Wolfgang Tischer: Der Autor muss es drauf haben

Wolfgang Tischer: Der Autor muss es drauf haben

Manchmal muss man sich wundern, welche Diskussionen losgetreten werden. Die kommen oft hochtrabend theoretisch und akademisch daher, doch bei näherer Betrachtung erscheinen sie wie ein Aprilscherz.

»Hat die Wasserglaslesung ausgedient?«, lautet solch eine aktuelle Debatte. Den Begriff prägte Prof. Stefan Porombka in einem Interview, das mit der literarischen Benachteiligung des östlichen Teils der Republik begann und mit der Forderungen nach neuen Formen der Literaturvermittlung endete.

Die »Wasserglaslesung«, das ist offenbar jene Form der Lesung, der Loriot in »Pappa ante portas« ein satirisches Denkmal setzte. Lesungen, bei denen das Publikum weitestgehend aus Frauen über 50 besteht.

Ja, möchte man da impulsiv rufen, recht hat er, der Porombka! Literatur muss spannender präsentiert werden! Literatur muss Spaß machen! Und zu Lesungen müssen wieder mehr junge Menschen kommen!

Doch dann hält man kurz inne und erinnert sich an die Lesungen von Max Goldt: der Mann füllt Säle, der Mann lockt auch junges Publikum an und er sitzt da doch nur allein an einem Tisch auf der Bühne, eine typische Wasserglaslesung. Oder man denke an die Marathon-Lesungen von Harry Rowohlt. Rowohlt ist stolz darauf »die alten Klaften, die immer in Dichterlesungen gehen«, schon vor Jahren vergrault zu haben. Und auch er füllt Säle, wobei seine Lesungen zugegebenermaßen weniger Wasser- als mehr Whiskeyglaslesungen sind.

Doch plötzlich wird einem der Unsinn der Debatte bewusst: Du kannst eine Lesung nicht attraktiver machen, wenn’s der Autor nicht drauf hat!

Ohnehin muss man sich fragen, warum manche Verlage einen stammelnden Autor auf Lesetour schicken, der seine Texte minutenlang dröge und schnarchlangweilig einleitet, um dann auch noch aus den eigenen Texten vorzulesen wie ein Erstklässler aus der Lesefibel.

Da täte der Verlag doch besser daran, statt des Autors lieber Christian Brückner auf Lesetour zu schicken.

Fast schon automatisch genießen einen solchen Vorteil namhafte Autorinnen und Autoren aus dem Ausland. Statt James Salter liest dann eben wirklich Christian Brückner die deutschen Textpassagen oder Boris Aljinovic kommt als deutsche Romanstimme für Siri Hustvedt mit.

Es ist Aufgabe eines Autors, ein gutes Buch zu schreiben. Er muss es ja nicht unbedingt gut vorlesen können. Dafür gibt es Profis, denen man gerne zuhört.

Wenn Porombka fordert, man könne » z.B. Texte gegeneinanderstellen oder auch ihre Entstehung veranschaulichen«, so scheitert auch das. Man möchte doch nicht gleich zwei schlecht lesenden Autoren zuhören und genauso wenig möchten viele Autoren nichts zur Entstehung ihre Werke sagen, sondern das Buch für sich sprechen lassen.

Denn natürlich interessiert das die meisten Leserinnen und Leser: Wie ist der Text entstanden? Was ist denn der Autor eigentlich privat für einer? Ist er auch so ein Trottel, wie die Hauptperson seines Romans?

Exhibitionistisch veranlagtere Autoren haben den Trend bereits längst erkannt und greifen auch zur Multimedia-Maschinerie. Man denke nur an Stuckrad-Barre, als der früher noch Popautor war. Auch da saßen die jungen Mädels in der ersten Reihe, während Stuckrad-Barre von seinen Promi-Begegnungen berichtete, Musik einspielte und Dias zeigte.

Ein bisschen erinnern heute noch die Lesungen von Thriller-Autor Sebastian Fitzek daran. Auch der baut Beamer, Leinwand und Lautsprecher auf und berichtet unterhaltsam und humorvoll aus seinem Leben als Autor, weil das, so Fitzek, die Leser interessiere. Und auch bei Fitzek ist die Bude voll, obwohl er wenig aus seinen Werken liest. Und wenn er liest, dann gut, schließlich ist er auch ein Radio-Mann, der weiß, wie man gut vorliest.

Und es ist gerade dieser bewusst leicht unprofessionell wirkende Einsatz von Bildprojektionen und Musikeinspielungen, der dem ganzen Charme verleiht. Das hatte Stuckrad-Barre damals und das hat Sebastian Fitzek heute drauf.

Will man es technisch besser und perfekter machen, dann scheitert es meist wieder am Autor, der hier nicht mithalten kann. So ging Frank Schätzing mit seinem Roman LIMIT auf multimediale Lesetour, doch irgendwie erreichte er nur 80% der Perfektionsquote, was ein ungutes Gefühl zurücklässt. Der Mann ist eben doch kein Schauspieler.

