Schales Surrogat für das Original

Ist die Absage der Hamburger quod libet ein Zeichen für die Marktbereinigung unter den Antiquariatsmessen? Im Interview mit buchreport.de sucht der Vorsitzende des Verbands Deutscher Antiquare, Eberhard Koestler, nach den Ursachen der Messe-Misere.

Die Hamburger quod libet reiht sich ein in die Antiquariatsmessen, die abgesagt wurden. Was sind die Ursachen?
Wenn sich zu einer Messe zu wenige Aussteller anmelden, als dass sie kostendeckend durchgeführt werden könnte, wird sie der Veranstalter absagen. Gebäude- oder Saalmiete, Standbau, Katalog und Werbung verursachen feste Kosten, die der Veranstalter erst ab einer gewissen Ausstellerzahl durch Standgebühren decken kann. Eintrittsgelder sind symbolisch und spielen fast keine Rolle. Warum melden sich aber im Moment wenige Aussteller zu Messen an? Der Grund kann nur in Erfahrungen der letzten Jahre liegen, die dahin gehen, dass die Einnahmen auf den Messen durch Verkäufe nicht die Kosten (Standgebühr, Reise- und Hotelkosten, Personalkosten etc.) decken. Über einen längeren Zeitraum kann man das als Aussteller nicht rechtfertigen.

Ist das ein Zeichen für die Marktbereinigung?
„Markbereinigung“ ist ein hässliches Wort aus den Wirtschaftswissenschaften, um eine Verarmung an Möglichkeiten und Produkten als quasi-natürliche „Katharsis“ darzustellen. Allerdings scheint die Nachfrage nach Antiquariatsmessen bei Ausstellern und Besuchern momentan nicht groß genug zu sein, um das reiche Messeangebot der letzten Jahre unverändert aufrecht zu erhalten.

Was muss sich am Konzept der Messen ändern?
Die Möglichkeiten sind begrenzt. Die Veranstalter könnten deutlicher machen, dass so eine Messe ein außerordentliches Ereignis darstellt und dass man nicht alle Tage ein so reiches Angebot an Büchern, Autographen und Graphik sinnlich erfahren kann – und dass eine Abbildung auf dem Monitor nur ein schales Surrogat für das Original ist. Die Aussteller können überlegen, wie sie ein attraktiveres Angebot für die Messe zusammenstellen können, das die möglicherweise veränderten Interessen der Besucher besser anspricht.

Sind solche Messen angesichts der Vorzüge von Online-Katalogen noch zeitgemäß?
Das eine ergänzt das andere, aber es ist kein Ersatz. Es ist ja auch absurd, zu fragen: „Ist der Besuch eines Konzertes oder einer Oper angesichts der Vorzüge von digitalen Tonträgern noch zeitgemäß?“ oder: „Warum eine Galerieausstellung besuchen, wenn man alles auch auf Kunstpostkarten ansehen kann?“ Ich finde, dass die „technische Reproduzierbarkeit“ den Wert des Originals eher erhöht, als verkleinert. Wenn es den Antiquariatsmessen gelingt, das deutlicher zu vermitteln, haben sie auch eine Zukunft über die momentane Baisse hinaus.

Die Fragen stellte Daniel Lenz

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