Keine Kalkulation auf unseren Rücken

Wer sich im World Wide Web behaupten will, muss als Spinne, statt als Fliege agieren – mit diesem Leitbild haben die Mitglieder im Verband deutscher Schriftsteller (VS) am vergangenen Wochenende ihren Bundesvorsitzenden Imre Török (Foto) im Amt bestätigt. Auch wenn der Romanautor mit viel Rückenwind in weitere vier Jahre startet (der gebürtige Ungar wurde einstimmig für die 3. Amtszeit gewählt) – auf Török wartet die bis dato schwierigste Periode.

Denn analog zu Töröks Spinnen-Metapher beklagen viele Mitglieder, als Kreative im Netz ausgehungert zu werden. Im Interview mit buchreport.de fordert Török von den Verlagen, bei E-Books mehr Geld an die Autoren auszuschütten.

„Wir wollen die Spinne im Netz und nicht die Fliege sein“, haben Sie in Berlin vorgegeben…
Das Bild vom Urheber als Spinne im Netz bezieht sich nicht nur aufs Internet, sondern auch auf die Vernetzung, die wir mit unserer Öffentlichkeitsarbeit verstärken wollen. Als Schriftsteller wollen wir die inhaltlichen Fäden spinnen und kreative Anstöße geben in gesellschaftlichen Fragen. Dies soll auch auf internationaler Ebene forciert werden, in Kooperation mit dem European Writers Council, dem Zusammenschluss von 57 Schriftstellerorganisationen, bei der Anna Dünnebier den VS im Vorstand vertritt.

War die Spinne in der Vergangenheit zu defensiv?
Nein, sie muss sich aber noch mehr Verbündete suchen. Die Herausforderungen gerade im Internet aber auch bei der Verteidigung des Urheberrechts erfordern internationale Vorstöße. Im deutschsprachigen Raum haben wir besipielsweise mit dem Aktionsbündnis „Fairlag“ unsere Kritik an unseriösen Druckkostenzuschussverlagen thematisiert. Wir wollen in diesem Rahmen klären, welche Akteure sich Verlag nennen dürfen – und welche einen Betrug an der Kreativität begehen.

In Ihrem Verband fürchten einige Mitglieder, als Kreative im Netz ausgehungert zu werden.
Zu Recht, denn es muss uns darum gehen, die Auswirkungen der Digitalisierung dahingehend mitzugestalten, dass dieser Prozess nicht auf Kosten der Schriftsteller geht. Wir fordern auch von der Bundesregierung entsprechende Regeln, damit das Internet zwar weiterhin frei funktionieren kann, aber urheberrechtlich nicht missbraucht wird.

Im vergangenen Jahr haben Sie beim Börsenverein mit einer Überarbeitung des Normvertrags im Hinblick auf die Digitalisierung angeklopft. Was ist daraus geworden?
Wir haben uns bislang ein Mal getroffen und dabei vereinbart, dass beide Seiten den Normvertrag dahingehend abklopfen, was im Hinblick auf die Digitalisierung verändert werden muss. Der VS hat seine Hausaufgaben im Herbst gemacht und Vorschläge an den Verband geschickt, mit der Bitte, zeitnah zu reagieren. Das ist bis dato nicht erfolgt. Herr Honnefelder hat mir zuletzt zugesichert, dass diese wichtige Frage nicht in den Schubladen des Verbands verschwindet wird.

Was fordern Sie konkret?
Das möchte ich noch nicht öffentlich machen, aber wir haben uns im Jahr 2005 bereits mit Vertretern deutscher Belletristikverlage auf gemeinsame Vergütungsregeln für Autoren belletristischer Werke geeinigt. In diese Richtung möchten wir uns auch jetzt orientieren. Besonders die Autoren-Tantiemen bei E-Books müssen deutlich steigen, weit jenseits der Belletristik-Vergütung.

Anders als die Übersetzer agieren Sie in solchen Fragen auffällig leise. Ist das Strategie?
Ja, ich bin ein Langfriststratege und ein unermüdlicher Verhandler. Aber es gibt Grenzen. Ich setze lange auf Verhandlungen, aber wenn es sich abzeichnet, dass wir so nicht weiterkommen, müssen wir knallhart andere Wege beschreiten und ähnlich wie die Übersetzer gerichtlich die Vergütungsfrage klären lassen. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Verleger einsehen werden, dass sie auf die Autoren angewiesen sind. Es darf keine Kalkulation auf dem Rücken der Autoren mehr geben. Die Verleger gehen nicht am Bettelstab.

Warum ist Ihnen die Mindestvergütung so wichtig?
Überall in der Gesellschaft wird darüber diskutiert, dass jede Arbeit eine angemessene Mindestvergütung benötigt, warum sollten gerade die Kreativen außen vor stehen?

Sie haben in der Debatte rund um die verlegerischen Aktivitäten des Agenten Andrew Wylie prognostiziert, dass künftig immer mehr Autoren bei der Vermarktung die Verlage umgehen werden. Welche Folgen wird dies für das Branchengefüge haben?
Ich sehe diese Entwicklung nach wie vor, mit einem weinenden und leicht lachenden Auge. Einerseits sind die Möglichkeiten der Selbstvermarktung immer vielfältiger geworden, weshalb immer mehr Autoren auf verlegerische Unterstützung verzichten. Umso wichtiger ist es für die Verlage, mit dem Schriftstellerverband an gemeinsamen Vergütungsregeln im digitalen Bereich zu arbeiten. Wenn wir aber beim Normvertrag keine gemeinsamen Lösungen finden, werden noch mehr Autoren sagen: Ich probiere es auf eigene Faust. Das ist eine große Gefahr, denn wir als Verband können die Autoren bei der Selbstvermarktung kaum unterstützen.

Wieso nicht?
Das Problem besteht darin, dass wir als Berufsverband auch qualitativ werten müssten, mit wem die Autoren zusammenarbeiten sollen oder nicht. Das kann aber nicht die Aufgabe eines Berufsverbands sein. Allerdings gibt es im VS dazu kontroverse Positionen, beispielsweise in der Frage, ob der Verband nicht selbst als Agentur auftreten solll. Doch dann würde die Solidarität in einem Verband aufgebrochen, in dem alle Mitglieder, von Martin Walser bis hin zu einer jungen Lyrikerin, die gleichen Rechte haben.        

Die Fragen stellte Daniel Lenz

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