In der Ära des Internet ist Kontext der König

Ein US-Think-Tank erforscht die Zukunft des Lesens und Schreibens. Bob Stein skizziert in einem Essay für buchreport das Ökosystem des „Social Book“. Der Gründer und Co-Director des Institute for the Future of the Book ist am morgigen Dienstag, 3. Mai 2011, Referent beim „Publisher’s Forum“ (organisiert von Klopotek, Medienpartner ist buchreport) in Berlin.

Stein leitet eine Art Think Tank, der neue Diskursformen für Bücher erforscht. Stein gilt als Multimedia-Pionier: 1988 veröffentlichte seine damalige Firma Voyager die erste CD-Rom für private Nutzer, BeethovensNeunte Symphonie“.

Anfang des Jahres 2005 hat das Institute for the Future of the Book mit einer Reihe von Experimenten unter der Überschrift „Vernetzte Bücher/ networked books“ begonnen. Es war der Durchbruch des Blogs, und wir untersuchten, was passieren würde, wenn wir das Konzept von Leserkommentaren auf Aufsätze und Bücher übertragen würden. Unser erster Anlauf mit „Gamer Theory“ von McKenzies Wark erwies sich als glückliche Wahl. Die Struktur des Buches mit nummerierten Absätzen erforderte, ein innovatives Design zu entwickeln, welches den Lesern ermöglichte, Kommentare zu jedem Absatz statt nur zu jeder Seite zu machen. Die Lösung: Die Kommentare in einer Spalte rechts von Warks’ Absätzen zu platzieren und nicht, wie es bisher üblich war, unter den Text des Autors.

Innerhalb weniger Stunden, nachdem „Gamer Theory“ online gestellt wurde, entwickelte sich in dieser Randspalte eine lebhafte Diskussion. Wir stellten fest, dass die Verschiebung der Kommentare vom Fuß an den Rand – eine Veränderung, die uns damals eher unwesentlich erschien – tatsächlich enorme Auswirkungen hatte. Weil Warks in der aufkommenden Diskussion eine sehr aktive Rolle einnahm, konzentrierten wir uns zunächst auf die Art und Weise, wie sich dieses neue Format auf die traditionelle Print-Hierarchie auswirkt, in welcher der Autor auf einem Podest und der Leser bewundernd zu seinen Füßen steht. Durch das Spalte-neben-Spalte-Layout von „Gamer Theory“ beanspruchten Text und Kommentar, Autor und Leser plötzlich den gleichen Anteil an Raum, wodurch die Beziehung von Autor und Leser augenblicklich ein viel höheres Maß an Gleichheit erfuhr. Im Laufe der Zeit wurde deutlich, dass Autor und Leser sich selbst als Teilnehmer in einem gemeinschaftlichen Projekt zum besseren, gemeinsamen Verständnis sahen.
Spätere Versuche waren ähnlich erfolgreich, obwohl kein Autor aktiv eingebunden war. Dies führte uns zu der Erkenntnis, dass wir Zeuge einer Entwicklung waren, die viel mehr war, als eine Veränderung in der Beziehung zwischen Autor und Leser.

Lesen und Schreiben sind sozial

Die Übertragung von Ideen/Vorstellungen in gedruckte, dauerhafte Objekte verdeckt die sozialen Aspekte von Lesen und Schreiben zu so einem hohen Maße, dass sie in unserer Kultur als die am weitesten zurückgezogenen Beschäftigungen überhaupt gelten. Der Grund dafür ist, dass die sozialen Aspekte grundsätzlich abseits der Buchseiten stattfinden: Am Arbeitsplatz, beim Abendessen und auf den Seiten anderer Publikationen in Form von Rezensionen, Fußnoten und Bibliografien. Unter diesem Gesichtspunkt macht der Wechsel von der Buchseite auf den Bildschirm die Texte zwar nicht per se zu etwas Sozialen, aber er fördert die sozialen Komponenten und vervielfältigt seinen Nutzen. Wenn man sich erst einmal auf den Versuch des gemeinschaftlichen Lesens eingelassen hat, wird der Nutzen offensichtlich. Die gegenwärtigen Probleme sind derart komplex, dass der Einzelne sie allein kaum ausreichend begreifen kann. Mehr Augen und mehr Köpfe, die gemeinsam an der Aufgabe des Verstehens arbeiten, können vielleicht bessere, verständlichere Antworten liefern.

