Ehrhardt F. Heinold: Verlegen ohne Verlag – Nischenmarkt oder Zukunftsmodell?

Ehrhardt F. Heinold: Verlegen ohne Verlag – Nischenmarkt oder Zukunftsmodell?

Die Themen Self Publishing und E-Book sind in Deutschland Nischenthemen – Steckenpferde von Beratern, Dienstleistern und anderen Propheten in eigener Sache. Noch weniger Relevanz als E-Books hat für Verlage das Thema Selbstverlegen bzw. neudeutsch Self Publishing. Zu Recht?
In einer kleinen Diskussionsrunde mit Verlagsmanagern hat sich mein Eindruck einmal mehr bestätigt: Ohne uns Verlage, so die feste Überzeugung, können keine Beststeller entstehen. Selbstverlegen bleibt etwas für… naja…wenigstens wird es ohne Relevanz im Buchmarkt bleiben. Die zunehmende Zahl von professionellen Anbietern wie neobooks, epubli, triboox oder natürlich auch BoD wird zwar registriert, aber nicht als Wettbewerb wahrgenommen. Auch die Warnung von Tim O’Reilly, dass Verlage nur dann zukünftig eine Existenzberechtigung haben werden, wenn sie mehr Reichweite (und Umsatz) garantieren als ein Selbstverleger, wird nicht ernst genommen: Verlegen sei noch immer so komplex, der Vertrieb und das Marketing so teuer… Der schlechte Ruf der traditionellen Zuschussverlage trägt ein übriges zur Abwertung des Themas bei.

E-Book und Self Publishing: Das perfekte Paar

Ich halte Self Publishing, wie ich ja schon mehrfach hier geblogt habe, hingegen für eine (nicht für die) zukünftige Form der Verlegerei. Die Automatisierung des Produktionsprozesses, die On-Demand-Technologie und jetzt auch das E-Book senken die Vorabinvestitionen in unvorstellbare Tiefenregionen. Heute kann jeder ein Buch veröffentlichen, sogar für 0 Euro! Die Markteintrittsbarrieren, betriebswirtschaftlich gesprochen, sinken gen null. Dass dieses Modell tatsächlich funktionieren kann, beweisen jedoch nicht nur Plattformen wie lulu.com in den USA oder Shanda in China, sondern Bestsellerautoren einer neuen Generation.

Spiegel Online hat das kürzlich in einem ausführlichen Artikel beschrieben: „Sie kennen Amanda Hocking nicht? Die Ex-Altenpflegerin ist Amerikas neue Bestseller-Autorin. Einen Verlag braucht sie nicht, um ihre Vampirromanzen zu veröffentlichen, die Auflagenmillionärin veröffentlicht direkt und digital per E-Book – und lässt den klassischen Buchmarkt ziemlich alt aussehen.“ Amanda Hocking ist die erste Autorin, die es auf eine offizielle Bestsellerliste geschafft hat: Sie hat allein im Januar und Februar je über 400.000 Bücher verkauft (siehe ihr Interview ebenfalls auf Spiegel Online). Bei 70% Umsatzbeteiligung ist Hocking mit 26 Jahren in knapp einem Jahr zur Millionärin geworden. Sicher, eine Tellerwäscherstory aus den USA, eine absolute Ausnahme, die jedoch das Marktpotential zeigt. Hockings Verlag: Amazon und Kindle, ihr Marketing: Twitter, Facbeook, Networking – siehe Tim O’Reilly!

Erfolgreiche Genres für diesen Vertriebsweg sind laut Spiegel massentaugliche Romane aus den Bereichen Liebe, Vampire, Krimi, Mystery, Fantasy und Science Fiction – also leichte Kost, die jedoch auch bei vielen klassischen Verlagen für Umsatz und Rendite sorgen.

