40% weniger Fläche bis 2015

Dass das immense Flächenwachstum im Buchhandel zu Ende geht, ist Branchenkonsens. Dass das Pendel in nächster Zeit sogar dramatisch zurückschwingen wird, behauptet der Medienhändler Carel Halff (Fotomontage) als Chef von Weltbild im großen Stil im Versandhandel ebenso aktiv wie im stationären Buchhandel über die Weltbild-Beteiligung DBH, der Nr. 2 im Markt (u.a. Hugen­dubel, Weiland, Habel, Weltbild plus).

Die anstehende Verringerung der Buchverkaufsflächen durch Geschäftsaufgaben, Filialschließungen oder durch die Umwidmung von Flächen für andere Produkte sieht Halff nicht als Folge des Medienwandels durch  E-Reader und E-Books. Es ist der Online-Versandhandel mit klassischen Medien, der Halff zufolge die Einzelhandelslandschaft umpflügt.

Seine hier vorab im buchreport-Interview formulierten Thesen wird Carel Halff als Eröffnungsredner bei der 1. Fachkonferenz „Medienvertrieb 3.0“ am 7. Mai in der Münchner Akademie des Deutschen Buchhandels vertiefen.

Wie entwickelt sich der Medienvertrieb?
Halff: Zunächst, die Ausgangslage speziell für den Buchhandel ist gut, besonders angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Auch 2009 wurden mehr Bücher an mehr Menschen zu höheren Preisen verkauft. Das leichte Wachstum der Branche wird maßgeblich von der großen Dynamik des Online-Handels getragen, der stetig wächst und der den Anteil des Versandhandels auf inzwischen über 30% des Branchenumsatzes hat wachsen lassen. In der Fünf-Jahres-Perspektive wird sich das fortsetzen: Der Versandhandel legt zu, der stationäre Handel verliert Anteile…

Auch weil die digitalen Formate an Bedeutung gewinnen, die für den stationären Handel wenig geeignet sind?
Der Distanzhandel gewinnt, aber nicht wegen der E-Book-Angebote. Das ist ein großer Medienhype, die tatsächlichen Umsatzperspektiven sind begrenzt.
Unternehmen wie Apple drängen in den Medienvertrieb…
Ich bin ein Fan der Apple-Geräte, habe auch die großartig inszenierte iPad-Präsentation live miterlebt und mich auch gefragt: Was kann das bedeuten? Nach einer kurzen Unsicherheit und vor allem nach eigenem Ausprobieren weiß ich: Für Bücher ist das iPad ungeeignet, zu unhandlich und zu schwer, um damit länger zu lesen, auch nicht blendfrei. Das ist kein Vergnügen. Es wird bildgeprägte Lifestyle-Anwendungen geben, aber für Buchinhalte ist das iPad kein Träger. Und die anderen E-Reader? Naja, die geringen Verkaufszahlen sprechen für sich…
Warum werden auch die klassischen Bücher stärker übers Internet bezogen?
Im Medien- und Buchvertrieb der Zukunft gibt das Internet den Takt vor. Auch in den nächsten Jahren wächst dieser Kanal mit zweistelligen Raten, Weltbild.de wächst aktuell um 30%.

Zu Lasten des stationären Handels?   
Ja, denn der Gesamtkuchen wird ja nicht größer. Im gesamten stationären Einzelhandel sinken die Quadratmeter-Umsätze, viele der neu errichteten Einkaufscenter erweisen sich schon nach kurzer Zeit als Flops. Gar nicht auszudenken, dass noch zahlreiche weitere Einkaufscenter und damit Zusatzflächen geplant sind. Auch der Buchhandel ist auf der Welle mitgeschwommen und hat seine Fläche gegen den Trend in den letzten Jahren vermehrt…

…da waren Sie nicht ganz unbeteiligt…
Mag sein, aber Weltbild hat sich auf die Zukunft und den fundamentalen Wandel eingestellt.

Was sind die Konsequenzen für die Branche?
Die zeichnen sich für den Buchhandel heute schon ab. In den kommenden fünf Jahren werden bis zu 40% der Buchflächen im stationären Handel aufgegeben, sei es durch Geschäftsaufgabe oder durch Aufnahme von Nonbook-Sortimenten. Das Zukunftsmodell heißt Multichannel-Handel. Es ist das überlegene Geschäftsmodell im Einzelhandel. Multichannel-Vertrieb ist dann erfolgreich, wenn er nicht auf ein Lippenbekenntnis reduziert wird und ein paar Streuprospekte verteilt werden oder ein Alibi-Webshop mit 3 oder 5% Umsatzanteil nebenher betrieben wird.        

Zur Person: Carel Halff

ist seit 1975 Chef des Weltbild Medienversands, der der katholischen Kirche gehört. Halff hat den kleinen Weltbild-Verlag mit angeschlossener Versandbuchhandlung zum Medienhandels­riesen mit zuletzt 1,94 Mrd Euro Umsatz (2008) ausgebaut. Das Engagement im stationären Handel erfolgte zusammen mit dem Buchhandelsfilialisten Hugendubel: Auf den Aufbau einer Schmalspurkette (Weltbild plus) folgte 2006 die gemeinsame Gründung der DBH, in der neben dem Schmalspurbuchhandel (Jokers, Wohlthat, Weltbild) der Vollbuchhandel (Hugendubel, Habel, Weiland) die tragende Rolle spielt. 2009 war für Halff und Weltbild ein besonders kritisches Jahr: Die katholischen Gesellschafter suchten vergeblich Investoren für Weltbild. Sowohl im Weltbild-Versand als auch in den  DBH-Buchhandlungen kam es zu Umstrukturierungen und Entlassungen.

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