Eine Schwierigkeit bei der Prognose zur Zukunft des Lesens bleibt jedoch, dass bis hierhin alles von der Annahme ausgeht, dass alles, was gelesen wird, ein x-Seiten-Artikel oder -Essay oder ein x-Seiten-Buch ist. Realistisch betrachtet, werden sich unsere Formen des Ausdrucks aber dramatisch verändern, wenn wir lernen, die einzigartigen Möglichkeiten der neuen elektronischen Medien zu nutzen. Idealerweise werden die Grenzen zwischen Lesen und Schreiben durchlässiger, wenn Leser eine aktivere Rolle bei der Produktion von Wissen und Ideen einnehmen. Damit niemand denkt, diese Veränderung würde nur den nonfiktionalen Bereich betreffen: Man kann sich große Multiplayer-Spiele wie „World of Warcraft“ als einen Strang von Zukunftsfiktion vorstellen, in dem der Autor eine Welt beschreibt und die Spieler/Leser die Geschichte schreiben, während sie das Spiel spielen.

Folge den Spielern

Unsere Enkelkinder werden davon ausgehen, dass das Lesen mit anderen, das gemeinschaftliche Lesen die „natürliche“ Art zu lesen ist. Sie werden erstaunt sein, wenn sie feststellen, dass Lesen zu unserer Zeit etwas war, das man allein gemacht hat. Für sich allein zu lesen, wird so antiquiert wirken, wie Stummfilme heutzutage für uns.

Obwohl wir das Zeitalter des Buchdrucks auf das Jahr 1454 datieren, sind über 200 Jahre vergangen, bevor der Roman überhaupt als erkennbare Form aufgetreten ist. Zeitungen und Magazine benötigten sogar noch mehr Zeit, um sich zu etablieren. Genauso wie Gutenberg und andere Buchdrucker damit begonnen haben, illustrierte Handschriften zu reproduzieren, verlagern heutige Herausgeber ihre gedruckten Texte auf elektronische Bildschirme. Dieser Wandel wird wertvollen Nutzen bringen (durchsuchbare Texte, personale und tragbare Bibliotheken, Zugriff durch Internet-Down­loads etc.). Aber diese Phase in der Geschichte des Verlagswesens wird eine Übergangsphase sein. Mit der Zeit werden neue Medientechnologien den Aufstieg von Ausdrucksformen ermöglichen, die die Medienlandschaft in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten dominieren werden.

Auch wenn wir mit der Vorstellung vom einsamen Leser im Lehnstuhl oder unter einem Baum und dem Autor allein in der Dachstube aufgewachsen sind, ist die wichtigste Erkenntnis, die meine Kollegen und ich aus einer Reihe von Experimenten mit „vernetzten Büchern“ gewonnen haben, dass Diskurse von der Buchseite auf den vernetzten Bildschirm wandern und die gemeinschaftlichen Aspekte des Lesens und Schreibens vom Hintergrund in den Vordergrund treten. Diese Verschiebung hat tief gehende Auswirkungen auf Leser, Schreiber und Verleger, da traditionelle Hierarchien abflachen und sich Online-Communitys stark vermehren. Ein Buch ist auf dem Weg, ein „Ort“ zu werden, an dem Leser zusammenkommen, manchmal mit dem Autor.

Das Aufkommen der Apple-, Android- und Nokia-Tablets erhöht den Einsatz für Verleger. Die Verschiebung von gedruckten Texten auf die Tablets (so wie sie es beim „Kindle“ machen) ist wichtig, aber innerhalb von fünf bis zehn Jahren werden die erfolgreichsten Verleger enthusiastisch neue multimediabasierte Formen willkommen heißen. Noch viel wichtiger, sie werden einen Weg gefunden haben, wie man solche Arbeiten als interessante und lebhafte Communitys aufbaut.

