ABC des Buchhandels mit sibirischem Dialekt

Top-Kniga ist das führende Buchhandelsunternehmen in Russland. Seit 1995 hat Georgij Lyamin über 500 Filialen aus dem Boden gestampft. Doch die Finanzkrise macht inzwischen auch dem Marktführer das Leben schwer.

Herbst 1991. Auf den Ruinen der  Sowjetunion entsteht ein neuer Staat. Die Menschen sind in Aufbruchstimmung. Das gilt auch für Georgij Lyamin, einen jungen Physiker am Akademgorodok in Nowosibirsk. Wissenschaftler werden zu jener Zeit in Russland nicht gut bezahlt, erst recht nicht in Sibirien. Doch Lyamin hat eine fünfköpfige Familie zu ernähren und braucht Einnahmen. Der Büchernarr und Vielleser beschließt deshalb, sein Hobby zum Beruf zu machen.

Zuerst bringt er Bücher im Rucksack per Flieger aus dem 3200 km entfernten Mos­kau nach Nowosibirsk und verkauft sie in einem Kiosk. Doch das ist zu aufwendig, viel zu teuer und bringt nichts ein. Deshalb gründet der damals 35-Jährige 1995 zusammen mit mehreren Kollegen die Großhandelsfirma Top-Kniga. Schon bald reicht der Vertrieb von Büchern den sibirischen Jung-unternehmern nicht mehr. Sie wollen ihre Bücher selbst verkaufen und eröffnen deshalb eine Buchhandlung.
Mit Unternehmergeist und Krediten, die damals leicht zu haben waren, ist Top-Kniga rasch gewachsen und 14 Jahre später der größte Buchfilialist Russlands, der im vergangenen Jahr umgerechnet 207,5 Mio Euro umgesetzt hat. Damit hat die Kette nach Angaben ihres Sprechers Watscheslaw Uchov einen Marktanteil von 12%. Bücher sind am Gesamtumsatz mit 65% beteiligt.

Im Eiltempo hat Lyamin, der seine Kollegen nach und nach ausgekauft hat und mit 81% größter Anteilseigner von Top-Kniga ist – die restlichen Anteile halten Vorstandsmitglied Tatjana Voronov (9%) und der Investmentfonds Trifecta (10%) –, das ABC des Buchhandels gelernt und umgesetzt. Unter seiner Führung hat das Unternehmen seit 1995 einen steilen Wachstumskurs gefahren und mit fünf Distributionscentern eine Infrastruktur nach westlichen Maßstäben etabliert, inklusive hochmodernem Warenwirtschaftssystem und Logistikmanagement der US-Softwarefirma Oracle.

Top-Kniga bedient den russischen Markt mit derzeit 544 Filialen in sechs Formaten, die auf einer Gesamtverkaufsfläche von etwa 128000 qm pro Monat rund 3 Mio Bücher verkaufen:

  • Las-Knigas: 20 Superstores in Großstädten mit Verkaufsflächen zwischen 560 qm und 1550 qm, durchschnittlich 90000 Titel, dazu ein PBS-Sortiment mit 6000 Artikeln, Presse, Geschenkartikel etc.
  • Litera: 25 Medienläden, die etwa zu gleichen Teilen Bücher und Nonbooks (PBS, Presse, Kalender, Geschenkartikel) in Cash & Carry-Märkten verkaufen und zwischen 400 und 1360 qm groß sind.
  • Knigomir: Das Herzstück des Unternehmens mit 454 Filialen, die zu 70% Bücher anbieten und in ihrer Größe (zwischen 100 und 950 qm) sowie der Sortimentsbreite (10500 bis 95000 Titel) ausgesprochen variabel sind.
  • Pischi-Tschitaj: 32 Buchhandlungen in Kleinstädten mit maximal 125 qm Verkaufsfläche, knapp 16000 Bücher sowie PBS, Kalender und Geschenkartikel.
  • Gorodskaja Soroka: Acht Kleinflächen von durchschnittlich 40 qm in Supermärkten, die überwiegend Tagespresse (1700 Zeitungen und Zeitschriften), PBS etc. (knapp 1400 Artikel) und ein kleines Buchsortiment (1700 Titel) vorhalten.
  • BookLexica: Fünf Testfilialen der „Knigomir-Luxusausführung“, angesiedelt in Einkaufscentern auf durchschnittlich 345 qm Verkaufsfläche mit 57500 Büchern, die 85% des Sortiments ausmachen. Das ausgesuchte Nonbook-Angebot konzentriert sich auf Software, PBS, Spiele und interaktive Lernmittel.

Als siebte Vertriebsschiene ist das Buchhandelsunternehmen aus Sibirien seit einigen Jahren auch als Internetverkäufer aktiv. Top-Kniga betreibt die Online-Shops www.top-kniga.ru und www.bookean.ru, über die es keine detaillierten Zahlen gibt, die aber profitabel sein sollen.

So steil der Aufstieg von Top-Kniga auch war, wachsen für den Marktführer die Bäume nicht mehr unbegrenzt in den Himmel. Die internationale Finanzkrise sowie allgemeine russische Branchenprobleme wie die langen und schwerfälligen Distributionswege sowie kräftig steigende Buchpreise haben 2009 Bremsspuren hinterlassen. Bei Top-Kniga ist der Alltag eingekehrt: Im ersten Halbjahr stürzte der Umsatz um rund 20% ab. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern, dass der Buchhändler zeitweise Mühe hatte, seine Verbindlichkeiten zu erfüllen.

Private Investoren dringend gesucht

In der zweiten Jahreshälfte hat sich die Lage dem Vernehmen nach wieder etwas entspannt, doch ist das Unternehmen nach wie vor intensiv auf der Suche nach privaten Investoren. Diese sind jedoch vor dem Hintergrund der schwächelnden russischen Gesamtwirtschaft dünn gesät, so dass über dem für 2012 geplanten Börsengang vorerst  ein großes Fragezeichen hängt.

Derweil korrigiert Lyamin mit dem Rotstift die Auswüchse von 14 weitgehend zügellosen und unkontrollierten Wachs­tums­jahren: Rund 100 unrentable Läden wurden seit Jahresbeginn bereits geschlossen, in vielen anderen Filialen das Sortiment drastisch um Ladenhüter bereinigt und gezielt auf die jeweiligen Formate zugeschnitten. Die Zahl der Mitarbeiter wurde seit dem Sommer um rund 900 auf 5193 zurückgefahren.

Auf der Habenseite steht nach dem Kahlschlag ein Filialnetz, das an inhaltlicher Schärfe gewonnen hat – und auf Größe setzt, denn Lyamin hat 2009 nicht nur geschlossen, sondern auch neue Buchhandlungen eröffnet – bislang 50 an der Zahl, von denen etwa die Hälfte eine Verkaufsfläche von über 500 qm hat.

Anja Sieg, sieg@buchreport.de

www.top-kniga.ru

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