Alexander Braun: Tipping Point für E-Books?

Dass Dan Browns neues Buch „Lost Symbol“ mal wieder Verkaufsrekorde brechen würde, ist schon allein vor dem Hintergrund des vorangegangenen Marketing-Feldzugs und der Omnipräsenz in den Medien nicht weiter überraschend. Dass die Verkaufszahlen der E-Book-Ausgabe fürs Kindle auf Amazon jedoch bereits die Verkaufszahlen der Hardcover-Ausgabe übersteigen (s. Screenshot), scheint alle E-Book-Skeptiker Lügen zu strafen.

Die E-Book-Skepsis machte sich zunächst an technischen Unzulänglichkeiten der E-Reader fest. Erstaunlich war hier die Kurzsichtigkeit, mit der Prototypen als Endpunkt der Evolution beurteilt wurden. Damit war selbstverständlich evident, dass sie sich nie einem Massenpublikum erschließen würden. Nachdem sich Kritiker jedoch spätestens seit der Entwicklung von E-Ink eingestehen mussten, dass technische Weiterentwicklungen durchaus möglich sind und stattfinden und auch die Verkaufszahlen des Amazon-Kindle die normative Kraft des Faktischen entgegen der Verkaufs-Skepsis erfahrbar machten, hat sich der Schwerpunkt der Kritik auf Kulturpessimismus verlagert.

So sah sich auch Berufs-Schwarzseher jedes jüngeren technischen Fortschritts und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen Andrew Keen unlängst dazu genötigt festzustellen, dass E-Books Bücher seelenlos machen würden – und ihre Autoren natürlich gleich mit. Dass aber das gedruckte Buch langsam aber sicher vom E-Book verdrängt werden wird, ist selbst für Keen keine Frage mehr. Ist dies aber, abgesehen von einer nostalgischen Verbundenheit mit dem gedruckten Buch, so beklagenswert?

Seelenlosigkeit

Sicherlich deckt sich Keens Erfahrung, dass die physische Wärme des gedruckten Buches durch eine kühle elektronische Version ersetzt würde, mit dem Erlebnis von vielen Lesern. Ebenso, wie Pferde mehr Seele besitzen und sicher eine intensivere Beziehung als zu einem Auto ermöglichen, machen sie dem Auto zum Zweck der Fortbewegung aber nicht mehr wirklich Konkurrenz – ohne dass sie aufgehört haben zu existieren. Auch gedruckte Bücher werden weiter existieren und der Kontext der Nutzung wird sicherlich eine große Rolle spielen: so eignet sich ein elektronisches Lesegerät wohl kaum für das Lesen in der Badewanne oder am Strand.

Umweltfreundlichkeit

Obwohl der ökologische Impact eines jeden Produktes eine immer größere Rolle spielt, scheint bei Büchern der Verweis auf emotionale Faktoren wie „Wärme eines gedruckten Buches“ als Rechtfertigung dafür auszureichen, die Kosten für die Umwelt nicht weiter betrachten zu müssen. Diese sind nicht zu vernachlässigen: so fielen der US-Buch- und Zeitungsindustrie 2008 allein 125 Millionen Bäume zum Opfer – ganz zu schweigen vom anfallenden Abwasser in der Papierproduktion und dem CO2-Ausstoß des physischen Transports.

Effizienz

Besonders sinnlos erscheint dieser ökologische Footprint vor dem Hintergrund, dass 40 Prozent aller so produzierten Bücher nicht verkauft werden. Abgesehen von den Kosten für die Umwelt, hat diese Ineffizienz natürlich auch ganz konkrete wirtschaftliche Folgen: über 70 Prozent aller Bücher sind ein Verlustgeschäft für Verlage. Natürlich sind diese Ineffizienzen kostspielig und müssen finanziert werden, was sich in der Vergütung und Quersubventionierung der Autoren niederschlägt.

Autorenvergütung

Autoren erhalten Royalties von durchschnittlich nur 10,7 Prozent des Nettoverkaufserlöses (nach Abzug der Händlerprovision und Herstellungskosten). Auf diese Weise verdienten 90 Prozent aller Autoren weniger als 5000 Euro im Jahr. E-Book-Royalties sind höher als die auf gedruckte Bücher gezahlten Royalties.

Piraterie

Ein Haupteinwand, der der elektronischen Verbreitung von Büchern als E-Book entgegengebracht wird, ist die Gefahr der Piraterie. Als Resultat würden Autoren aufhören zu schreiben. Diese Annahme entbehrt aus mehreren Gründen jeder Grundlage: würden Autoren nur schreiben, wenn sie davon auch leben könnten, hätten 90 Prozent aller Autoren ihre Tätigkeit auch ohne E-Books bereits eingestellt. Auch verhindert die Verweigerung einer E-Book-Version nicht, dass ein Buch piratisiert wird: so stand der letzte Harry Potter bereits wenige Stunden nach Veröffentlichung als Download zur Verfügung, die meisten anderen Bestseller bilden hier auch keine Ausnahme.

So sind auch Science-Fiction-Autor Cory Doctorow und Verleger Tim O’Reilly davon überzeugt: die größte Gefahr eines Autors ist nicht Piraterie, sondern Unbekanntheit – die meisten Leser kaufen ein Buch nicht deshalb nicht, weil sie es bereits gratis Online bekommen konnten, sondern weil sie noch nie etwas davon gehört haben. Paulo Coelho piratisiert seine Bücher daher mittlerweile selber, weil die Verkaufsförderungsaspekte seiner Überzeugung nach die Kannibalisierungseffekte überwiegen und er so mehr Bücher verkauft.

Rolle der Verlage

Die Vorteile von E-Books liegen auf der Hand: sie senken die Eintrittsbarriere für neue Autoren drastisch, da die Vorabinvestitionen im Vergleich zu einer Druckausgabe zu vernachlässigen sind. Somit werden sie auch nicht zu einem Rückgang des kreativen Schaffens führen, sondern im Gegenteil zu einem beispiellosen Anstieg, da die Kosten des Scheitern als Haupthürde für das Ausprobieren neuer Ideen drastisch sinken. Damit stellt sich die Frage nach der Rolle der Verlage aber auch ganz neu und existenziell, da das Hauptproblem, das sie lösen – die Schwierigkeit, Komplexität und Kosten Inhalte einer breiten Masse zugänglich zu machen – in einer digitalen Welt aufgehört hat, ein Problem zu sein.

Nicht ohne Grund sind die Verwerfungen zwischen Verlagen auf der einen und Google und Amazon auf der anderen Seite in der letzten Zeit stärker und stärker geworden: letztere verfügen bereits über Millionen direkter Kundenbeziehungen, die Verlagen nur über Mittelmänner wie Google, Amazon und andere Buchhändler zugänglich sind. Warum sollte Amazon die beschriebenen Ineffizienzen der physischen Distribution beim Übergang in eine digitale Welt nicht einfach zusammen mit allen anderen Playern in der Wertschöpfungskette aus dem System ausradieren und zu einem Win-Win-Win für sich (höhere Marge), Autoren (höhere Royalties) und Leser (niedrigere Preise) führen? Nicht ohne Grund hat Stephen King sein neuestes Buch exklusiv als E-Book für Amazons Kindle veröffentlicht.

Der Verkaufserfolg von Dan Browns „Lost Symbol“ legt die Vermutung nahe, dass dieser Übergang schneller kommt als von den meisten erwartet.

Alexander Braun, früherer Online-Direktor bei der Bertelsmann- Tochter Doubleday Canada und Gründer der Bücher-Community quillp.

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