Der Medienwandel ist ein einziger Impulsgeber

Die Digitalisierung der Fachinformation hat die Arbeit von vielen Beschäftigten in den RWS-Verlagen radikal verändert. Auf Anfrage von buchreport erklären Top-Manager aus RWS-Verlagen, wie sich die Entwicklung auf die Personalpraxis in den Unternehmen auswirkt.

„Führen die neuen Herausforderungen durch Medienwandel und neue Vertriebsstrukturen zu einem Job-Boom in den RWS-Verlagen?“, fragte buchreport. Zurückhaltend antwortet darauf etwa Felix Hey, Geschäftsführer des Verlags Dr. Otto Schmidt: „Von einem Job-Boom zu sprechen wäre möglicherweise übertrieben, aber man kann doch erwarten, dass sich immer wieder neue Beschäftigungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen ergeben werden.“

Fakt ist aber: Die Anforderungen an die Mitarbeiter der RWS-Verlage haben sich verändert – und vor allem vergrößert. „Produktmanager sollten heute nicht nur eine hohe Medienkompetenz, sondern auch großes technisches Verständnis mitbringen“, nennt etwa Walhalla-Geschäftsführer Bernhard Roloff als Beispiel.

Die gestiegenen Anforderungen an potenzielle Bewerber formuliert Joachim Schmidt aus der Geschäftsführung des Erich Schmidt Verlags prägnant: „Beherrschung des Umgangs mit Inhalt und Technik zugleich. Denken über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg, effiziente Bewältigung der Arbeitsaufgaben, hohe soziale Kompetenz.“

Insgesamt ist vom früheren Bild der dynamikarmen Fachinformationsbranche nicht viel übrig: „Über einen Mangel an neuen Impulsen kann unsere Branche nun wirklich nicht klagen.“, fasst De Gruyter-Chef Sven Fund prägnant zusammen.

Alle Antworten auf die buchreport-Umfrage:

Bernhard Roloff, Geschäftsführer Walhalla Fachverlag

Führen die neuen Herausforderungen durch Medienwandel und neue Vertriebsstrukturen zu einem „Job-Boom“ in den RWS-Verlagen?
In der Tat führten die vielfältigen Herausforderungen des Strukturwandels zu neuen Arbeitsbereichen in den RWS-Verlagen. Die Entwicklung beschleunigt sich vermutlich, da die mehrmediale Aufbereitung von Fachinformationen für spezielle Zielgruppen und spezifische Anwendungen noch mehr qualifizierte Mitarbeiter erfordert.

Wie stark verändern sich die Berufsbilder in den Bereichen Redaktion/Lektorat und Vertrieb?
Produktmanager sollten heute nicht nur eine hohe Medienkompetenz, sondern auch großes technisches Verständnis mitbringen. Sie müssen eine eher breit gefächerte Ausbildung absolviert haben. Der Vertrieb diversifiziert nach unterschiedlichen Medienkanälen. WALHALLA hat neben den Abteilungen Buchhandels- und Direktvertrieb auch eine Vertriebsabteilung für elektronische Produkte, insbesondere für Online-Datenbanken, eBook-, App- und Internet-Verkauf; hier werden Kunden auch technisch und inhaltlich beraten.

Welche Anforderungen sind besonders gefragt?
Produktmanager kennen in der Regel ihre Zielgruppen sehr gut, um qualifizierte Fachinformationen in der Zeitschrift,  im Fachbuch, Special Interest-Ratgeber oder Loseblattwerk anzubieten. Die neue Anforderung an sie besteht heute darin, für die jeweilige Medienart das medienkonforme Informationsangebot zu entwickeln. Eine Online-Datenbank bietet umfassendere (häufig zusätzliche) Inhalte als etwa ein Loseblattwerk. Eine „App“ im Mobiltelefon sollte hingegen  reduzierte Texte mit intuitiver Führung anbieten. Auf dem iPad wird der Text ergänzt um Grafiken, Tabellen oder Videosequenzen. All das verlangt Medienkompetenz, um den Inhalt optimal für die jeweilige Nutzersituation aufzubereiten.

Gibt es genügend qualifizierte Bewerber?
Unser Fachverlag begleitet bzw. veranstaltet seit 16 Jahren einen Wettbewerb, dessen Ergebnisse jährlich im „Annual Multimedia – Jahrbuch für Digital Marketing“ veröffentlicht werden. Hier melden sich Designer, Programmierer, Agenturmitarbeiter und Studenten. Wir konnten erfahren, dass es eine außerordentlich große Anzahl kreativer und sehr gut ausgebildeter Personen gibt, die allerdings nicht auf die Verlagsbranche fokussiert ist. Vor allem aus dieser Gruppe akquirieren wir unsere Mitarbeiter.

