Joachim Leser: Zwischen Softpornos und Bibeln

Die großen Verlage stellen zunehmend attraktive E-Books bei iTunes zur Verfügung. Doch die Print-Bestseller werden meist zu elektronischen Ladenhütern. Dafür ist in erster Linie Apple verantwortlich.

Die großen Verlage stellen zunehmend attraktive E-Books bei iTunes zur Verfügung. Doch die Print-Bestseller werden meist zu elektronischen Ladenhütern. Dafür ist in erster Linie Apple verantwortlich. Die Firma hat es bislang nicht geschafft, ihr Portal mit den Grundfunktionen eines E-Book-Shops auszurüsten.

Matthias Heubach hat ein Gespür dafür, was die iPhone-Nutzer lesen möchten. 52 Titel unter den Top 100 der kostenpflichtigen Titel stammen aus seinem Haus.  Übertragen auf die Jahresbestsellerliste 2009 Belletristik Hardcover wären das die Bestseller der Häuser: Carlsen, Lübbe, S.Fischer, Piper, Kiwi, dtv, Dressler, Blanvalet, Hanser, Heyne und Diogenes. Die elektronischen Varianten der Bestseller aus diesen Häusern funktionieren dagegen bislang nicht.

Print-Bestseller fehlen bei iTunes

Cecilia Ahern, Stieg Larsson, Daniel Glattauer, Richard David Precht, Leonie Swann, Harald Schmitt, Bastian Sick, David Nicholls, Siegfried Lenz – keiner dieser Titel, die in gedruckter Form sechs oder siebenstellige Verkaufszahlen erreichten, ist bei iTunes in den Top100 zu finden. Einzig Andrea Maria Schenkel („Tannöd“, Platz 83) und Frank Schätzing („Der Schwarm“, Platz 86) tauchen auf (Stand: 9. Januar 2010). Stattdessen findet sich dort ein Sortiment, das aussieht, als sei ein 16-jähriger Gymnasiast in die Restekiste eines Klosterkiosks gerauscht: Softpornos neben Luther- und Herderbibel. Anselm Grün neben Karl Marx, Vornamenbuch neben iPhone-Tipps, Max und Moritz neben Winnetou. Romane – und das gilt nicht nur für die aktuellen Titel der Verlage – sind bei den Nutzern kaum gefragt. Die Lektüre ist an dem kleinen Bildschirm offensichtlich doch zu mühsam.

Dass die Print-Bestseller in ihrer elektronischen Form bislang nicht reüssieren, hat jedoch in hohem Maße damit zu tun, dass der Anbieter es bislang nicht geschafft hat, den Shop mit den Grundfunktionen eines elektronischen E-Book-Vertriebes zu versehen. Es gibt keine Möglichkeit, nach Genre, Kategorien, Sprachen oder gar Erscheinungsdatum zu suchen. Auf der Startseite finden sich jeweils die aktuellen Neuerscheinungen aus unterschiedlichen Ländern. Das können mehrere hundert pro Tag sein, so dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein aktueller Titel dort entdeckt wird, verschwindend gering ist.

Struktur des E-Book-Shops von iTunes mangelhaft

Als weitere Rubrik werden die aktuellen Bestseller bei iTunes präsentiert. Entscheidenden Einfluss auf die Downloadzahlen hat offensichtlich nicht die Prominenz oder gar Qualität der Titel, sondern der Verkaufspreis. Der Durchschnittspreis für die E-Books der Top 20 bei iTunes liegt unter 1,50 Euro. Die E-Book-Versionen aktueller Bestseller werden jedoch nur selten unter dem Ladenpreis der gedruckten Bücher angeboten. Es würde also Sinn machen, den Preis des Titels bei der Platzierung in der Bestsellerliste zu berücksichtigen.

Die Struktur, mit der Apple bei iTunes „Bücher“ verkauft, ist nicht ansatzsweise von der gut 400-jährigen Geschichte des Sortimentsbuchhandels gestreift worden. Wer beispielsweise mit dem Suchbegriff „Roman“ versucht, Unterhaltungslektüre zu erwerben, scheitert grandios. Ihm wird ein Programm angeboten, das lateinische Zahlen umrechnet. Wer „Krimi“ eingibt, landet bei dem Spiel „Räuber und Gendarm“(„Lauf so schnell du kannst, stiehl was das Zeug hält und rase durch eine faszinierende 3D-Stadt“). Kein Larsson, keine Schenkel weit und breit. Insofern wundert es auch nicht, dass die elektronische Variante zahlreicher Bücher – wie etwa Kochbücher, Reiseführer, Lexika – nicht mehr im Bereich „Bücher“ geführt werden, sondern längst in andere Bereiche im Appstore abgewandert sind.

Auch fehlen derzeit nahezu gänzlich mediale Strukturen, die über das Angebot an E-Books informieren. Das Berliner Unternehmen Textunes ist auch hier Vorreiter und versucht, mittels einer Leseprobenapplikation über Neuerscheinungen zu informieren. Außerdem ist das Unternehmen im Onlinemarketing recht aktiv.

Wenden sich Content-Lieferanten ab?

Apple wird sicherlich weiterhin erfolgreich E-Books verkaufen, zumal der Firma mit dem iSlate auch eine starke Position bei den E-Readern zugetraut wird. Wenn die Suchfunktion und die Präsentationsmöglichkeiten für E-Books sich jedoch nicht erheblich verbessert, werden sich attraktive Content-Lieferanten bald frustiert zurückziehen.

Joachim Leser, Portalmanager beim Schulthess Verlag und Entwickler von Internetprojekten (hier sein Twitter-Konto)

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Kommentare

2 Kommentare zu "Joachim Leser: Zwischen Softpornos und Bibeln"

  1. Christoph Kaufmann | 12. Januar 2010 um 3:10 | Antworten

    Bücher als jeweils einzelne app anzubieten halte ich auch für recht unpraktisch. Das wird beim Leser doch leicht unübersichtlich. Dann doch lieber mit einer vernüftigen Lesesoftware wie Stanza (z.B. so http://www.ebook-journal.de/ip… eBooks kaufen und lesen.

    Es scheint sowieso schwierig zu sein, im Appstore Produkte zu verkaufen die mehr als 5 EUR kosten. Es hat sich nunmal eingebürgert, dass die meisten Apps nur nur ein paar cent oder wenige Euros kosten. Das wird schwierig die Kunden da an höhere Preise zu gewöhnen.

  2. Volker Oppmann | 11. Januar 2010 um 23:34 | Antworten

    Sehr schön auf den Punkt gebracht. Aber keine Sorge, wir werden auch die Bestseller jenseits der 0,79-Cent-Softpornos etablieren =))

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