Doch auch Fachbücher, die sich auf den klassischen Vertriebswegen immer schwerer tun, haben hier eine neue Chance, wie Max Franke von epubli in meinem Blog schreibt: „Bei epubli stellen wir vielfach fest, dass neben massentauglicher Belletristik insbesondere Sach- und Fachbücher bei Nischenthemen großes Potenzial haben. Über Blogs, Foren, Facebook & Co. können sich Autoren hier sehr gut als Experte in ihrem Segment etablieren. Darüber hinaus steigt die Relevanz in den Suchergebnissen zu thematisch relevanten Keywords. Meine These ist, dass der Autor zukünftig zum wichtigsten Vermarkter seines Buches wird. Ein Umstand, der die Entwicklung zusätzlich beeinflussen kann (insbesondere bei steigender Relevanz des Online-Handels und zunehmender Informationsbeschaffung über das Internet).“

Tim O’Reilly hat in einem TOC-Vortrag fünf Punkte genannt, in denen Verlage besser sein müssen, um weiter für Autoren interessant zu sein:

– Things that require special expertise
– Things that require scale
– Things that are expensive
– Things that require marketplace leverage
– Things that are boring and time-consuming

Eine Analyse dieser Punkte zeigt: Durch die neuen Selbstverlagsinstrumente wie z.B. den Kindle und wegen der Marketingmöglichkeiten haben Autoren, die sich eine Community aufbauen, gute Chancen, es ohne Verlag zu versuchen. Risikokapital brauchen sie dafür nicht. Verlage müssen deshalb besser werden, müssen mehr bieten als bisher. Sie müssen ihre Wertschöpfung erhören, um dem Autor Mehrwert zu bieten.

Kommentare

5 Kommentare zu "Ehrhardt F. Heinold: Verlegen ohne Verlag – Nischenmarkt oder Zukunftsmodell?"

  1. Ich stimme Dir voll und ganz zu. Sehr guter Artikel!

  2. Ich kann Herrn Heinold nur beipflichten: Das Thema Selfpublishing wird parallel zum Wachstum des E-Book-Markts an Bedeutung gewinnen. In USA war es auch so: Plötzlich räumen sogar große Anbieter wie Barnes & Noble mit pubit oder Amazon mit dem Amazon dtp Programm den selbstpublizierten Autoren „die Regale frei“. Und können das auch, weil das eBook eben diese nicht braucht.

    Unsere Antwort auf die Entwicklung ist http://www.neobooks.com – hier sehen wir schon heute an den tausenden Autoren, die dort aktiv sind, dass das Thema virulent ist.

  3. Toller Beitrag! Auch ich sehe Self-Publishing nicht als einziges Zukunftsmodell des Verlagswesens, bin aber der festen Überzeugung, dass das Thema auch in Deutschland noch deutlich an Fahrt gewinnt.

    Ganz nebenbei: Auch abseits der Nischenthemen und Hypes bietet Self-Publishing schon jetzt Potenzial – Autoren wie Jens Bergmann beweisen dies. Die Tatsache, dass zum jetzigen Stand 12 der Top-50 eBooks bei Amazon.com von Self-Publishern sind, lässt mich darauf schließen, dass Branchenvertreter wie Herr Honnefelder (http://newsroom.epubli.de/autoren/das-ard-nachtmagazin-uber-epubli-und-den-autor-jens-bergmann-auf-der-leipziger-buchmesse/ ab Minute 2:04) inhaltlich nicht auf der Höhe der Zeit sind. Aber schon Kaiser Wilhelm hat auf das Pferd gesetzt und dem Automobil nur eine vorübergehende Erscheinung vorausgesagt 😉

  4. Bitte die ersten vier Links korrigieren ;o).

    Im Übrigen stimme ich Ihnen weitgehend zu. Es ist derzeit interessant zu beobachten, wie das Thema Selbstverlag grade auch in den einschlägigen Internetforen wie z.B. mobileread.com und lesen.net immer mehr Gewicht bekommt. Und grade der Blick in das englischsprachige Hauptforum von mobileread.com gibt einen eindrucksvollen Blick darauf frei, wie sehr dieses Thema in den USA bereits an Gewicht gewonnen hat.

  5. Die „kleine Diskussionsrunde“ bestätigt vor allem den „Halo-Effekt“.

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