Gibt es entsprechende Fortbildungsangebote?
Es mangelt nicht an Fortbildungsangeboten (zum Teil zu erstaunlich hohen Preisen). Allerdings ist zu fragen, ob die Welten auf diese Weise wirklich zusammenwachsen. Wir suchen eher Kolleginnen/Kollegen, die bereits aufgrund ihres Studiums / ihrer Ausbildung den elektronischen Medien und der Informationstechnik nahe stehen.

Welche Chancen gibt es für Branchenfremde ohne Verlags-/Buchhandelshintergrund?
Alle.

Eröffnet das auch für den Verlag neue Impulse?
Sicherlich, Change Management ist für WALHALLA nichts Neues. Wir lassen uns gerne von anderen Branchen inspirieren und beschränken im Übrigen die Veränderungen nicht allein auf Redaktion und Vertrieb, auch die Abläufe in Produktion und Logistik, IT-Abteilung und Buchhaltung orientieren sich eher an innovativen Industrieunternehmen als an der Verlagsbranche.

Sven Fund, Geschäftsführer Verlagsgruppe De Gruyter

Führen die neuen Herausforderungen durch Medienwandel und neue Vertriebsstrukturen zu einem „Job-Boom“ in den RWS-Verlagen?
Einen Job-Boom sehen wir nicht, die Aufgaben von Verlagen haben sich ja nicht schlagartig vermehrt, sie ändern sich inhaltlich derzeit stark. Daher besteht die Herausforderung in einer Weiterqualifikation der Kolleginnen und Kollegen in diesen Veränderungsbereichen.

Wie stark verändern sich die Berufsbilder in den Bereichen Redaktionen/Lektorat und Vertrieb?
Insbesondere ändern sich Berufsbilder mit Blick auf technische Aspekte. Das Arbeiten mit komplexen Redaktionssystemen und die Vorbereitung von xml-Daten bereits im Entstehungsprozess der Inhalte eröffnen neue Perspektiven, was für die Erschließung dieser Inhalte enorme Vorteile für die Nutzer bietet. Das hat Konsequenzen für den Vertrieb dieser Produkte, der deutlich erklärungsbedürftiger wird. Über eins sollten all die Veränderungen aber nicht hinweg täuschen: Lektoren brauchen weiterhin die enge Bindung zu ihren Autorinnen und Autoren, um qualitativ hochwertige Inhalte mit Nutzwert akquirieren zu können. Und Verkäufer müssen weiterhin verkaufen können.

Welche Anforderungen sind besonders gefragt?
In einer Phase massiver Veränderungen eines Marktes wie der von Verlagen – und dieses sowohl auf Seiten der Kundenerwartungen als auch der technischen Möglichkeiten -, sind neben fachlichen Kompetenzen vor allem Veränderungsbereitschaft und die Offenheit zum Experiment gefragt. Wir können Berufseinsteigern heute nicht mehr, wie es noch die letzte Verlegergeneration konnte, voraussagen, wie ihr Arbeitsplatz bei Renteneintritt aussieht. Das als Chance und nicht als Unsicherheit zu verstehen, ist die Herausforderung.

Gibt es genügend qualifizierte Bewerber?
Grundsätzlich ja, allerdings scheint mir gerade im RWS-Bereich der Pool an talentierten Führungskräften, die Mitarbeiter begeistern und Programme entwickeln können, eher gering.

Gibt es entsprechende Fortbildungsangebote?
Wir kombinieren externe Fort- und Weiterbildungsangebote mit internen, um Kolleginnen und Kollegen für die Herausforderungen im neuen medialen Umfeld optimal vorzubereiten.

Welche Chancen gibt es für Branchenfremde ohne Verlags-/Buchhandelshintergrund?
Quereinsteiger im Lektorat tun sich meiner Beobachtung nach schwer, insbesondere im RWS-Bereich. Ich denke, dass nur inhaltlich qualifizierte Lektorinnen und Lektoren kompetente Gesprächspartner von Autoren sind. Im Vertrieb sehe ich gute Chancen für Branchenfremde.

