Unabhängigkeit ist kein Freifahrtschein ins Jammertal

Der Vorstoß von Carel Halff in der Konditionendebatte und die teilweise heftigen Reaktionen beschäftigen weiterhin die Branche. Besonders die Kritik des Sortimenter-Bunds AUB an den Verlagen polarisiert.

buchreport.de dokumentiert Stimmen zur Diskussion:

„Unabhängigkeit ist kein Freifahrtschein ins Jammertal

Martina Bergmann, Buchhändlerin aus Borgholzhausen

Ich finde die Konditionenklage der AUB völlig verfehlt, denn sie ist weder ein sachlicher Diskussionsbeitrag, noch eröffnet sie überhaupt eine Diskussion, die zu führen nötig scheint. Ich kaufe, um ein Beispiel zu geben, für mein (sehr) kleines Sortiment an einem (sehr) kleinen Ort bei den gescholtenen Publikumsverlagen mit nicht einmal 10% Rabattdifferenz zur Höchstgrenze ein. Das ist komfortabel, und dabei stehen meine Abverkaufszahlen gewiss in keiner Relation zu denen der Filialisten in Bielefeld und Osnabrück.

Eine Diskussion, die demgegenüber dringend erforderlich scheint, müsste sich neuen Chancen am Markt widmen, die für kleine Buchhandlungen entstanden sind. Wenn die vielfach ausgerufene Unabhängigkeit häufiger als das begriffen würde, was sie tatsächlich ist, nämlich als Gestaltungsfreiheit, und nicht als Freifahrtschein ins Jammertal, dann könnte rechts und links der Buchkaufhäuser eine Qualitätsoffensive gestartet werden. Um Beratungskompetenz müsste es da gehen, um die Handlungsspielräume des Kulturdienstleisters vor Ort, insbesondere aber um Freundlichkeit und Servicebereitschaft. Ein Klagekarma strahlt nach außen, und kein Kunde kauft, wo der Verkäufer maunzt und mosert.“

„Die Buchhandelslandschaft wird irgenwann so monoton geworden sein, dass die derzeitige Rechtfertigung der Preisbindung  entfallen

Karl Schade, München

Die Verlage gestalten die Handelslandschaft nicht bewusst aber faktisch durch das Gewähren unterschiedlicher Konditionen. Große Abnehmer bekommen nun einmal im Handel höhere Rabatte und Werbekostenzuschüsse, während kleinere sich mit Standardkonditionen zufrieden geben müssen. Durch die Buchpreisbindung müssen sie denselben Endverbraucherpreis nehmen. Dass da bei den Großen mehr Marge hängen bleibt und mehr Geld in 1A-Flächenpräsenz und Werbung investiert werden kann, sorgt für die Dynamik der Konzentration. Diese zu stoppen wäre nur möglich durch eine Buchpreisbindung über sämtliche Handelsstufen, die auch das Verbot von Werbekostenzuschüssen umfassen müsste. Aber wer will so etwas? Die bessere Präsenz der Bücher in den Großformen des Buchhandels kommt ja auch den Verlagen zugute. Nur, irgendwann wird die Buchhandelslandschaft so monoton geworden sein, dass die derzeitige Rechtfertigung der Preisbindung durch die kulturelle Vielfalt entfallen und das Buch auf Bestseller reduziert zur Supermarktware werden wird. Dann sind auch die heutigen Buchhandelsketten am Ende. Wer das nicht glauben will, schaue nach England.

„Es wäre erfreulich, wenn Sie einmal agieren würden, als nur immer zu reagieren

Marc Lauer, Barsinghausen

Um diese Diskussion wieder auf die Füsse zu stellen, ist es wichtig, dass sich jeder an die eigene Nase fasst. Verlage optimieren Inhalte, Verpackung, Vertriebswege und auch einmal Konditionen im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten. Kleine Verlage sind hier oft flexibler als große.