Andere Formen der Lesungen, in denen Porombkas Forderungen erfüllt sind, gibt es ebenfalls schon. Texte gegenüberstellen? Klar, das wird knallhart bei den ebenfalls gut besuchten Poetry-Slams gemacht. Hier gewinnt meist, wer witzig und laut ist und die meisten sexuellen Anspielungen in die Texte einbaut.

Filigranere und ruhigere Texte kann man da bei den Lesebühnen hören, die ebenfalls gut besucht sind – wenn die Lesenden gut sind.

Und da haben wir es wieder: Es gibt keine »Wasserglaslesung« und es gibt keine andere wie auch immer geartetere »bessere« Form der Literaturvermittlung.
Es gibt nur den gut lesenden, präsenten oder charismatischen Autor, der das Publikum fesselt und in Besitz nimmt und es gibt den drögen Nuschler, dem auch keine andere Form der Präsentation mehr hilft. Es sei denn, er lässt lesen.

Wolfgang Tischer, literaturcafe.de

Kommentare

2 Kommentare zu "Wolfgang Tischer: Der Autor muss es drauf haben"

  1. Lieber Herr Tischer!
    Ja, als Autor müsste man tatsächlich auch Schauspieler sein,und irgendwie sind wir Autoren das sogar.
    Es ist letztendlich nicht nur das Geschriebene, was beim Publikum zählt und Eindruck hinterlassen sollte. Man selbst muss sich in Szene setzen, wie früher nicht denkbar. Die Zeiten haben sich halt geändert. Junges Publikum könnte eher über Schulen erreicht werden, es sei denn, man hat ein Thema zur Geschichte geschrieben. Das könnte noch interessant werden. Und manchmal frage ich mich, welchen Sinn es noch macht, ein Buch zu schreiben, obwohl es mich immer wieder aufs Neue danach drängt.
    Die Lesung sollte zum Ereignis werden und es kann unmöglich NUR gelesen werden, denn das wird den Leuten langweilig, wenn nicht gerade ein Prominenter liest.Also muss aus der Lesung eine Show werden. Und ich arbeite verbissen daran,nur um gehört zu werden. Können Sie sich das vorstellen?
    Herzlichst,
    Joe Bergmann

  2. Zu (Wolfgang Tischer: Der Autor muss es drauf haben. Manchmal muss man sich wundern, welche Diskussionen losgetreten werden. Die kommen oft hochtrabend theoretisch und akademisch daher, doch bei näherer Betrachtung erscheinen sie wie ein Aprilscherz.
    »Hat die Wasserglaslesung ausgedient?«, lautet solch eine aktuelle Debatte. Den Begriff prägte Prof. Stefan Porombka in einem Interview, das mit der literarischen Benachteiligung des östlichen Teils der Republik begann und mit der Forderungen nach neuen Formen der Literaturvermittlung endete.)
    Also diese Debatte ist hochinteressant und aktuell. Sie stellt sich in den Autorenkreisen nach jeder Lesung neu.

    Und Herr Tischler hat hier recht. Die meisten Autoren sind hässlich und haben es nicht drauf. Das gilt auch für das Publikum.
    Und das ist die Knacknuss.
    Hier wirft Herr Tischler etwas in einen Topf. Es gibt einige (zugegeben wenige) Autoren die auch etwas rüberbringen. Die meisten lesen erst garnicht, weil es auch nichts einbringt. Aber was nennt denn Herr Tischler da für komische Entertainer?

    Abgehalfterte, drittklassige Schauspieler erreichen eine akzeptable Teilnehmerzahl, die der Autor selber nicht gewinnen kann. Höhere Eintrittspreise lassen dann den halbintelektuellen zugreifen. Was noch hinzukommt, das nichts preoblematisches (hoch geistiges) zur Lesung gebracht wird, sondern man schafft sich „einen netten Abend“. So funktionieren doch die Lesungen der LitCologne, der Buchmessen etc. Wenig Autoren, dafür um so Heiden reicher.

    Nehmen wir die Lyrik. Wer liest, wo, wieviel Zuschauer. Ein Paar Phrotesenträger und ehemalige Lehrerinnen am Rollator. Dagegen habe ich nichts, aber es scheint ein nicht angemessener Rahmen und auch kein angemessenes Verständnis für Qualität.

    Und nun wären wir bei der viel hochgehobenen Qualität über die man sich auch streiten kann, wenn man das überhaupt tun will.

    Da lassen wir uns doch lieber etwas entertainen. Aufschrei wenn man den Namen Dieter Bohlen hört (ich kenne übrigens mehrere von Ihnen genannte Starredner nicht, muß man auch nicht) was machen dann die Rezitatoren (ich sag mal Lutz Goerner) sie gehen immer mehr auf die leichtere, lustigere Unterhaltungsschiene. Nicht Fernsehen oder Bühne verblödet, nein, das Publikum bleibt zum Denken höchstens noch zu Hause.

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