Eröffnet das auch für den Verlag neue Impulse?
Über einen Mangel an neuen Impulsen kann unsere Branche nun wirklich nicht klagen. Dass neben unseren Kunden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der zentrale Treiber dieser Veränderungen sind, ist deutlich. Darum investieren wir substanziell in Personal.

Felix Hey, Geschäftsführer Dr. Otto Schmidt Verlag

Führen die neuen Herausforderungen durch Medienwandel und neue Vertriebsstrukturen zu einem „Job-Boom“ in den RWS-Verlagen?
Von einem Job-Boom zu sprechen wäre möglicherweise übertrieben – aber man kann doch erwarten, dass sich immer wieder neue Beschäftigungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen ergeben werden. Die Nachfrage nach engagierten Mitarbeitern und Führungskräften wird stetig vorhanden sein.

Wie stark verändern sich die Berufsbilder in den Bereichen Redaktionen/Lektorat und Vertrieb?
Die Produkte werden in der Konzeption und in der Vermarktung komplexer. Die Anforderungen an die Mitarbeiter werden dem Rechnung tragen. Noch stärker als bisher werden die Verlage die Entwicklung medienübergreifender Strategien erwarten. Das gilt für die Produktentwicklung und den Vertrieb gleichermaßen. Entscheidend ist die Bereitschaft, sich auf solche neuen Herausforderungen aktiv und ideenreich einzulassen.

Welche Anforderungen sind besonders gefragt?
Neben dem fachlichen und technischen Know How, dass angesichts der Spezialisierung und der Digitalisierung immer wichtiger wird, setzen wir vor allem eine hohe Kommunikationsstärke und eigenständiges Handeln voraus.

Gibt es genügend qualifizierte Bewerber?
Grundsätzlich kann man das bejahen, allerdings stehen die Verlage in starkem Wettbewerb mit anderen privaten und öffentlichen Arbeitgebern, die gerade den von uns gesuchten Kandidaten ebenfalls interessante Beschäftigungsmöglichkeiten bieten.

Gibt es entsprechende Fortbildungsangebote?
Das ist nach meiner Einschätzung nur in sehr eingeschränktem Umfang der Fall. Wir müssen daher in erster Linie unsere Mitarbeiter selber im Unternehmen weiter entwickeln.

Welche Chancen gibt es für Branchenfremde ohne Verlags-/Buchhandelshintergrund?
Da unsere Branche der Verlage im Bereich Recht + Steuern vergleichsweise klein ist, werden Branchenfremde mit Praxiserfahrung aus unseren Zielgruppen immer gute Chancen haben.

Eröffnet das auch für den Verlag neue Impulse?
Angesichts des hohen Wettbewerbsdrucks bietet externes Know How, insbesondere aus den von uns adressierten Zielgruppen stets Impulse, die wir von Bewerbern auch erwarten.

Joachim Schmidt, Verlag Erich Schmidt

Führen die neuen Herausforderungen durch Medienwandel und neue Vertriebsstrukturen zu einem „Job-Boom“ in den RWS-Verlagen?
Ingesamt auf die Dauer nein, denn die Erfordernisse zur Crossmedia-Publikation weiten nicht automatisch das Geschäft aus.

Wie stark verändern sich die Berufsbilder in den Bereichen Redaktionen/Lektorat und Vertrieb?
Die Berufsbilder werden sehr viel integrierter angelegt: Die gleichzeitige Verknüpfung inhaltlicher und technischer Kompetenz sowie die Verknüpfung von Produktions- und Vertriebskompetenz.

Welche Anforderungen sind besonders gefragt?
Beherrschung des Umgangs mit Inhalt und Technik zugleich, Denken über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg, effiziente Bewältigung der Arbeitsaufgaben, hohe soziale Kompetenzen

Gibt es genügend qualifizierte Bewerber?
Nein.

Gibt es entsprechende Fortbildungsangebote?
Kann ich auf die Schnelle nicht sagen.

Welche Chancen gibt es für Branchenfremde ohne Verlags-/Buchhandelshintergrund?
Schwierig, denn ohne gute Inhalts- und Zielgruppenkenntnisse lassen sich Qualitätsinhalte nicht erstellen.

Eröffnet das auch für den Verlag neue Impulse?
Der Medienwandel ist ein einziger Impulsgeber. Die zentrale Herausforderung ist es, neue Anforderungen aufgrund des Medienwandels zu erfüllen, zugleich das Kerngeschäft zu pflegen und sich letztendlich vor dem Hintergrund des rasanten Wandels nicht zu verzetteln.

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