Alle paar Jahre braucht man einen Bestseller

Für die Einzelkämpfer in der Verlagsbranche ist der Kurt-Wolff-Preis ein wahrer Segen: Die seit 2001 von der gleichnamigen Stiftung mit Sitz in Leipzig verliehene Auszeichnung wirft ein Schlaglicht auf das Programm eines kleinen, unabhängigen Verlags und ist verbunden mit einem warmen Geldregen in Höhe von 26000 Euro.

In diesem Jahr ist der Transit Verlag im Glück. Am 18. März wird der Preis auf der Leipziger Buchmesse an den Berliner Verlag übergeben (13 Uhr, Halle 5, Berliner Zimmer, D 321).

Der Verlag reüssierte 1981 mit einem  Buch über Hausbesetzungen und hat heute ein breit gefächertes Portfolio von Kulturgeschichte über politische Themen bis hin zur Belletristik anbietet. Wichtig für das Überleben seien auch Bestseller, kommentiert Verleger Rainer Nitsche den langjährigen Erfolg: „Alle drei bis vier Jahre braucht man als kleiner Verlag einen Bestseller. Das ist wichtig fürs finanzielle Überleben und hebt das Gemüt“, berichtet Nitsche, wohl wissend, dass ein solcher Erfolg ohne großen Marketingaufwand kaum erreichbar ist. 

Um die Hürde in den stationären Buchhandel besser bewältigen zu können, hat sich der Verlag zum Jahresbeginn mit vier weiteren Verlagen zu einer Vertriebskooperation zusammengeschlossen, die unter belletristischen Verlagen bislang einmalig ist: Unter dem Aristoteles-Motto „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel richtig setzen“, kooperieren die Verlage A1, Assoziation, edition fünf, Edition Nautilus und Transit unter dem Label „buchkoop konterbande“. Warum er auf Kooperationen setzt, erklärt Rainer Nitsche im Interview mit buchreport.

In Ihrer aktuellen Vorschau feiern Sie nicht nur den Kurt-Wolff-Preis, sondern auch 30 Jahre Verlagsgeschichte. Ein Blick zurück in Wehmut?

Nein, überhaupt nicht. Im Prinzip ist es nicht mal ein Blick zurück, weil die Arbeit so intensiv ist, dass mir die Anfänge gar nicht wie eine ferne Vergangenheit vorkommen, sondern wie gerade vorbeigeflogene Gegenwart. Allerdings ist es erstaunlich, mit welcher Naivität wir damals Sachen in die Welt gesetzt haben, die heute keine Chance hätten. Wir haben es aber damals geschafft, mit Titeln, bei denen heute jeder Vertreter sagen würde: Wer soll das um Himmels willen kaufen? Originelle Frechheiten wurden damals noch gern honoriert, sowohl vom Buchhandel als auch von der Presse. Das ist jetzt wesentlich schwerer. Nicht zuletzt auch wegen der gegenwärtigen Verfassung des Buchhandels: Durch die Filialisten hat ja eine starke Reduzierung vor allem des mittleren Sortiments stattgefunden, und dort und beim kleineren Sortiment – also unseren natürlichen Verbündeten – grassiert eine große Verunsicherung. Die Risikobereitschaft ist nicht mehr so vorhanden wie vor zehn, 20 Jahren. 

Was sich nicht so verändert hat, ist die Neugierde der Leser. Das merken wir an Veranstaltungen z.B. in München oder Hannover, wo kleinere Verlage ihre Bücher dem Publikum direkt vorstellen können. Das Interesse an etwas Ausgefallenem oder besonders Gestaltetem ist also prinzipiell da, wird aber vom stationären Sortiment immer weniger bedient. Auf diese Situation haben wir jetzt mit der Gründung der „Konterbande“-Vertriebskooperation reagiert, mit der wir dem Buchhandel ein Bündelungsangebot machen: Wir präsentieren fünf Verlage mit ihren Programmen gemeinsam. Damit sparen alle Zeit und Geld und die Sortimenter bekommen so etwas Besonderes für ihre Kunden.