Sortimente und Filialisten vermeiden mit der Konditionenspritze die eigenen Probleme bei Organisation, Personalauswahl und/oder Personaleinsatz kurieren zu wollen. Zumdem wäre es erfreulich, wenn Sie, ob in Einkaufsgemeinschaften organisiert oder auf sich allein gestellt, einmal agieren würden, als nur immer zu reagieren und zwischen Basel 2 und den Media Control Daten in die innere Emigration zu gehen. Die Kunden dürfen den Mut auf beiden Seiten dann auch gern honorieren.

„Wir haben weder den Strukturwandel ausgelöst noch das E-Book erfunden, noch dem Buchhandel eine Flächenexpansion aufgenötigt

Rowohlt-Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff

Die Handelslandschaft ist gar nicht das Thema der Verlage. Es wird leider zu viel auf andere gezeigt. Ein weiteres aktuelles Beispiel ist die jeweilige Strategiesuche der Verlage und der Buchhändler rund um das Thema Digitalisierung. Auch da ist zu hören, wir Verlage kümmerten uns vorrangig um uns und nicht darum, wie der Buchhandel mit digitalen Medien umgehen soll. Da fragt man sich: Wer soll wessen Hausaufgaben machen? Die Verlage müssen klar sagen: Wir haben weder den Strukturwandel ausgelöst noch das E-Book erfunden, noch dem Buchhandel eine Flächenexpansion aufgenötigt. Wichtiger als das momentane „Finger-Pointing“ ist doch die Suche nach gemeinsamen Antworten auf große Herausforderungen. “
Hier das ausführliche Interview mit Peter Kraus vom Cleff

„Wir haben uns von den Ketten nichts abpressen lassen“

Peter Kern, Kern Verlag, Regenburg

„Kleine Verleger, wie ich einer bin, haben sich von den großen Ketten nichts abpressen lassen, weil die Konzernhändler mit Leuten wie mir ja gar nicht erst reden.  Das sind also Rabattgeschäfte zwischen Konzernen und Großunternehmen. Wenn sich ein Konzernverlag zuviel Rabatt abquetschen lässt, sieht man, dass es dort nicht um das Buch geht, sondern einzig um den Quartalsprofit. Dieses Geschäftsmodell aber geht seinem Ende entgegen, denn weder Natur noch Kultur ertragen diese kategorische Dummheit auf Dauer.
Gespannt bin ich, ob die kleinen Buchhändler dann auch mal von den kleinen Verlagen was ins Sortiment nehmen. Diese Bewegung fehlt mir nämlich auch gänzlich. Man kann also auf alle Seiten bedenklich blicken.“

„Höchste Zeit für deutliche Worte“

Klaus Deichmann, Buchhändler aus Bensheim

„Es war sicher höchste Zeit, dass da von der AUB mal ein deutlicheres Wort in die entsprechenden Richtungen gesagt worden ist. Ganz offensichtlich ist mit zaghafter Leisetreterei, die schon seit Jahren ohne sichtbaren Nutzen war, kein Hund hinter dem Ofen hervorzulocken. Wie war das doch mit den groben Klotz und dem Keil? Natürlich im übertragenen Sinn.“

„Keine Konditionskämpfe für schlechter verkaufte Bücher“

Joachim Kaps, Tokyopop Verlag, Hamburg

„Noch ließe sich alternativ vielleicht darüber nachdenken, ob nicht doch mit gemeinsamen Anstrengungen für besser verkaufte Bücher für alle mehr erreicht wäre als mit Konditionskämpfen für schlechter verkaufte Bücher. Es könnten ja durchaus beide Seiten etwas aus anderen Märkten lernen.“
Hier die kompletten Ausführungen von Kaps

„Ironie beflügelt

Lutz Herberg, Bargteheide

„,Ironie‘ und ,Sarkasmus‘ (wie buchreport.de den offenen Brief der AUB richtig charakterisiert) beflügeln oftmals notwendige und sonst nicht stattfindende Debatten.“

