Blick des Psychologen auf kleine Tyrannen

Seit mehr als 75 Wochen ist Michael Winterhoff mit seinen Büchern in der „Spiegel“-Bestsellerliste vertreten. Von „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ hat das Gütersloher Verlagshaus 420.000 Exemplare verkauft, das aktuelle Buch „Tyrannen müssen nicht sein“ hat die 160.000er-Marke passiert. In der öffentlichen Diskussion um Erziehung, die vor einigen Jahren durch Bernhard Buebs Streitschrift „Lob der Disziplin“ ausgelöst wurde, stehen Winterhoff und Bueb – trotz erheblicher inhaltlicher Unterschiede – für eine „Disziplinpädagogik“, für den Ruf nach einer Rückkehr zu einem autoritären Erziehungsstil. Die Thesen von Bueb und Winterhoff haben heftige Kritik bei Fachkollegen hervorgerufen, vor allem von dem Pädagogen Wolfgang Bergmann, der einen kinderfeindlichen Trend sieht, den es umzukehren gelte. Im Interview erklärt Klaus Altepost, Verlagsleiter des Gütersloher Verlagshauses, warum der Ansatz von Winterhoff nicht auf Disziplin und Gehorsam gründet:

Winterhoff und auch Bueb haben mit ihren Büchern Bestseller gelandet. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Ihre Frage geht von falschen Voraussetzungen aus. Die Bücher von Winterhoff und Bueb unterscheiden sich grundlegend, daher ist auch ihr jeweiliger Erfolg nicht miteinander zu vergleichen. Michael Winterhoff hat immer betont, keinen pädagogischen Ansatz zu haben, sondern sich ausschließlich mit der Psyche der Kinder und Jugendlichen zu beschäftigen. Genau in diesem bisher kaum beachteten Ansatz liegt dann auch das Erfolgsgeheimnis der Winterhoff-Bücher. Hier bietet endlich jemand einen konsistenten Erklärungsansatz für das Verhalten vieler junger Menschen, die mit Elternhaus, Schule und Ausbildung nicht mehr klarkommen.
Der Diplompädagoge Wolfgang Bergmann hat heftige Kritik geübt, weitere Autoren wie Largo oder Juul nehmen ebenfalls eine Gegenposition ein. Schlägt das Pendel zurück in Richtung eines partnerschaftlichen Ansatzes?
Nochmal: Winterhoff ist kein Pädagoge. Die Kritik eines Wolfgang Bergmann, der Winterhoffs Bücher ganz offensichtlich ohnehin nicht verstanden hat oder verstehen will, geht somit per se ins Leere. Andere Autoren haben aus ihrer spezifischen Sicht viele wichtige Aspekte zum Thema geliefert, und es wäre eigentlich wünschenswert, zu einer Synthese dieser vielen Ansätze zu kommen. Den Kindern wäre damit mehr gedient als mit der Profilierungssucht manches Winterhoff-Kritikers.
Handelt es sich um eine vorübergehende singuläre Debatte oder ein Thema, das in Zukunft noch an Gewicht gewinnen wird?
Diese Debatte wird bleiben, denn die Probleme verschwinden ja nicht von heute auf morgen. Winterhoffs Ansatz ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber der Weg ist noch lang.
An welche Zielgruppe richten sich die Winterhoff-Bücher?
An alle Erwachsenen, die mit Kindern umgehen. Zuerst natürlich die Eltern, dann aber auch der gesamte Bereich der öffentlichen Erziehung: Lehrer, Erzieherinnen, Jugendhilfemitarbeiter. Und nicht zuletzt an die Verantwortlichen in der Politik, die für die Rahmenbedingungen sorgen müssen, damit ein Nachreifen der Kinder und Jugendlichen überhaupt möglich ist.
Die Debatte über Disziplin und Gehorsam in der Erziehung wird offensichtlich in Deutschland besonders angeregt diskutiert. Warum ist das so?
Zunächst: Bei Winterhoff geht es nicht um Disziplin und Gehorsam. Das ist ein Irrglaube, der nicht zuletzt durch die unsäglichen Äußerungen von Wolfgang Bergmann und Co. in die Diskussion geraten ist. Dass die Debatte sich hierzulande überhaupt häufig um diese Begriffe dreht, hat wohl immer noch mit dem Missbrauch von öffentlicher Erziehung während der Nazizeit zu tun, weniger mit der aktuellen Situation in Elternhäusern und Schulen.

Mehr über Neuerscheinungen zur Erziehungsdebatte im aktuellen  buchreport.magazin August.

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