Rückwartsgewandt und perspektivenlos

Am 1. September vor 67 Jahren wurde António Lobo Antunes geboren. Zum Jahrestag erinnert buchreport in Kooperation mit dem Verlag J.B. Metzler an den Roman „Das Handbuch der Inquisitoren“. Ein Auszug aus dem neuen Kindlers Literatur Lexikon, das am 4. September 2009 erscheint.

O manual dos inquisidores

Hauptgattung: Epik/Prosa
Untergattung: Roman, (portug.; Das Handbuch der Inquisitoren, 1997, M. Meyer-Minnemann)

Der 1996 erschienene Roman bildet den ersten Teil einer Tetralogie über die Nachwirkungen der jüngsten Geschichte Portugals, die mit O esplendor de Portugal, 1997 (Portugals strahlende Größe), O exortação aos crocodilos, 1999 (Anweisungen an die Krokodile), und Boa tarde às coisas aqui em baixo, 2003 (Guten Abende ihr Dinge hier unten), fortgesetzt wurde.
O manual dos inquisidores knüpft an die Darstellung der politischen und sozialen Verfallserscheinungen im Lissabonner Stadtteil Benfica in den früheren Romanen an: Wieder steht eine Gesellschaft im Zentrum, die ihrer nationalen Vergangenheit verhaftet geblieben ist.

Rückwärtsgewandtheit und Perspektivlosigkeit sind die Koordinaten, innerhalb derer sich der Text entfaltet. Dass statt einer linearen Handlung, die ein in die Zukunft gerichtetes Entwicklungspotenzial in sich tragen würde, zyklische Bauprinzipien vorherrschen, untermauert die Rigorosität des vorgeführten Geschichtspessimismus auch formal.
Im Mittelpunkt des Romans steht Francisco, ein ehemaliger Minister unter dem Diktator Salazar, der in der Erzählgegenwart nach einem Schlaganfall in einem Altersheim dahinvegetiert. Das Leben des senilen Politikers, den die Pfleger wie ein kleines Kind behandeln, wird im weiteren Roman enthüllt. Fast 20 Personen sagen über ihre Begegnungen und Erfahrungen mit dem Minister aus. Dieses Netzwerk sich überlagernder Stimmen bildet ein Psychogramm, das Francisco als einen in der Politik feigen und in der Liebe gescheiterten Mann entlarvt. Mit der kriminalistischen Nüchternheit der Inquisition – die dem Werk seinen Titel gab – bedient sich der Roman der formalen Struktur einer Gerichtsakte, in der insbesondere die Eindrücke von fünf Figuren im Umkreis Franciscos wie Zeugenaussagen zusammengeführt werden.
Im ersten Bericht spricht Franciscos Sohn João.

Anlässlich der Scheidung, die seine Frau Sofia eingereicht hat, erinnert er sich an das herrschaftliche Landgut Palmela, in dem er seine Kindheit beim Vater und der Haushälterin Titina verbracht hat und das seit dem beruflichen Abstieg Franciscos nach der Revolution verfällt. Die Abwesenheit von Joãos Mutter wird im Dilemma seiner eigenen Ehe mit der reichen Sofia gespiegelt, die sich auf Drängen ihrer Brüder schließlich von João trennt. Sie wollen erreichen, dass das Landgut Sofia zugesprochen wird, um auf dem Grundstück eine Ferienanlage zu errichten.
Die ehemalige Haushälterin Titina, die nach der Auflösung des Landguts in einer trostlosen Sozialstation ihr Dasein fristet, schildert im zweiten Bericht die Vergangenheit auf dem Landgut aus dem Blickwinkel der Dienstboten: Als Joãos Mutter Isabel Francisco wegen eines anderen Mannes verlässt, nimmt Titina die mütterliche Fürsorge Joãos auf sich; auch muss sie, ebenso wie die Köchin, die mehrmals schwanger wird, dem verlassenen Ehemann zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse dienen.

