Plädoyer für digitale Prosa

Die kanadische Autorin Kate Pullinger gehört zu den Autoren, die auf dem analogen und digitalen Buchmarkt zu Hause sind. Im Interview mit buchreport.de beschreibt die Referentin bei der diesjährigen TOC-Konferenz in Frankfurt (die buchreport als Medienpartner unterstützt) die Vorteile der digitalen Prosa – und die Nachteile der gängigen E-Reader.

Durch das Internet haben sich die Diskussionen über Bücher verändert, das Schreiben der Autoren aber kaum. Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihren „vernetzten Romanen“ gesammelt?
Seit fast einem Jahrzehnt bin ich an vielen Projekten beteiligt gewesen, die sich der Definition neuer Formen des Schreibens widmen – der digitalen Prosa. Meine Arbeiten http://www.inanimatealice.com und http://www.flightpaths.net sind zwei Beispiele. Beide Ansätze sind kollaborativ, bei beiden Projekten habe ich mit dem Web-Künstler Chris Joseph zusammengearbeitet. Ich gehe davon aus, dass es ein großes Potenzial für neue Formen der Literatur gibt, die Text mit Bildern, Musik, Tönen und Video kombiniert – eine Prosa, die das Potenzial der neuen Technologien weitaus stärker nutzt als die vielen einfachen Papier-unter-Glas-E-Books. Das Internet hat einen großen Einfluss darauf, wie Autoren mit ihren Lesern interagieren können – per Twitter oder Facebook beispielsweise können Autoren heute einen viel engeren Kontakt pflegen als je zuvor. Die Leser schätzen dies, aber am Ende, ob Print oder Online, kommt es immer auf die Qualität des Schreibens und Geschichtenerzählens an.

Obwohl Sie digitale Prosa befürworten, sind Sie keine Freundin von E-Readern. Warum nicht?
Keiner der auf dem Markt erhältlichen E-Reader sagt mir zu. Sie sind entweder schick und teuer oder ganz übel – und ich möchte nicht, dass das Gerät für mich entscheidet, wo ich meine Bücher kaufe. Ich werde warten, bis der E-Reader-Markt etwas weiter gereift ist. Mich interessiert nicht das Gerät, ich will den Inhalt, und zur Zeit sind die Geräte restriktiv und zu teuer. Ich möchte durchaus einen E-Reader kaufen – aber der wurde bisher noch nicht erfunden.

Immer mehr Autoren kehren ihren Verlagen den Rücken und suchen auf eigene Faust ihr Glück in der digitalen Welt. Wie ändert sich die Funktion der Verlage?
Das ist die Milliarden-Euro-Frage. Für Autoren wie mich, deren Leserschaft noch nicht groß genug ist, um einfach selbst zur Marke zu werden – also anders als bei Dan Brown, Stephen King oder Seth Godin beispielsweise –, werden Verlage vermutlich weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Verlage machen viele Dinge, die ich nicht machen möchte oder nicht machen kann – Lektorat, Design und Marketing sind die drei offensichtlichen Funktionen. Ich gehe aber davon aus, dass die Rollen von Verlegern und Agenten zusammenwachsen werden.

Wie im Fall von Andrew Wylie?
Ja, der Vorstoß von Andrew Wylie war der erste Schritt dorthin – und ich fand es enttäuschend, dass er dabei juristisch in die Knie gezwungen wurde. Die Pförtner-Rolle der Verlage ist schließlich ebenfalls wichtig. Ein vom Verlag veröffentlichtes Buch hat einen Status, den ein selbstverlegtes Buch sich noch erkämpfen muss.

Die Fragen stellte Daniel Lenz

Zur Person: Kate Pullinger

Die gebürtige Kanadierin, die seit 20 Jahren in Großbritannien lebt, schreibt sowohl herkömmliche Print-Bücher als auch für digitale Plattformen. Mit ihrem Roman „The Mistress of Nothing“ gewann  Pullinger 2009 den in Kanada renommierten Governor General’s Literary Award for Fiction.
Bei der TOC in Frankfurt diskutiert Pullinger mit drei weiteren Online-Experten über „The Literary Platform Live: The Importance of Research and Development in New Media Publishing“.

Kommentare

1 Kommentar zu "Plädoyer für digitale Prosa"

  1. Eckart Haerter | 5. August 2011 um 23:51 | Antworten

    Völlig richtig was Frau Pullinger sagt. Wer aber Spass daran hat, auch das Design und anderes selbst zu machen, kann auch dabei auf einen Fremdverlag verzichten. Indes glaube ich nicht, dass ein potenzieller Buchkäufer, der am Inhalt (besser: „Content“) interessiert ist, einen Gedanken an den Verlag verschwendet. Bei wissenschaftlicher Literatur ist die Lage allerdings eine andere.

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