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Postskriptum: Vergleichbar mit Vögeln

Mit seinem Auftritt im Berliner Naturkundemuseum hinterließ der amerikanische Romancier und passionierte Vogelbeobachter Jonathan Franzen (Foto) lesbaren Eindruck bei „Welt“-Kolumnist Eckhart Fuhr. Der schreibt: „Interessant fand ich, welche Ähnlichkeit Franzen zwischen dem Schreiben und dem Beobachten von Vögeln sieht. Für beides sei der frühe Morgen die beste Zeit. Das heißt also, dass man sich für eines entscheiden muss.“ Aha. Ich persönlich finde an Franzens Vergleich viel interessanter, dass er erklärt, warum bei manchen Autoren literarische Höhenflüge und bei anderen nur Gezwitscher herauskommt.  

Anfang: Ansprechend

Ein wahres Prachtexemplar von einem Romananfang, gefunden in „Ich bin ein Genie und unsagbar böse“ von Josh Lieb (gerade erschienen bei cbj): „Eines Tages werdet ihr darum betteln, mir die Füße lecken zu dürfen. (Ich werde mich barfuß in einen dampfenden Hundehaufen stellen, um es noch ekelhafter zu machen.) Und wenn ich guter Laune bin und mich die dämlichen Tränen eurer verzerrten Gesichter nicht allzu sehr anwidern, werde ich euch tatsächlich die Ehre erweisen, meine Füße sauber lecken zu dürfen – auch wenn ihr es nicht verdient. Aber all das ist Zukunftsmusik. Im Moment gehe ich in die siebte Klasse.“  

Verblichener: Verwertet

Nach dem Ableben der Orakel-Krake Paul aus dem Sea Life Center in Oberhausen hat der FinanzBuch Verlag sofort die letzte Verwertungsstufe des weltberühmt gewordenen Tintenfisches eingeleitet. „Paul geht nicht, ohne der Welt etwas Wunderbares zu hinterlassen“, heißt es in einer Mitteilung des Verlags. „Heute wurde bekannt, dass Krake Paul  ein Buch mit seinem Lebenswerk hinterlassen wird: ,Das Okrakel: Krake Paul prophezeit, wie es in Deinem Leben weitergeht‘. Darin beantwortet es alle wichtigen Fragen des Lebens: Werde ich meine große Liebe finden? Was denkt mein Chef von mir? Hat mein Leben einen Sinn?  Mit einer  eigenen Orakelscheibe können die Leser die Antworten auf die wichtigen Fragen ihres Lebens erhalten.“ Ich hätte da auch noch eine Frage: Wer hat eigentlich die Rechte an der spanischen Ausgabe?  

Belletristik: Beachtet

Endlich wieder eine Ausgabe der wunderbaren Kolumne „Pooh’s Corner“ von Harry Rowohlt in der „Zeit“. Daraus eine für Buchmenschen besonders interessante Weisheit, zum Ausschneiden, Einrahmen und An-die-Wand-Hängen sozusagen: „Ohnehin entfallen nur knapp zehn Prozent der gesamten Buchproduktion auf Belletristik, um die dann über neunzig Prozent vom Gesamtgeschiss gemacht werden.“ Allerdings sollte auch erwähnt werden, dass in letzter Zeit Thilo Sarrazin gut sechzig Prozent des Gesamtgeschisses auf sich vereinigt haben dürfte. 

aus buchreport.express 43/2010

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