Ordnungspolitischer Unsinn

Nachdem die Preisbindung für Bücher in der Schweiz parlamentarisch abgesegnet wurde, kündigten Gegner der Preisbindung an, eine Volksabstimmung gegen das Gesetz auf den Weg zu bringen. Wenn die Initiatoren innerhalb von 100 Tagen 50000 Unterschriften sammeln (hier die Webseite zur Aktion), können sie eine Volksabstimmung durchsetzen, um das Gesetz noch zu kippen.

Getragen wird das Referendum vor allem von der Schweizer Volkspartei (SVP) und vom Nachwuchs der Freisinnigen (FDP). Im Interview mit buchreport.de erläutert Brenda Mäder, Präsidentin der Schweizer Jungfreisinnigen, ihre Gründe.

Warum ist das Gesetz Ihrer Meinung nach für den Schweizer Buchhandel ein Eigentor?

Bei der Preisbindung handelt es sich um einen ordnungspolitischen Unsinn: de facto wird ein Kartell gesetzlich verankert. Das kann nicht goutiert werden. Zudem führt eine Preisbindung, gerade im Online-Bereich, zu einer Schwächung der Schweizer Buchhändler: Wer einen Schweizer Onlineshop betreibt und teurer ist als die „.de“-Variante, der verliert seine Kunden mit Garantie. Auf welcher Homepage ich schlussendlich bestelle, spielt mir als Konsument kaum eine Rolle. Die Wechselkosten sind sehr tief. Wer eine Hochpreisinsel im Internet errichten möchte, der erleidet mit Garantie Schiffbruch.

Die Kunden der Schweizer Buchhändler sind entsprechend die großen Verlierer, sie müssen die höheren Preise berappen. Für den Schweizer Buchhandel bedeutet dies, dass er preislich, vor allem gegenüber dem Ausland, immer weniger attraktiv ist – und das erst noch staatlich vorgeschrieben.

Das Gros der Buchhandlungen und Verlage befürwortet die fixen Preise – zum Schutz der kulturellen Vielfalt. Was halten Sie dagegen?

Das Argument, das Autoren profitieren können, verfängt nicht. Gerade in der Schweiz gibt es etwa die Pro Helvetia-Stiftung, die auch Künstler unterstützt. Zudem stellt sich grundsätzlich die Frage, weshalb ein Bestseller-Autor den Autor eines Nischenprodukts unterstützen sollte? Wie die Mehreinnahmen aus fixen Preisen den Autoren helfen sollten, ist dazu mehr als unklar.

… immerhin ist die Zahl der Buchhandlungen seit Aufhebung der Buchpreisregelung laut Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband um 14,5% zurückgegangen.

Die Konsumentenbedürfnisse verändern sich: Heute lesen wir auf dem iPad Bücher und Zeitung und bestellen vermehrt über Internet. Auch eine Preisbindung kann es nicht aufhalten, dass die Konsumenten die schweren Bücher lieber direkt nach Hause bestellen, als diese im Shop zu kaufen. Im Gegenteil hilft die Preisbindung vor allem großen Buchläden mit mehreren Filialen: Sie haben de facto eine garantierte Marge und viele Standorte und können so auf der Kostenseite von Skaleneffekten profitieren.

Wünschen Sie sich, dass die fixen Preise europaweit auf den Prüfstand kommen?

Es wäre sehr erfreulich, wenn unsere Debatte auch Außenwirkung zeigt.
Fixierte Preise sind für mich ordnungspolitisch schlicht falsch – unerheblich davon, ob es sich um Bücher oder andere Produkte handelt.

Die Fragen stellte Lucy Kivelip

Kommentare

2 Kommentare zu "Ordnungspolitischer Unsinn"

  1. Rudolf Sommer | 7. April 2011 um 17:57 | Antworten

    Es ist interessant, wie hier vom Buchhandel argumentiert wird. Grundsatz:Die Konsumenten (früher waren wir Kunden) sollen keine Wahl haben, alles kostet überall gleich viel. Ob ein innovativer Händler seine Kosten im Griff hat oder nicht, geht den Konsumenten nichts an. Während in der Industrie Kartelle zu Recht verboten sind und Verstösse geahndet werden, soll das Kartell der Buchhändler staatlich sanktioniert werden. Deshalb unterstütze ich die Initiative, die übrigens auch von der Piratenpartei Schweiz unterstützt wird. Unterschriftenbogen gibts bei http://www.buchpreisbindung-ne

  2. Man könnte annehmen, dass eine Partei wie die FDP, welche eine Wahlniederlage nach der andern einfährt, wichtigere Themen beschäftigen als die Preisbindung für Bücher. Vielleicht auch solche, von denen man mehr – oder wenigstens den Gesetzestext richtig versteht. Nun, es ist nicht verboten über Themen zu politisieren, die einem weitgehend unbekannt sind, insbesondere nicht dann, wenn im Herbst eidgenössische Wahlen anstehen. Frau Mäder kandidiert für die FDP für den Nationalrat, die u.a. die sehr teuren regulatorischen Eingriffe bei Landwirtschaft oder der Pharmaindustrie mehrheitlich mitträgt und der grössten Schweizer Bank eine faktische Staatsgarantie beschert.
    Deshalb nur eine kurze inhaltliche Replik auf das Interview, erstens: Das Schweizer Preisbindungsgesetz regelt explizit auch den Verkauf von Büchern via den ausländischen Onlinehandel, der sich an die gleichen, vom Verlag bestimmten Frankenpreise zu halten hat wie jeder einheimische Buchhändler, ob stationär oder im Internet. Eine Diskriminierung findet so eben gerade nicht statt, dafür hat der SBVV gekämpft. Zweitens: Nicht wegdiskutieren lässt sich die Tatsache, dass Konsumentinnen und Konsumenten für Bücher in Ländern mit Preisbindung übers gesamte Sortiment gesehen weniger bezahlen als in deregulierten Märkten – das hat das Beispiel Schweiz jüngst anschaulich bewiesen.

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