Mädchen-Manga in Romanform

Am 24. Juli vor 45 Jahren wurde die japanische Autorin Banana Yoshimoto geboren. Zum Jahrestag erinnert buchreport in Kooperation mit dem Verlag J.B. Metzler an den Roman „Kitchin“. Ein Auszug aus dem neuen Kindlers Literatur Lexikon, das am 4. September 2009 erscheint.

Kitchin


Hauptgattung: Epik/Prosa, Untergattung: Erzählung, (jap.; Kitchen, 1992, W. E. Schlecht)


Im Mittelpunkt des 1988 erschienenen Romans steht die zarte, zunehmend intensive Freundschafts- und Liebesbeziehung zwischen der Protagonistin und Ich-Erzählerin Sakurai Mikage und ihrem Freund Tanabe Yūichi. Die Erzählung, die sich an den narrativen Strukturen des ›Comic für Mädchen‹ (›shōjo manga‹) orientiert, gliedert sich in die beiden Teile »Kitchen« und »Vollmond (Kitchen 2)«. Die Protagonistin schildert darin episodenhaft ihr Leben, durchzogen von Reflexionen über ihre Gefühle. Die Melancholie des Buches, die sich in dem einsamen und traurigen Charakterzug Mikages spiegelt, wird vor allem durch die ständige Konfrontation der Protagonistin mit dem Tod erzeugt. So setzt die Handlung der Geschichte erst nach dem Tod der Großmutter ein, bei der Mikage aufgewachsen ist. Ihre Eltern hat sie schon früh verloren.

Der Verlust ihrer Familie bildet den Anlass zu häufigen Reflexionen über das Leben und begründet zum Teil die Atmosphäre von Traurigkeit, Einsamkeit und Dunkelheit. Gleichzeitig bedeutet der Tod in Kitchen das Verschwinden der Kleinfamilie. Mikage wird von Yūichi, der in einem Blumengeschäft jobbt, und seinerMutter Eriko aufgenommen. Die Rollen von Vater und Mutter werden in der Figur der Eriko, die sich als Transsexuelle entpuppt, verschmolzen. Die wunderschöne Eriko war ursprünglich Yūichis Vater, der durch eine Geschlechtsumwandlung eine Frau wurde und erfolgreich eine Bar betreibt. Zwischen Yūichi und Mikage entwickelt sich eine zarte, zerbrechliche, fast geschwisterliche Verbindung, die aber durch eine eifersüchtige Exfreundin Yūichis gestört wird.


Ein Kennzeichen des Werks ist die expressive Symbolik, deren sich die Autorin bedient. Wiederholt verwendet sie z. B. das semantische Feld des Essens, auf das schon im Titel des Buches angespielt wird.

Wie der erste Teil beginnt auch der zweite, »Vollmond (Kitchen 2)«, nach dem Tod einer wichtigen Bezugsperson, nämlich Erikos, die/der in einem Streit erstochen wurde. Mikage besitzt inzwischen eine eigene Wohnung und ist in einem Kochstudio als Assistentin bei einer berühmten Köchin angenommen worden. Diese Tätigkeit verkörpert den kreativen, selbständigen und positiven Aspekt der Protagonistin. Der Tod Erikos löst bei Yūichi eine Krise aus, führt aber zu einem neuen, intensiven Kontakt zwischen ihm und Mikage. In einer Auseinandersetzung mit der eifersüchtige Exfreundin Yūichis verteidigt Mikage ihre eigenen, individuellen Gefühle und Werte und wehrt sich damit auch gegen eine Einstellung, der zufolge der Mann und seine Emotionen im Mittelpunkt des Lebens der Frau stehen sollen.


Der Prozess der Annäherung zwischen Yūichi und Mikage erreicht seinen Höhepunkt, als Mikage berufsbedingt auf die Halbinsel Izu fährt und Yūichi sich ebenfalls in einen dort gelegenen Ferienort begibt. Mikage fährt, einem Impuls folgend, mit einem Taxi zu dem Hotel, wo sich Yūichi befindet, und bringt ihm ein außergewöhnlich schmackhaftes Gericht. Das Verhältnis zwischen beiden wird bis zum Ende der Erzählung in der Schwebe gehalten.
Lit.: R. Ophüls-Kashima: Die jüngste Generation japanischer Schriftsteller – oberflächlich, verspielt und egozentrisch?, in: Japan – Deutschland. Wechselbeziehungen 3, Hg. G. Haasch/A. Kloepfer, 1997, 175–193.
Reinold Ophüls-Kashima

Zur Person: Banana Yoshimoto


geb. 24.7.1964 Tokio (Japan) d.i. Mahoko Yoshimoto

1987 Abschluss des Studiums der Kunst und Literatur an der Nihon-Universität; im selben Jahr literarisches Debüt, seitdem freischaffende Schriftstellerin und Essayistin; international bekannteste Vertreterin einer Frauen-Literatur in Japan, die sich an den narrativen Strukturen des ›Mädchen-Comic‹ (›shōjo manga‹) orientiert.

Lit.: J. W. Treat: Y. B. Writes Home. Shōjo Culture and the Nostalgic Subject, in: The Journal of Japanese Studies 19, 2003, 2, 353–387. • F. Murakami: Postmodern, Feminist and Postcolonial Currents in Contemporary Japanese Culture. A Reading of Murakami Haruki, Y. B., Yoshimoto Takaaki and Karatani Kōjin, 2005. • M. Mae: Y. B. Postmodernes Kulturphänomen oder eine ›neue Literatur‹?, in: Asiatische Studien/Études Asiatiques 61, 2007, 2, 607–642.

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