Hartwig Schulte-Loh: Lesen in der Matrix

Hartwig Schulte-Loh: Lesen in der Matrix

Ohne Krimi geht die Mimi bekanntermaßen nie ins Bett. Während aber Mimis Schicksal bislang unaufgeklärt geblieben ist, explodierte in den letzten zehn Jahren der Krimimarkt. 2005 hatte die „Spannungsliteratur“ noch einen Anteil von 22,3% an der Belletristik, heute sind es knapp 30%. Doch den stationären Buchhandel interessiert dieser Trend wenig.

Suhrkamp nobilitiert Krimi-Genre

Durch den Einstieg Suhrkamps in den Markt 2009 ist eine Nobilitierung des Genres erfolgt, die es endgültig – aber unbemerkt durch so manchen Buchhändler – aus der Schmuddelecke befreit hat. Selbst der Übervater der intellektuellen Artistik, Theodor W Adorno, hatte eine Leidenschaft für Krimis, wie auch B Brecht, dessen Figuren gewalttätig durch die Städte marodieren und dessen Anleihen an die Trivialliteratur sattsam bekannt sind. Inzwischen hat wahrscheinlich jeder Deutsche Verlag ein Krimiprojekt in der Schublade. Warum auch nicht? Liegt doch der ökonomische Vorteil der risikoarmen Berechenbarkeit von Umsätzen auf der Hand.

Einem Verleger ist es zu danken, das Arthur Conan Doyle seinen Sherlock Holmes + Watson zu Serienfiguren entwickelt hat, die bis heute einen Prototyp des Genres darstellen und zu den meistgelesenen Büchern der Welt gehören. Mithin gehören die Klassiker zum wichtigen „Brot und Butter“-Geschäft vieler Verlage.

Bislang ist es noch nicht dazu gekommen, dass es Geschenkausgaben im Sargcover gibt – aber wer weiß ? Im Zuge der Ausuferung der Non-Book-Quote ist der Phantasie da keine Grenze gesetzt. Immerhin ist auch die Guillotine zum Ende des 18. Jahrhunderts zu einem beliebten Kinderspielzeug geworden.

Buchhandel präsentiert Krimis lieblos

Den stationären Buchhandel interessiert dieser Trend im übrigen wenig. Selbst bei den Filialisten finden sich die phantasielosen A-Z Regale ohne weitere Beschriftung oder Animationen (Information im Amazon-Standard: wer Wallander gut findet, findet auch van Veeteren von Håkan Nesser gut), keine Krimi-Klassikerregale, keine Sekundärliteratur (Gerichtsmedizin, Profiling), kaum Biographien, keine Zusatzpräsentation von DVDs und nicht zuletzt: keine über die Bestseller hinausgehenden Kenntnisse von Autoren, Titel und Inhalte. Da freut sich der Internethandel.

Leider sind auch Veranstaltungen mit Krimiautoren, heißen sie nicht gerade Mankell oder Leon, schwierig. Es scheint fast so, als wollte der Leser sich nicht in seiner Zweisamkeit stören lassen. Vielleicht brauchen auch Krimis andere Veranstaltungskonzepte. Ein Weg sind die vielen erfolgreichen Krimifestivals.

Romanlektüre kompensiert Mangel an Gefahren im Alltag

Tess Gerritsen hat mal in einem Interview gesagt, dass ihre Leser vornehmlich Frauen seien. Das ist durchaus bemerkenswert, da die Opfer der einschlägigen Serienmörder ausnahmslos Frauen sind. LeserInnen sind also überwiegend Masochisten? Dieser Befund würde bei so manchen Texten, die uns zugemutet werden, kaum jemanden wundern.
Auffällig ist auch, dass Wallander und Salander ihre Entstehung dem Land Schweden mitverdanken, dessen Staatsphilosophie bekanntermaßen die existentielle Langeweile ist.

Nicht ohne Grund entsteht der Krimi mit der bürgerlichen Gesellschaft, die durch Gesetze und Polizeistrukturen das Gewaltmonopol des Staates im 19. Jahrhundert durchzusetzen beginnt. Der Alltag wird ungefährlicher und der Zivilisationsdruck macht aus dem Säbelzahntiger einen Bettvorleger. Der Roman bietet nun die lustvolle Möglichkeit, verschontes Opfer, unschuldiger Täter und Retter gleichzeitig zu sein. Diese Form der individualisierten Wahrnehmung einer Geschichte ist in dieser Komplexität, allein dem Buch vorbehalten.

„In zehn Jahren ist die Hälfte aller verkauften Bücher Belletristik“

Deshalb wird die Kompensation realer Lebensdefizite durch Geschichten zukünftig zunehmen. Auch das Erleben von Liebe zum Beispiel wird sich verstärkt im Kopfkino abspielen, soziale Deklassierung hinweggeträumt (was vielleicht die Rückkehr des Arztromans zur Folge haben wird). Die emotionale Versandung des realen Lebens wird die geistige Prothetikindustrie vorantreiben.

So kehrt die Buchwelt zurück zum Gewerbe der Geschichtenerzähler und Moritatensänger und überlässt den rationalen Diskurs den modernen Mönchen.

Ich wage die Prognose, dass in zehn Jahren die Hälfte aller verkauften Bücher belletristischer Natur sein werden. Lesen in der Matrix.

Hartwig Schulte-Loh war Geschäftsführer beim Berliner Kulturkaufhaus Dussmann und zuletzt Berater der Edel AG im Musikgeschäft. Aktuell lässt er sich zum Coach ausbilden und berät Firmen mit seinem Unternehmen Buchnet.

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