Entspricht die Reaktion Ihren Erwartungen?

Die Resonanz auf eine vertriebliche Aktion ist jedenfalls viel größer, als es bloße Programm-Werbung wäre. Wir haben zunächst einmal eine große Neugierde bemerkt, sowohl in der Branchenpresse als auch im Buchhandel, was wir da überhaupt machen und zu welchen Konditionen wir unsere Pakete anbieten.

Hätte nicht auch die Kurt-Wolff-Stiftung den offenbar überfälligen vertrieblichen Schulterschluss initiieren können?

Da hat es durchaus Versuche gegeben und auch kleine Erfolge in der Zusammenarbeit mit Barsortimenten. So hält KNV die Titel der in der Kurt-Wolff-Stiftung assoziierten Verlage vorrätig – einerseits in Hinblick auf das veränderte Bestellverhalten der kleinen Sortimenter, die mittlerweile lieber über den Zwischenhändler ordern als direkt beim Verlag, andererseits, um sich in Konkurrenz zu den anderen Barsortimenten zu profilieren. Es gab dann die Idee, ein „Kurt-Wolff-Paket“ anzubieten. Das scheiterte aber letztendlich an der Vielzahl der Verlage, wo schwerlich eine plausible Auswahl der Titel zu treffen gewesen wäre.

Der Weg wäre also der vieler kleiner Kooperationen…

Man sollte es zumindest versuchen. Zumal die „Konterbande“ ja auch nicht als kurzfristige Aktion, sondern als langfristige Zusammenarbeit mit dem Buchhandel angelegt ist, um wieder mehr Abwechslung in die Auslagen zu bringen.

Viele kleine Verlage, vor allem die Neugründungen der letzten Jahre, schlagen den Weg des strengen Layouts ein, um in der Flut der Neuerscheinungen auf sich aufmerksam zu machen. Bei Transit setzt man eher auf einen gemixten Auftritt…

Als Verlag sollte man auf jeden Fall ein eigenes ästhetisches Profil entwickeln, das aber nicht wie eine grafische Zwangsjacke aussehen darf. Eine Breite an Formaten und Gestaltungen macht meines Erachtens eher neugierig, wogegen ein einheitliches Erscheinungsbild schnell ermüden kann und außerdem den unterschiedlichen Temperamenten der Bücher nicht gerecht wird. Es gibt da einige Verlage, die mit einem extrem strengen Korsett angefangen haben, jetzt aber doch anfangen, zu variieren.  

Ist das E-Book vor diesem Hintergrund eher Chance oder Angstobjekt?

Wir haben bereits ein E-Book veröffentlicht, das aber in drei Jahren vielleicht sechsmal verkauft wurde. Die Umsätze, die hierüber generiert werden könnten, kann man mitnehmen, sie sind aber nicht gravierend. Andererseits ist aber nicht wirklich davon auszugehen, dass in den nächsten 20 Jahren die Belletristik oder das Sachbuch in den E-Bereich abwandert, in anderen Segmenten wie Nachschlagewerken und wissenschaftlicher Literatur sieht das natürlich ganz anders aus. 

Branchenintern wird das E-Book unheimlich dramatisiert, aber es wird viel zu wenig differenziert. Teilweise wird ja richtig Panikmache zelebriert. Ob das branchenpolitisch der richtige Weg des Börsenvereins ist, seine Mitglieder an sich zu binden, wage ich zu bezweifeln. 

Insgesamt sehe ich vor allem das Internet eher als Chance für kleine Verlage, ihre Titel breit präsentieren zu können. Amazon ist für uns eine wichtige Buchhandlung geworden, über die vor allem die Backlist-Titel bestellt werden, die es im stationären Sortiment meistens nicht mehr zu sehen gibt.

Die Fragen stellte Nicole Stöcker 

Aus: buchreport.magazin 2/2011.

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