Wasserglaslesungen sind die Regel

Müssen Autorenlesungen aufwändiger inszeniert werden? Darüber diskutieren auf buchreport.de Literatur-Prof. Stephan Porombka (hier) und der Hamburger Literaturhaus-Chef Rainer Moritz (hier). Jetzt meldet sich Benedikt Geulen (Foto), Verlagsvertreter und Spezialist für Lesungen, zu Wort.

Das Argument, Autorenlesungen seien langweilig und überflüssig, da schließlich jeder alleine lesen könne, gab es immer schon. Wer das für sich konstatiert, den wird man auch mit aufgepeppten Event-Lesungen kaum mehr als  einmal zu literarischen Veranstaltungen locken. In den letzten Jahren sind viele Literaturfestivals verschiedenster Größe und Ausrichtung landauf landab entstanden und erfreuen sich großen Zuspruchs. Wenn man deren Programme studiert, dann finden sich dort natürlich einige multimedial getunte Events, sie stellen allerdings längst nicht die Masse der angebotenen Veranstaltungen dar.

Auch bei Großfestivals ist, wie seit eh und je in den Programmen der Literaturhäuser und Buchhandlungen, die das ganze Jahr über Lesungen anbieten, die sogenannte Wasserglaslesung die Regel. Selbstverständlich bemüht sich jeder Veranstalter, dem eingeladenen Autor, falls der nicht als begnadeter Alleinunterhalter bekannt ist, einen möglichst originellen bzw. eloquenten Moderator an die Seite zu geben. Eine regelrechte Bühnenshow, wie sie etwa Frank Schätzing zelebriert, ist für einen gelungenen und interessanten literarischen Abend allerdings kaum vonnöten.

Im Gegenteil, Fernsehen, Kino, Konzerthallen und Theatersäle bieten allemal genug Unterhaltung auf technisch und künstlerisch höchstem Niveau. Sollten Autorenlesungen allein damit konkurrieren, wäre dieser Kampf von vorneherein verloren. Das Interesse an Büchern und ihren Autoren speist sich aus einem ganz anderen Bedürfnis. Etwas altmodisch geht es wohl, und das gerade in Zeiten multimedialer Power-Kultur, um die durchaus erholsame Konzentration auf die Begegnung mit dem Autor und seinem Werk und das Gespräch zwischen Autor und Leser.

Nicht von ungefähr enden gelungene Lesungen oft mit angeregten Diskussionen. Sie sind durchaus nicht nur als frontale Einbahn-Präsentation des geladenen Gastes und seiner Helfer bzw. Hilfsmittel zu verstehen. Erfahrene Lesungs-Veranstalter, seien es Buchhändler, Literaturhausleiter oder Festivaldirektoren, wissen, dass es erstens und vor allem auf den Autor und sein Buch ankommt und zum zweiten darauf, in welchem Umfeld man sie angemessen präsentiert, also Moderation, Veranstaltungsort, Veranstaltungspartner und Bewerbung. Dass am Abend neben dem  Buch auch ein Glas mit Wasser oder Wein auf dem Tisch steht, entspricht einfach den allgemeinen Grundregeln der Gastfreundschaft und hat nichts mit protestantischer Kirche zu tun. 

Zum Glück bleiben Skurrilitäten wie Lesungen, die ob ihrer schieren Größe ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen werden oder Ringkämpfe zwischen Autoren Randerscheinungen, angesichts derer sich die Frage aufdrängt, wer eigentlich behauptet hat, die bestbesuchte sei auch die gelungenste Lesung.

Benedikt Geulen, früher selbst Buchhändler (M7 Buchhandlung, Köln) ist heute als selbstständiger Vertreter für Verlage wie Kunstmann, Mare, Bloomsbury Berlin und Arche aktiv.

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