Meinem Empfinden nach, wird die Menschheit keine 200 Jahre benötigen, um einen Nachfolger für den Roman, d.h. eine neue dominante Form, zu finden. Nicht nur weil sich Hardware und Software flexibel zu unendlich vielen Formen kombinieren lassen, sondern auch, weil wir heute eine Spielkultur haben, welche im Gegensatz zum Buch- und Verlagswesen nicht durch anachronistische Produkte oder Denkweisen gezügelt wird. Multimedia ist bereits ihre Sprache, und Spieleentwickler machen großartige Fortschritte darin, gedeihende Communitys für Millionen von Spielern zu schaffen. Während konventionelle Verleger ihre Printprodukte andächtig auf die Tablets übertragen, werden Spieleentwickler mit Schwung auf das große Versprechen der glänzenden, vertraulichen Netzwerkgeräte aufspringen.

„Social Book“ als neues Ökosystem

Meine Kollegen und ich arbeiten hart daran, diese Ideen des sozialen Lesens in die Praxis umzusetzen. Im Druckzeitalter mag der Inhalt König gewesen sein, aber in der Ära des Internets ist es der Kontext, für den die Menschen bezahlen. „Social Book“ ist das Bündeln und Verkaufen von Inhalten mit erweitertem Kontext. Social Book gründet auf der Vorstellung, dass die Verschiebung der Texte von der Seite auf den Bildschirm ein neues Ökosystem der Veröffentlichung erzeugen wird, das nicht den Hierarchien des Print, sondern dem offenen, verteilenden Charakter der digitalen Netzwerke entspricht.

Das Ziel von Social Book lautet, die Grundpfeiler dieses Ökosystems zu etablieren und dessen erste einflussreiche und profitable Institution aufzubauen. Wenn es uns gelingt, eine hinreichend stabile Infrastruktur zu erzeugen, die einzelne Bearbeiter dazu befähigt, selbst publizierend aktiv zu werden, können wir ein intellektuelles Kapital freisetzen, das dem Konkurrenz macht, was Apple mit dem App Store ausgelöst hat.

Social Book 1.0 ist eine umfangreiche Plattform, die Folgendes beinhaltet:

  • Ein browserbasiertes HTML5-Lesegerät für Epub-Dokumente, das in der Lage ist, Kontexte in verschiedenen Formen anzuzeigen: unter anderem Experten- und Amateur-Anmerkungen, Diskussionen in den Randspalten, mit kleinen vertrauenswürdigen Gruppen, oder dem synchronen und asynchronen Kontakt mit Autoren und anderen sachkundigen Spezialisten.
  • Eine extrahierbare „soziale Ebene“, die Anmerkungen der Nutzer und Konversationen zum Buch ermöglicht und die von einem Exemplar des Buchs zu einem anderen übertragen werden kann.
  • Einen Shop, der sowohl für individuelles, wie auch für das „Gruppen“-Einkaufen gestaltet und zusätzlich darauf angelegt ist, die Suche zu optimieren, da die Funktionen vom Stöbern in der Buchhandlung/Bücherei (Glückstreffer und die Möglichkeit, viele Bücher auf einmal sehen zu können) mit denen der Online-Suche (die Möglichkeit, seine Suche auf spezifische Titel einzugrenzen) kombiniert werden.
  • Nutzerprofile, die es dem Leser ermöglichen, seine Social Book-Erfahrungen zu verwalten sowie Einkäufe, Mitgliedschaften in verschiedenen Lesegruppen und die Pflege ihrer „sozialen Ebenen“.
  • Ein Backoffice-Arbeitsbereich, der es den Bearbeitern/Produzenten erlaubt, sowohl Epub-Dokumente wie auch umfangreiche Metadaten hochzuladen, das Marketing einzelner Titel zu steuern und die verschiedenen Communitys zu versorgen, die sich um bestimmte Bücher versammeln.
  • Ein Server, der in der Lage ist, all dies zu verarbeiten.

Aus dem Amerikanischen von Torge Frühschulz

aus: buchreport.spezial „Herstellung & Management“ 5/2011

Foto: Wikipedia, Tomislav Medak

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