Um in der Öffentlichkeit keinen Verdacht zu wecken, lässt Francisco zur Entbindung der Köchin den Tierarzt in den Stall kommen und zwingt die gedemütigte Frau, ihre Tochter fortzugeben.
Dieses Mädchen, Paula, das in bescheidenen Verhältnissen bei einer Pflegemutter aufwächst, erstattet den dritten Bericht. Erst im Alter von ungefähr zehn Jahren lernt sie ihren Vater kennen, dessen politische Autorität sie schlagartig in die soziale Isolation drängt, weil im Klima der Diktatur keiner der Tochter eines Ministers vertraut.

Andererseits muss sie auf die Privilegien der Mächtigen verzichten, als ihr Erbanspruch beim Tod ihres Vaters abgewiesen wird. Drei Monate später bringt Paula, die ihre Mutter nie kennengelernt hat, ein uneheliches Kind zur Welt.
Der vierte Bericht der jungen Frau Milá, Tochter der Besitzerin eines Kurzwarenladens, entlarvt den Minister als verlogenen Liebhaber. Francisco wirbt auf seine alten Tage um die Liebe Milás, in der er seine frühere Frau wiederzuerkennen glaubt. Ihrer Mutter zuliebe, die so auf sozialen Aufstieg hofft, gibt sie seinen erotischen Wünschen zunächst nach.
Der Bericht des ehemaligen Chauffeurs offenbart Franciscos Verstrickung in die Ermordung des (historischen) Salazargegners General Delgado.
Im letzten Bericht erzählt Francisco selbst.

Im Delirium sieht er Bilder von dem Jahre zurückliegenden Besuch bei seiner früheren Frau Isabel, die mittlerweile einsam und desillusioniert in Lissabon lebt, und hält die bevorstehende medizinische Behandlung für einen geplanten Anschlag der Geheimpolizei. Er fasst den Entschluss, noch am selben Tag auf sein Landgut zu fliehen, wo Sofias Brüder in der Zwischenzeit die Feriensiedlung errichtet haben. Der Roman bricht mitten im Satz ab, bevor Francisco die nie offenbarte Liebe zu seinem Sohn aussprechen kann.
Antunes‘ polyphones Textgefüge verdrängt jede vermittelnde Erzählinstanz. Den Romanfiguren ist in ihrer verfallenden Welt keine sinnstiftende Instanz gegeben.

Diesen Mangel spiegelt die Struktur des Romans. Deshalb muss der Leser den Zusammenhang der Geschichte aus der Interferenz der Figurenstimmen selbst herstellen. Der Roman hat weder hierarchische Erzählebenen noch eine chronologische Ordnung. Antunes ausgefeilte Schnitttechnik und assoziative Verknüpfungen lassen Erzählgegenwart und erinnerte Vergangenheit in den Monologen ineinanderfließen, und die leitmotivische Wiederholung einzelner Sätze übernimmt die Funktion inhaltlicher und rhythmischer Strukturierung. Diese Romantechnik gründet auf der Tradition des Bewusstseinsstroms und arbeitet mit Methoden psychoanalytischer Erkenntnis. Indem Figurenstimmen gegeneinander ausgespielt werden, wird der Geltungsanspruch objektiver Wahrheit untergraben. Darin zeigt sich die Nähe zu Erzählformen des nouveau roman.
Lit.: M. A. Seixo: Os Romances de A. L.A, 2002.
Stefanie Gerhold

Zur Person: António Lobo Antunes


geb. 1.9.1942 Lissabon (Portugal)

Studium der Psychiatrie in Lissabon; Psychiater am Hospital Miguel Bombarda, Lissabon; später Truppenarzt im Angolakrieg; nach der ›Nelkenrevolution‹ 1974 zeitweise politisch engagiert; Einfluss durch das Kino der USA und Italiens und die Lektüre von Autoren des Neorealismus und Existenzialismus; neben Saramago bedeutendster postmoderner Erzähler Portugals mit dem vehementen Anspruch, nationale Klischees zu diskreditieren und moralische und religiöse Tabus zu brechen.
Lit.: T. Coelho: A. L. A., 2004 [Fotobiographie].

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