Münchner Muskelspiele

Ein Monat, nachdem Amazon für britische Verlage eine 500-Pfund-Strafgebühr bei unkorrekten Lieferungen eingeführt hat (buchreport.de berichtete hier), drohen auch deutschen Verlagen seit dieser Woche Konventionalstrafen und sogar die Auslistung, falls die Pönalien nicht akzeptiert werden. Bei Ver­lagen stößt das Säbelrasseln der Onliner, das Amazon mit der notwendigen Optimierung der operativen Prozesse begründet, erwartungs­gemäß auf wenig Verständnis.

Hintergrund: Mehrere deutsche Verleger haben Anfang September Post von Amazon aus Luxemburg erhalten, mit der Androhung, ab dem 28. September 500 Euro für Lieferverstöße zu berechnen, falls Lieferungen von Amazon verweigert werden – die Gründe für die Annahmeverweigerung werden darin nicht konkret aufgeführt, es geht aber offenbar z.B. um verspätete Lieferungen. Die Strafe werde von offenen Forderungen des Lieferanten aus Warenlieferungen abgezogen. Künftig soll auch die „Nichteinhaltung anderer kritischer betrieblicher Anforderungen“ per Strafgebühr sanktioniert werden.

Coppenrath Verlag wurde ausgelistet

Wie ernst es dem Onliner ist, zeigt das Beispiel des Coppenrath Verlags. Nachdem Amazon die Lieferzeiten des – selbst ausliefernden – Münsteraner Verlags moniert hatte, Coppenrath aber die Strafgebühr nicht akzeptierte, wurden die Titel kurzerhand ausgelistet. Im Gespräch mit buchreport führt Vertriebsleiter Hubert Bergmoser die Auslistung jedoch auf die „unangemessen hohen“ Konditionenforderungen des Versenders zurück, auf die sich Coppenrath beim jüngsten – telefonisch geführten – Jahresgespräch nicht eingelassen habe.

„Amazon ist ein wichtiger Kunde, aber nicht unser größter – wir sind vertrieblich breit aufgestellt“, so Bergmoser. Ärgerliche Fußnote: Die Kooperation von Amazon und Coppenrath mit der Stiftung Lesen wird durch die Auslistung beeinträchtigt: Die Leseförderer verteilen ein Lesestart-Set mit der Broschüre „Allererste Bücher für Ihr Kind“ an Eltern, die ein Buch bei Amazon kostenlos bestellen können (hier die Überblicksseite bei Amazon) – die beiden Titel aus dem Münsteraner Verlag sind allerdings nicht verfügbar, da Coppenrath ausgelistet wurde.

Kritik in diplomatischem Ton

Ähnlich wie auf der Insel beschweren sich Verlage auch hierzulande über das rüde Verhalten des Internethändlers, wenn auch im diplomatischeren Ton, um es sich mit den Münchnern nicht zu verscherzen:

  • Uli Deurer, Vertriebsleiter bei Kunstmann, kennt den Brief nur vom Hörensagen und räumt ein, dass jeder Handelspartner im vertreibenden Buchhandel Gefahr laufe, Geld zu verlieren, falls es vor allem bei Bestsellern mit der Lieferzeit hapere oder gewisse Richtlinien bei der Anlieferung nicht eingehalten würden. Drastische Strafgebühren für die Lieferanten seien aber „völlig überzogen. Fehler und Lieferverzögerungen kommen auch bei den besten Verlagen und Auslieferungen vor und sollten in einem bestimmten Rahmen auch toleriert werden“. Und: „Wo käme Amazon hin, wenn alle Verlage, deren Produkte selbst bei einwandfreier Titelmeldung fehlerhaft auf der Amazon-Website präsentiert werden, dafür Strafgebühren erheben würde.“
  • Christian Tesch, Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb bei Droemer Knaur kündigt an, dass der Verlag der „einseitigen Veränderung unserer Vertragsbedingungen“ widersprechen und die Thematik anlässlich der Jahres­gespräche mit auf die Agenda nehmen werde.
  • Annette Coldewe, Verkaufsleiterin für Nebenmärkte bei Fischer (wo der Amazon-Brief eingetroffen ist), verweist darauf, dass solche Strafen im Einzelhandel üblich seien; gleichwohl werde man Amazons Vorstoß bei den anstehenden Jahresgesprächen thematisieren.
  • Benjamin Liebhäuser, Prokurist beim Christoph Links Verlag (der den Brief noch nicht erhalten hat), betont, dass die Zusammenarbeit mit Amazon grundsätzlich ausgezeichnet funktioniere. Ob Sanktionen – gleich welcher Art – grundsätzlich ein geeignetes Mittel seien, um Geschäftspartner „zu erziehen“, sei aber dahin gestellt. „Ich persönlich finde Muskelspiele dieser Art unnötig. Wir alle haben doch ein gemeinsames Ziel: Mehr Bücher verkaufen!“

aus: buchreport.express 40/2009

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