„Buchhandel krankt an unrentablen Großflächen“

Rainer Brandl, Karlsruhe

„Der stationäre Buchhandel braucht keine höheren Margen; der stationäre Buchhandel krankt an unrentablen Großflächen, entstanden durch einen unklugen und maßlosen Verdrängungswettbewerb. Ebenso benötigen kleinere und mittlere Unternehmen keine Erhöhung der Margen, weil Sie keine Aktionäre befriedigen und auch keine Expansionen finanzieren müssen.  Der stationäre Buchhandel benötigt ebenfalls keine Wohlfühlwellnessbuchhandlungen, sondern ein mehr an guten Autoren und Verlagen, die mit einer soliden und gerechten finanziellen Grundlage dafür Sorge tragen können, dass auch weiterhin Qualität in den Regalen zu finden ist.“

„Alle Verlage über einen Kamm geschoren“

Mo Edelberg, Dortmund

„Ich finde es bedauerlich, dass hier alle Verlage über einen Kamm geschoren werden. Es gibt die großen Publikumsverlage, Verlage mittlerer Größe und viele, viele Klein-, Kleinst- und Miniverlage. Gerade die Vertreter der letzten Gruppe sind nur selten in der Lage, sich im Buchhandel zu platzieren. Warum? Weil die von den Ketten geforderten Konditionen nicht umsetzbar sind.

Leider verhält sich aber das Gros der ,unabhängigen Buchhändler an der Ecke‘ auch nicht viel besser als die großen Buchhandelsketten. 40, 50, 60 Prozent Rabatt werden gefordert. Und natürlich portofreier Versand. Auf die Verhältnismäßigkeit der Forderungen (von gewissen Gesetzeslagen einmal ganz zu schweigen …) wird nicht geachtet. Dabei bieten gerade die Kleinverlage dem ,kleinen‘ Buchhändler die Möglichkeit, Nischenliteratur zu entdecken und damit selbst eine Nische zu besetzen, die von den bestsellerorientierten Ketten nicht wahrgenommen wird. Sehr wohl aber von den Kunden.“

„Schlechte Beratung im stationären Buchhandel“

Alfons Th. Seeboth, Autor aus Syke

„Meines Erachtens benötigt der stationäre Buchhandel keine höheren Margen. Höhere Margen würden zwar zum Teil dem stationären Buchhandel erreichen, aber viel mehr dem Online-Handel höhere Gewinne bringen. Denn wer soll am Ende beaufsichtigen, wo die Bücher verkauft werden?

Der stationäre Buchhandel krankt an schlechter Beratung und den Unwillen dem Kunden die Bücher zu bestellen, die er verlangt. Desweiteren setzen viele Buchhändler primär auf Bestsellerlisten und große renommierte Verlage. Gerade das, was auch die großen Ketten wie Weltbild und Thalia anbieten. Kleine und mittlere Unternehmen sollten mehr über den Tellerrand schauen und ihr Sortiment soweit erweitern, um sich von den großen Anbietern abzuheben. Dabei können Events wie Lesungen und Buchpräsentationen der Schlüssel sein. Jungen deutschen Autoren eine Chance bieten, sollte in den Vordergrund gestellt werden. (…) Die kleinen Buchhandlungen haben gegenüber den großen Ketten einen klaren Vorteil. Sie können ihren Kunden alles bestellen, was er verlangt. Dieses gibt es zb. bei Thalia und Weltbild nicht. Selbst wenn ein Titel bei zb. Weltbild im Online-Shop angeboten wird, werden Kunden oftmals wieder weggeschickt, mit der Begründung, dieser Titel ist nur online zubestellen.

Will der stationäre Buchhandel auf langer Sicht überleben, muss er umdenken und mehr zum Dienstleister werden.“

Weitere Stimmen u.a. von Peter Kraus vom Cleff, Vorstandsmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Publikumsverlage, im aktuellen buchreport.express 6/201

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