Bei Verlagen herrscht oft blinder Aktionismus

Viele Verlage nutzen den Marktführer Apple als Testwiese, um in den App-Markt einzusteigen. Doch der Markt habe sich weiterentwickelt, inzwischen seien andere Konzepte gefragt, prophezeit Jürgen Fey, Gründer von Androidian, im Interview mit buchreport.de. Er entwickelt Apps für Verlage und andere Unternehmen und berät seine Kunden in punkto Strategie und Umsetzung von Applikationen.

Steve Jobs verkündete freudig: 2011 werde das Jahr des iPad 2 werden. Bei einem Apple-Marktanteil von 80 bis 90% im Tablet-Bereich wird es Android nicht leicht haben…

Dass Apple mit großem Abstand Marktführer im Tablet-Bereich ist, ist nicht zu bestreiten. Es wird Jahre dauern, bis die Konkurrenz den aktuellen Vorsprung von Apple eingeholt hat, langfristig werden sich die Marktanteile natürlich verschieben, Denn Apple hat ernst zu nehmende Konkurrenz bekommen, es gibt zahlreiche Geräte in tollem Design, die sicherlich viele Kunden ansprechen.

Und im Smartphone-Bereich?

Vor drei Jahren habe ich gewettet, dass Android zwei bis drei Jahre braucht, um Apple zu überholen, diese Wette habe ich gewonnen. Inzwischen hat Android 29% des Smartphone-Kuchens, Apple und Blackberry jeweils 27%.  

In welchen Märkten lassen sich neue Trends zu entdecken?

Vor allem in China brodelt es. Dort gibt es über 1000 Handy-Hersteller, von denen bisher noch 998 für den lokalen Markt arbeiten, außerdem zahlreiche viel versprechende Tablet-Anbieter. Was passiert, wenn der chinesische Markt gesättigt ist?  

Viele Verlage nutzen Apple als Testwiese und setzen auf den Marktführer, um in den App-Markt einzusteigen. Warum sollten sie schon zu Beginn auch auf Android setzen?

Ganz einfach, weil man an Android im mobilen Bereich nicht mehr vorbei kommt. Das iPhone war Trendsetter, Apple hat mit großem Paukenschlag eine Lawine ausgelöst. Im ersten Jahr war es eine einfache Entscheidung, nur auf Apple zu setzen, inzwischen verändert sich der Markt zugunsten der Konkurrenten.

Sollten Verlage nicht eher auf Tablets und große Displays setzen als auf Smartphones?

Momentan gehen viel mehr Leute mit ihrem Smartphone ins Internet als mit einem Tablet. Wer sich die Statistiken anschaut, sieht schnell, dass im Smartphone-Bereich momentan mehr zu holen ist, als im Tablet-Markt. Nur ist das kleine Display für Verlagsprodukte weniger geeignet, die Kunden wenden sich zunehmend dem Tablet zu. Problem ist, dass die Apps immer speziell für das jeweilige Gerät – Tablet oder Smartphone – entwickelt werden müssen und nicht 1:1 übertragbar sind.

Es wird ja oft behauptet, dass Apple-Kunden kaufkräftiger wären, als Android-Kunden…

Das stimmt und wurde mehrfach belegt. Dennoch, so einfach ist der Markt nicht mehr:  Manche Android-basierten Tablets sind ja teurer als das iPad. Und Apple-Chef Steve Jobs betont ja immer wieder, dass Apple weg will von den reichen Kunden. Auf lange Sicht könnte sich also auch das derzeitige Kundenprofil hinsichtlich der Kaufkraft verändern.

Wie aufwändig ist es, ein Angebot direkt für beide Systeme zu entwickeln?

Im nativen Umfeld haben iOS und Android nichts miteinander zu tun. Eine Portierung kommt einer Neuentwicklung gleich, zumal auch die Nutzung anders angelegt ist. Das Hinzukommen von neuen Gerätefamilien wie Tablets, TV-Lösungen, Auto-Plattformen erschwert eine generelle native Lösung auch für eine einzelne Plattform.

Wie können mehrere Plattformen bedient werden?

Der sinnvolle Trend ist längst bei den browser-basierten Apps auf Basis von HTML5 angekommen, auch wenn sich diese Sichtweise im Management natürlich noch nicht überall etabliert hat. Will man tatsächlich alle Tablets nativ unterstützen, schafft man einen Kreislauf, aus dem man nicht mehr herauskommt. Schließlich ist es mit einer einmaligen Entwicklung nicht getan: Wird eine neue Version des Betriebssystems auf den Markt gebracht, muss die App häufig erneuert werden. Bietet man dann zehn Versionen gleichzeitig an, hört der Spaß schnell auf, entsprechende Ressourcen können kaum vorhanden sein.

Einzig die Frage der Vermarktung über den AppStore/Market scheint ein valider Punkt zu sein. Diesen Bedarf kann man mit Hilfe einer Hybrid-Lösung jederzeit erfüllen. In diesem Fall wird ein Container um die webbasierte App programmiert, der den Browser innerhalb der App öffnet und die Web-App lädt.

Apple hat kürzlich Verleger verärgert, weil das Unternehmen es nicht mehr erlaubt, durch einen Link innerhalb einer App auf einen externen Shop zu verweisen. Wie ist dies bei Android geregelt?

Eine solche Restriktion gibt es nicht, der Vertrieb ist bei Google offener. Bei browserbasierten Apps tritt das Problem gar nicht auf, Hybridversionen müssten entsprechend angepasst werden.

Ungeachtet der Tablets und Smartphones: Welche Märkte sind für Verlage außerdem interessant?

Viele Verlage haben nicht auf dem Radar, dass auch Autos oder Fernseher interessante Plattformen bieten. Jeder dritte neue Fernseher ist inzwischen internetfähig, Widgets fürs Fernsehen sind ein interessanter Markt. Auch diesen kann man mit Browser-Anwendungen bedienen. Auch in Autos lässt sich Content abrufen, auch wenn hier der Markteintritt schwieriger ist. Je nach Zielgruppe bieten sich auch Konsolen an, wie die Playstation 3 oder die Wii, Konsolen haben jedoch ihre eigenen Gesetze, die beachtet werden müssen.

Was raten Sie den Verlegern?

Oft herrscht blinder Aktionismus: Viele Verleger wissen, dass sie was machen sollten, bezahlen eine Agentur, haben aber kein Konzept und keine Strategie. Eine Applikation muss eingebettet werden in das Gesamtprogramm des Verlags. Blind loszulegen, kann nur nach hinten losgehen. Umgekehrt verschlafen viele Verlage wichtige Trends und Umbrüche, indem sie viel zu lange abwarten und nichts tun.

Möglichkeiten und Perspektiven webbasierter Apps stellt Jürgen Fey im Rahmen des Kongresses „Content meets Technology“ am 22. März 2011 vor.

Die Fragen stellte Lucy Kivelip.

Kommentare

1 Kommentar zu "Bei Verlagen herrscht oft blinder Aktionismus"

  1. Sebastian Fleige | 7. März 2011 um 6:28 | Antworten

    Herr Fey hat absolut recht mit dem, was er sagt. Ein Umdenken muss zuerst in den Köpfen der Verleger stattfinden. Es ist leider schon lange nicht mehr 5 vor Zwölf bei den Verlagen. Die Uhr tickt unaufhörlich.

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