ja längst verbreitete Praxis bei kürzeren Textsorten, die online verbreitet werden, ob mit klassischer journalistischer Haltung oder als Blog. Leser bringen sich mal mehr, mal weniger intensiv mit Kommentaren und ergänzenden Beiträgen ein. Auch wenn dies in der Regel vertikal unterhalb des initiierenden Textes erfolgt (Bob Stein plädiert für die stärker integrierende horizontale Lösung), kann dies als Vorstufe des gemeinsamen Lesens und einer gemeinsamen Textentwicklung verstanden werden. Nur, ist dies immer ermutigend? Positiv ist die rasche Möglichkeit, Fehler zu identifizieren und zu beseitigen, die Lektoratsfunktion, erfrischend sind manche Kommentare, die das Meinungsspektrum erweitern und eine Diskussion voranbringen. Aber dafür muss man oft auch durch viel Trash waten. Die wundersame Vermehrung von sozialem Stoff hat aktuell auch Sascha Lobo auf SPON thematisiert.

    Das soziale Lesen hat somit eine Perspektive im Spektrum zwischen dem überschaubaren gemeinsamen Lesen in der modernen Art eines Lesekreises oder literarischen Proseminars und einer Kommunikation, die sich tatsächlich von einer komponierten und strukturierten Geschichte, wie wir sie heute Buch nennen, löst. Ob es tatsächlich sinnvoll ist, dieses neue Format aus der Buchwurzel heraus zu treiben und als „Future of the Book“ zu verstehen?

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