Wie weit trägt das Prinzip Buch?

Früher war alles so schön einfach. Früher, als ein Buch noch ein Buch war so wie ein Stuhl ein Stuhl und ein Tisch ein Tisch. Aber seit die Digitalisierung begonnen hat, unsere Lebenswelt zu verändern, ist nun mal alles so schön kompliziert.

Und deswegen entsorgt der Börsenverein das aufgeschlagene Buch aus seinem Corporate Design und ersetzt es durch ein abstrakteres Symbol – einen klassischen Anwendungsfall der alten Weisheit, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt. Ob man in dem neuen Logo einen Wegweiser, ein Dach oder ein (in die Ecke?) fliegendes Buch sieht, ist wahrscheinlich einfach eine Frage der Gewöhnung.

Inhalte als Identitätsmerkmal

Viel interessanter als der optische Überbau ist deshalb die Basis, die der Börsenverein durch ihn visualisiert sehen möchte, wie der Berater Leander Wattig im buchreport.blog zu Recht bemerkt hat: Das „Prinzip Buch“, das das neue Logo symbolisieren soll. Diese Begriffsschöpfung soll den Spagat ermöglichen, einerseits vom gedruckten Buch zu abstrahieren und es andererseits als Leitbild für eine Branche zu erhalten, in der die Digitalisierung Veränderungsprozesse in Gang gesetzt hat, deren mittel- und langfristige Folgen noch überhaupt nicht absehbar sind.

Wenn man sich in der Branche umschaut, drängt sich die Frage aber förmlich auf, ob nicht die Berufung auf das traditionelle Medium an sich schon ein zumindest problematisches Signal ist. Was hat dieses rückwärtsgewandte Leitbild mit den Herausforderungen der Realität einer Branche zu tun, in der sich beispielsweise Fach- und Wissenschaftsverlage längst in großen Teilen vom Trägermedium Papier verabschieden?

Welchen Nutzen soll es in einer Zukunft haben, in der die Verlage zu Content-Management-Häusern und Sortimenter zu Medienhändlern werden, weil die Grenzen zwischen den Kulturbranchen verschwimmen? Sollten nicht statt eines zunehmend austauschbaren Mediums die Inhalte und die Kunden in den Mittelpunkt der Branchenidentität gerückt werden?

Ableitungen und Aussichten

So naheliegend diese Kritik zu sein scheint,  sie macht den dritten Schritt vor dem ersten. Klar: Niemand weiß, welche Rolle das Buch im Medienmix der Zukunft spielen wird. Aber im Moment ist seine Rolle auf jeden Fall wichtig genug, dass die Buchbranche als solche identifizierbar bleibt. Die Grenzen zwischen den Kulturbranchen verschwimmen, aber sie dürften auf absehbare Zeit nicht verschwinden. Und selbst wenn das E-Book hierzulande doch noch zur Erfolgsgeschichte werden sollte, dürfte es ebenso erkennbar eine Ableitung vom gedruckten Buch bleiben wie heute bereits das Hörbuch.

Abgesehen davon hat das Buch wie kein anderes Produkt eine erstaunliche Kraft zur ideellen Sinnstiftung entwickelt, selbst bei Unternehmen, die ihr Geld auch früher schon mit Heftchen, losen Blättern oder Zeitschriften verdienten. Wie weit dieser Nimbus trägt, wenn das Medium tatsächlich von der Bildfläche verschwindet (wobei längst nicht sicher ist, dass es das überhaupt tun wird), ist in der Tat fraglich. Aber man kann dem Börsenverein nicht zum Vorwurf machen, dass er die Ergebnisse der Umbruchzeit nicht kennt oder gar vorwegnehmen kann. Heute kann man seriöserweise nur sagen, dass der Tag noch fern ist, an dem das letzte Buch in die Ecke fliegt.

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